Der Kaiser im Exil, die SPD stellt den Reichskanzler und den Reichspräsidenten, Putsch von Links, Putsch von Rechts und dann auch noch die Inflation im Jahr 1923. Endlich liegen diese wirren Jahre mit Pleiten, Arbeitslosigkeit und einer perspektivelosen Kriegsgeneration hinter Deutschland. 1927 –
die Wirtschaft läuft, die Regierungen in Berlin wechseln zwar in schneller Folge, aber wen interessiert das schon?
"Einkommens- und Lebenshaltungsniveau des Jahres 1913 wieder
erreicht!" Das ist die Meldung. Die Deutschen sind wieder da, wo wir vor der Katastrophe des Ersten Weltkrieges standen.
Auch den Arbeitern, die in der wirren Zeit am stärksten gelitten hatten, geht es jetzt besser.
"Sozialversicherung" heißt das Zauberwort. Jeder Arbeitnehmer gehört jetzt per Gesetz der Arbeitslosenversicherung an und hat im Falle der Erwerbslosigkeit das Recht auf Unterstützung. Immerhin 26 Wochen gibt es zwischen 6 und 22 Mark die
Woche Arbeitslosengeld. Nicht gerade viel, aber Hungern muss da keiner mehr.
Klar, dass in dieser Situation Radikale wie Adolf Hitler mit seiner NSDAP kaum Zulauf haben. 3,7 Prozent der Stimmen, so das Ergebnis für die Braunhemden bei der Landtagswahl in Braunschweig. In Hessen, Bremen und Mecklenburg-Strelitz treten die Radikalen vom rechten Rand gar nicht erst an.
Politik ist momentan Nebensache. Viel lieber wird der Pilot Charles Lindbergh bewundert, der im Alleinflug den Altantischen Ozean überquert. 33 Stunden und 29 Minuten allein in der einmotorigen
"Spirit of St. Louis", nur mit einem Kompass 6.000 Kilometer am Stück von New York nach Paris. Das ist ein modernes Abenteuer!
Gestritten wird im Jahr 1927 auch – und zwar heftig. Sollen Frauen wirklich arbeiten wie Männer? Die junge Angestellte mit eigener Wohnung und eigenem Verdienst bevölkert zunehmend die Boulevards der Großstädte. Aber sollte die Frau nicht doch besser – wie in der guten alten Zeit – ihre Erfüllung in den drei K's – Küche, Kinder, Kirche – finden? Aber wie soll dann die Wirtschaft funktionieren? Wer verkauft in den Kaufhäusern? Wer tippt im Büro?
Skandalös, was sich da in den Klubs und auf den Bühnen der Hauptstädte tut. Revuen mit fast unbekleideten Tänzerinnen, provozierende Politstücke, die zum Klassenkampf aufrufen, und dann auch noch diese wilde Musik, dieser Jazz samt Tanzrausch.
"Charleston" und vorher schon der "Shimmy" heißen diese Tänze. Wie schrieb die Berliner Illustrierte schon 1921:
"Als Tanz ist "Shimmy" kaum zu bezeichnen, sein Rhythmus ist
Fieberdelirium!" Gut, dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen in die Kinos strömt, die jetzt an fast jeder Straßenecke locken. Hier gibt es Liebe, Spannung und den Grusel, ein Happy End und das Ganze für kleines Geld.
Wie im Fieberdelirium – so sehen die Figuren aus, die Maler wie Otto Dix und George Grosz auf ihren Bildern präsentieren. "Neue Sachlichkeit" heißt die Stilrichtung, die die Welt präsentieren soll, wie sie ist und nicht, wie sie sein sollte. Dazu – ganz neu in Paris – die Surrealisten und die Dadaisten, die dem Sinn des Sinnlosen auf der Spur sind. Da ist das Bauhaus, mit seinen Architekten und Gestaltern, die die praktische Form bevorzugen, schon verständlicher.
Mode und Stile, beileibe nicht nur in der Malerei, wechseln immer schneller.
"Tempo, Tempo" ist die Devise, in der Arbeitswelt, mit dem Auto auf der Straße, mit dem Zug auf der Schiene, mit dem Flugzeug in der Luft – und eben auch im Kunstgenuss und im Vergnügen.
Von der Inflation und der Weltwirtschaftskrise, die 1929 warteten, hatten die Zeitgenossen 1927 keine Ahnung. Dass Hitler mit seinen 3,7 Prozent Wählern in Deutschland die Macht übernehmen würde, ahnte niemand. Erst aus der gegenwärtigen Perspektive mögen einem die Jahre 1924 bis 1929 als die
"Goldenen Zwanziger" erscheinen.