09.02.2012

Abenteuer 1927 - Sommerfrische
Abenteuer 1927 - Sommerfrische

Home

Die Serie

Im Gutshaus

Die Hausbewohner

Die Zeitreise

Hinter den Kulissen

Interaktiv

Flash-Version

Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus

Die zwanziger Jahre

Startseite DasErste.de

Unterhaltung im Ersten

Sendungen im Ersten A-Z
Stiltrainer Uwe Fenner (Bild: Uwe Fenner)
Stiltrainer Uwer Fenner

 

 

 

 
"Etikette war 1927 nicht wichtiger als heute – sie war nur selbstverständlicher!"

Ein Interview mit Uwe Fenner, Stiltrainer und Buchautor

Die wichtigste Aufgabe für die Sommergäste bestand in der ersten Woche darin, die richtigen – d.h. in Zeitgeschmack und Form dem Jahr 1927 entsprechenden – Umgangsformen zu erlernen. Stiltrainer Uwe Fenner beriet die Sommergäste im Gutshaus in allen Fragen der Etikette. Am ersten Wochenende galt es dann, sich bei einem Festessen als stilvolle Gastgeber zu beweisen.


Wie lange haben Sie mit den Protagonisten gearbeitet?
Uwe Fenner: Zwei volle Tage. Und dann sind wir gemeinsam den gesamten Tagesablauf durchgegangen und stießen auf Fragen wie: Wer öffnet denn jetzt eigentlich die Tür? Wer geht links, wer rechts? Wie tritt man an den Esstisch heran? Wie betritt man überhaupt den Speiseraum? Bleibt man dann einfach stehen oder setzt man sich?


Was sind die zehn wichtigsten Regeln der Etikette, die die Sommergäste zu beachten hatten?
Uwe Fenner: Ich sage immer: "Gutes Benehmen ist Herzenssache"; darum ist es mit ein paar Regeln nicht getan. Damals wie heute gehören zur Etikette die ganz alltäglichen Dinge, die eigentlich für jedermann selbstverständlich sein sollten, heutzutage aber fast täglich gebrochen werden: 1. Nicht mit vollem Mund reden, 2. pünktlich sein, 3. den anderen ausreden lassen, 4. das gemeinsame Essen zur gleichen Zeit beginnen, 5. beim Essen nicht rauchen, 6. nicht mit dem Besteck gestikulieren, 7. Hilfsbereitschaft signalisieren, indem man in den Mantel hilft oder beim Platz nehmen am Tisch der Dame den Stuhl zurecht rückt, 8. sich dem Anlass gemäß dezent und würdig kleiden, 9. sich in Lautstärke und Ausdrucksweise gepflegt benehmen, d.h. nicht brüllen oder unflätige Ausdrücke benutzen. Etikette hat übrigens auch immer etwas mit moralischen Werten zu tun; wie z.B. 10. die Wahrheit zu sagen. Alles in allem bedeutet das nichts anderes, als seine Mitmenschen zu respektieren und zu achten und im Interesse des anderen zu handeln. Diese Werte haben sich seit 1927 nicht verändert.


Hatten die Protagonisten mit bestimmten Benimmregeln besondere Schwierigkeiten?
Uwe Fenner: Schwierigkeiten nur insofern, als dass sie über manche Regeln bass erstaunt waren. Aber trotzdem haben sie diese Regeln angenommen, verinnerlicht und umgesetzt. Wie zum Beispiel, dass man sich nicht setzen darf, so lange eine Dame noch steht. Dass man sich bei Tisch keinen "Guten Appetit" wünscht – das galt als gewöhnlich. Dass man beim Anreichen des Brotkorbs nicht nur ein Stück Brot herausnimmt, sondern den Korb annimmt. Bei Tisch werden gewisse Gesprächsthemen vermieden: Man sprich nicht über Religion, Politik und Geld. Außerdem haben wir Fragen geklärt wie: Wie stelle ich mich richtig vor? Wie begrüße ich mein Gegenüber richtig? Wie esse ich richtig, z.B. Hummer?


Was das Thema Etikette 1927 wichtiger als heute?
Uwe Fenner: Auf jeden Fall war die damalige Gesellschaft strenger in der Einhaltung der Etikette. Aber Etikette war nicht wichtiger als heute; sie war einfach selbstverständlicher! Etikette ist immer nur dem Wandel der Zeit oder den äußeren Umständen unterworfen, bleibt aber in allen Zeiten Dreh- und Angelpunkt des gepflegten Miteinander. Für die Zeit um 1900 gilt: Die Oberschicht orientierte sich in Sachen Etikette am Adel, jener wiederum am Hof. Für die Dienstboten gab es keine wirkliche Etikette; diese Regeln würde ich eher als Dienstvorschriften bezeichnen.


Gibt es einen grundlegenden Unterschied in Sachen Etikette zwischen damals und heute?
Uwe Fenner: Nein, Etikette kann eher als ein sich evolutionär an die Zeit anpassender Prozess verstanden werden, der die Gefühle und Moralvorstellungen der Menschen berücksichtigt und beinhaltet. Etikette ist aber keine modische Erscheinung, bei der man sagen kann: Dieses oder jenes ist obsolet. Nur wo Neuerungen einen Anlass zu Veränderungen geben, tut sich auch etwas. Seit es zum Beispiel das Telefon oder das Handy gibt, sind natürlich weitere Aspekte der Etikette resp. Umgangsformen hinzugekommen, die es vorher einfach nicht gab. Ein weiteres Beispiel ist, dass heutzutage nicht mehr das Personal die Tür öffnet: Früher nahm ein Dienstmädchen die Visitenkarte des Besuchers entgegen und informierte seine Herrschaften, die dann entscheiden konnten, ob sie heute empfangen oder nicht. In jedem Fall galt dies übrigens für den Besucher als "Ich habe den Besuch gemacht". Ein weiteres Beispiel ist der Handkuss – den gibt es heute auch nicht mehr. Daraus ist dann aber Küsschen rechts, Küsschen links geworden.


Aber es gibt doch elementare Veränderungen der sozialen Beziehungen in den vergangenen 80 Jahre?
Uwe Fenner: Nun, nehmen wir eine der grundlegenden Veränderungen als Beispiel: die Emanzipation der Frau. Früher wurde die Frau von den Männern im Allgemeinen und ihrem Mann im Speziellen als das Wertvollste überhaupt betrachtet. Sie wurde verehrt, hofiert und beschützt. Bei Tisch hatte ihr Sitznachbar die Aufgabe, sie zu unterhalten. Es war völlig selbstverständlich, dass der Ehemann die Koffer trug und die Söhne zu ihrer Mutter aufschauten und sie verehrten. Ich z.B. habe noch drei Brüder und wir haben uns bemüht, es unserer Mutter so bequem wie möglich zu machen, indem wir ihr die Hausarbeit abnahmen. Wenn eine Dame den Raum betrat, stand man auf. Wenn man einen Brief schrieb, schrieb man diesen nie an "Frau und Herr Meier", sondern immer an "Herrn und Frau Meier", allein aus dem Grunde, weil man die Frau nicht schutzlos am Anfang der Zeile stehen lassen wollte. Heute ist es genau andersherum: Es gilt überall die Devise "Ladies first" und dementsprechend auch als höflich, die Dame in der Adresse eines Briefes zuerst zu nennen. Und es steht auch nicht unbedingt jemand auf, wenn eine Dame den Raum betritt.


Warum ist Etikette Ihrer Meinung nach für die Gesellschaft wichtig?
Uwe Fenner: Sie garantiert einen reibungslosen Ablauf im Umgang miteinander. Zum Beispiel bei einer Abendgesellschaft: Wenn alle teilnehmenden Gäste wissen, wie man sich zu benehmen hat und welche Regeln beachtet werden müssen, dann fühlt sich jeder wohl und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren – nämlich auf die Unterhaltung mit den Menschen. Denn das ist doch das Ziel eines solchen Abends: Man möchte interessante Menschen kennen lernen und kluge und amüsante Gespräche führen. Das Essen wird zur Nebensache, denn man ist ja nicht dort, um sich den Bauch voll zu schlagen oder sich den Alkohol in den Rachen zu schütten. Vielleicht möchte man auch ein geschäftliches Anliegen besprechen – all das ist einfacher, wenn man um die Regeln weiß und sich nach diesen benimmt. Schaden kann Etikette gar nicht, im Gegenteil.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW