Jedes Detail muss
stimmen...
Ein Interview mit Regisseur Volker Heise zum Thema Living-History und der Bedeutung von StreichholzschachtelnEs wurde in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe von Doku-Serien im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Glauben Sie,
dass das Interesse der Zuschauer an solchen Formaten bzw. Living-History erlahmt?
Volker Heise: Was Living History anbetrifft: Nein. Ich sehe darin auch kein
austauschbares Format, sondern eine Grundidee, die immer
neue Herausforderungen an die Umsetzung stellt. Und wir haben
versucht, mit "Schwarzwaldhaus 1902", "Abenteuer
1900"
und jetzt "Abenteuer 1927", Serien zu produzieren, die unverwechselbar
sind, die ein jeweils eigenes Profil haben, einen eigenen
Stil und eine eigene Seele. Und solange "Living
History" spannend und informativ erzählt wird, hat es auch Chancen
beim Zuschauer.
Was unterscheidet "Abenteuer 1927 –
Sommerfrische" von anderen Doku-Serien?
Volker Heise: "Abenteuer 1927" ist keine reine Dokumentarserie, da sich fiktionale
und dokumentarische Elemente mischen. Wir schaffen zuerst die historische Situation Gutshaus 1927 und dokumentieren
dann, was im Gutshaus passiert. Wir geben auch Ereignisse
vor, die 1927 wahrscheinlich gewesen wären, mit denen
sich die Protagonisten auseinandersetzen müssen, um diese
Zeit auch sinnlich zu erfahren. Die Protagonisten sind so Kundschafter
in einer anderen Welt, durch deren Augen wir und die Zuschauer das Jahr 1927 auf einem Gutshof erleben. Gleichzeitig
reflektieren sie mit ihrem Wissen von heute das Leben von
damals: Ihre Stellung in der Hierarchie, die Arbeit, den Alltag.
Diese, auch für uns oft überraschenden Erkenntnisse, sind das
eigentliche Ziel von "Living History".
Wodurch schaffen Sie für die Protagonisten das Gefühl, tatsächlich
im Jahr 1927 zu leben?
Volker Heise: Wir versuchen, die historische Situation im und um das Gutshaus
so perfekt wie möglich nach dem Vorbild von 1927 zu gestalten
und während der Dreharbeiten auch aufrecht zu erhalten.
Dafür betreiben wir einen großen Aufwand an Recherche,
die dann in Kostüme, in die Ausstattung, in die Handbücher mit
den Rollenbeschreibungen für die Protagonisten einfließt. Jede
Einzelheit muss stimmen, von der Inneneinrichtung bis zu
den Autos, Radiosendungen, Zeitungen und Streichholzschachteln.
Das mag perfektionistisch klingen, ist es auch, aber mit diesem Perfektionismus sagen wir den Protagonisten: Wir
wollen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema.
Nur dann können wir auch von ihnen Ernsthaftigkeit erwarten.
Und es ist jedes Mal eine Katastrophe, wenn wir etwas übersehen,
wenn etwa ein Preisschild mit Strichcode nicht abgekratzt
wurde, weil diese Erinnerung an die Gegenwart sofort den historischen
Raum zerstört. Also: Perfektion und Ernsthaftigkeit in der Umsetzung sind das A und O.
Wie lange haben Sie "Abenteuer 1927 –
Sommerfrische" vorbereitet?
Volker Heise: "Abenteuer 1900" haben wir zwei Jahre vorbereitet, bei
"Abenteuer 1927" waren es "nur" anderthalb Jahre, da wir das Gutshaus
schon hatten und die Umbauten nicht so umfangreich waren.
Wir brauchen diese lange Vorbereitungszeit nicht nur für
die Recherche der Inhalte, sondern auch für das sorgfältige Casting
und die Ausstattung. Versuchen Sie einmal, ein historisches
Auto 1927 zu finden, dass nicht nur schick in der Gegend herum
steht, sondern auch wirklich von Chauffeur Scheible gefahren
und gewartet werden kann. Fast alle Museen und Sammler drehen
sich entsetzt ab. Die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen
muss einfacher sein.
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