Ruth und Heinz Oppermann auf ihrem
Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1956.
Bittere Geschichten
Mittwoch, 7. Dezember 2005, 21.45 Uhr im Ersten
Ende der 50er Jahre wird Deutschland von seiner
Geschichte eingeholt. Auch Dirk Kuhl, gerade 18
Jahre alt geworden, kann das Schweigen über die
Vergangenheit nicht mehr ertragen, er erfährt die
Wahrheit über seinen Vater.
Renate Bebensee aus Hamburg ist 17 Jahre alt und
schwanger. Ihre Mutter fürchtet einen Skandal und
zwingt sie zur Abtreibung. Doch eine Abtreibung ist
ebenso verboten wie gefährlich.
Hans-Georg Ullrich lebt in Magdeburg und träumt von
einer Karriere als Fotograf und Kameramann. In der
DDR will man aus ihm einen Melker machen. So sieht
er keine Zukunft mehr in Magdeburg und will in den
Westen, nach Berlin. Aber die Grenzen werden immer
strenger kontrolliert.
Heinz Oppermann findet nach über zehn Jahren
Arbeitslager in der Sowjetunion ein neues Zuhause in
Bonn. Dort trifft er seine zukünftige Frau, mit ihr
fährt er in den ersten Urlaub seines Lebens.
Dirk Kuhl, geb. 1940 in Remscheid, genießt die
Freiheit seiner Jugend. Als Zwölf-, Dreizehnjähriger
liefert er sich wilde Verfolgungsjagden auf den
Trümmergrundstücken mit den Nachbarskindern,
darunter viele Flüchtlinge. Dass er keinen Vater
hat, weil der in britischer Gefangenschaft sitzt,
beunruhigt ihn nicht weiter. Schließlich geht es
vielen Kindern so.
Ihn beschäftigen die Abenteuer der Pubertät:
Jugendbanden, Tanzstunden, Partys, die erste
Freundin. 1958 macht er mit der Schulklasse einen
Ausflug nach Westberlin. Während seine Mitschüler
die Reise mit dem Zug antreten, kauft ihm die Mutter
aus Angst vor Sippenhaft ein Flugticket, um eine
Passkontrolle am Grenzübergang zur DDR zu umgehen.
Dirk ahnt: es hat mit dem Vater zu tun, der 1948
angeblich in britischer Gefangenschaft verstorben
ist.
Als er aus Berlin zurückkommt und die Mutter seinen
drängenden Fragen nicht mehr ausweichen kann,
schickt sie Dirk zu seinem Onkel nach Holland. Hier
erfährt Dirk die Wahrheit über seinen Vater: Er war
Gestapo-Offizier und SS-Obersturmbannführer in einem
Arbeitslager, den Herrmann-Göring-Werken in
Salzgitter. Die britische Militärregierung hat ihn
als Kriegsverbrecher hingerichtet.
Dirk Kuhl ist entsetzt und verwirrt: "Nach allem,
was ich mittlerweile über die NS-Zeit wusste, wollte
ich natürlich lieber einen Widerstandskämpfer zum
Vater!" Das Verhältnis zur Mutter ist eisiger denn
je. Dirk ist der Ansicht, die Eltern haben ihre
Autorität verwirkt. Er verbringt fortan seine Abende
in rauchigen Jazzkneipen und diskutiert mit
Gleichgesinnten drängende existenzialistische
Fragen.
Heinz Oppermann, geb. 1920 in Memel, Ostpreußen, ist
1950 seit drei Jahren in russischer Gefangenschaft
in einem Arbeitslager in Workuta. Seine Ehefrau in
München hat bis Mitte der 50er Jahre - also neun
Jahre lang - keinerlei Lebenszeichen von ihm
erhalten und ihn daraufhin für tot erklären lassen.
Heinz aber lebt, ist jedoch gesundheitlich stark
angeschlagen. Da er Russisch kann, setzt er sich
offen für die Belange der deutschen Gefangenen ein.
Als Häftlinge in mehreren Lagern revoltieren, wird
er zum Häftlingssprecher gewählt. Zunehmend
erreichen Transporte mit Deutschen das Lager - nach
dem 17. Juni 1953 sind es vor allem politische
Häftlinge aus der DDR. Als die deutsche
WM-Fußballmannschaft 1955 in Moskau zum
Freundschaftsspiel antritt, haben Heinz und seine
Kameraden die große Hoffnung, bald nach Hause zu
kommen.
Doch erst denauers Besuch wenig später in Moskau
bewirkt das Wunder: die Freilassung der letzten
Gefangenen. Nach seiner Rückkehr trifft er auf Ruth
Lankisch. Die beiden verlieben sich und heiraten
1956. Mit der ersten Frau aus München einigt er sich
auf Trennung und Freundschaft, zumal auch sie wieder
einen neuen Partner hat.
Ruth Oppermann, geb. 1930 im Memelland, Ostpreußen.
Die 20-jährige Ruth Lankisch macht 1950 in Kiel
gerade eine Ausbildung zur Krankenschwester. Sie ist gerade beim
Bettenmachen, als sie 1953 aus dem Radio von Stalins
Tod erfährt.
Doch die Weltpolitik hat auf ihr Leben kaum
Einfluss. Sie arbeitet, trifft ihre Freundinnen und
wartet auf die große Liebe. Die begegnet ihr 1955,
als sie Heinz Oppermann wiedersieht, einen Freund
der Familie, den sie seit Kindertagen kennt.
Wenig später heiraten Ruth und Heinz.
1957 wird die gemeinsame Tochter geboren. Eigentlich
wäre das Glück jetzt perfekt, aber die Wohnung ist
zu klein und die Atmosphäre oft äußerst angespannt,
denn auch Heinz' Mutter lebt bei den frisch
Vermählten. Doch allmählich geht es bergauf. 1958
ziehen sie in eine neue, größere Wohnung. 1959 folgt
der erste Urlaub und kurz drauf das erste Auto.