"Etikette war
1927 nicht wichtiger als heute – sie war nur selbstverständlicher!"
Ein Interview mit Uwe Fenner, Stiltrainer und
Buchautor
Die wichtigste Aufgabe für die Sommergäste bestand
in der ersten Woche darin, die richtigen – d.h. in Zeitgeschmack
und Form dem Jahr 1927 entsprechenden – Umgangsformen
zu erlernen. Stiltrainer Uwe Fenner beriet die Sommergäste
im Gutshaus in allen Fragen der Etikette. Am ersten Wochenende
galt es dann, sich bei einem Festessen als stilvolle Gastgeber
zu beweisen.
Wie lange haben Sie mit den Protagonisten gearbeitet? Uwe Fenner: Zwei volle Tage. Und dann sind wir
gemeinsam den gesamten Tagesablauf durchgegangen und stießen
auf Fragen wie: Wer öffnet denn jetzt eigentlich
die Tür? Wer geht links, wer rechts? Wie tritt man
an den Esstisch heran? Wie betritt man überhaupt
den Speiseraum? Bleibt man dann einfach stehen oder setzt
man sich?
Was sind die zehn wichtigsten Regeln der Etikette,
die die Sommergäste zu beachten hatten? Uwe Fenner: Ich sage immer: "Gutes Benehmen
ist Herzenssache"; darum ist es mit ein paar Regeln
nicht getan. Damals wie heute gehören zur Etikette
die ganz alltäglichen Dinge, die eigentlich für
jedermann selbstverständlich sein sollten, heutzutage
aber fast täglich gebrochen werden: 1. Nicht mit
vollem Mund reden, 2. pünktlich sein, 3. den anderen
ausreden lassen, 4. das gemeinsame Essen zur gleichen
Zeit beginnen, 5. beim Essen nicht rauchen, 6. nicht mit
dem Besteck gestikulieren, 7. Hilfsbereitschaft signalisieren,
indem man in den Mantel hilft oder beim Platz nehmen am
Tisch der Dame den Stuhl zurecht rückt, 8. sich dem
Anlass gemäß dezent und würdig kleiden,
9. sich in Lautstärke und Ausdrucksweise gepflegt
benehmen, d.h. nicht brüllen oder unflätige
Ausdrücke benutzen. Etikette hat übrigens auch
immer etwas mit moralischen Werten zu tun; wie z.B. 10.
die Wahrheit zu sagen. Alles in allem bedeutet das nichts
anderes, als seine Mitmenschen zu respektieren und zu
achten und im Interesse des anderen zu handeln. Diese
Werte haben sich seit 1927 nicht verändert.
Hatten die Protagonisten mit bestimmten Benimmregeln
besondere Schwierigkeiten? Uwe Fenner: Schwierigkeiten nur insofern, als
dass sie über manche Regeln bass erstaunt waren.
Aber trotzdem haben sie diese Regeln angenommen, verinnerlicht
und umgesetzt. Wie zum Beispiel, dass man sich nicht setzen
darf, so lange eine Dame noch steht. Dass man sich bei
Tisch keinen "Guten Appetit" wünscht –
das galt als gewöhnlich. Dass man beim Anreichen
des Brotkorbs nicht nur ein Stück Brot herausnimmt,
sondern den Korb annimmt. Bei Tisch werden gewisse Gesprächsthemen
vermieden: Man sprich nicht über Religion, Politik
und Geld. Außerdem haben wir Fragen geklärt
wie: Wie stelle ich mich richtig vor? Wie begrüße
ich mein Gegenüber richtig? Wie esse ich richtig,
z.B. Hummer?
Was das Thema Etikette 1927 wichtiger als heute? Uwe Fenner: Auf jeden Fall war die damalige Gesellschaft
strenger in der Einhaltung der Etikette. Aber Etikette
war nicht wichtiger als heute; sie war einfach selbstverständlicher!
Etikette ist immer nur dem Wandel der Zeit oder den äußeren
Umständen unterworfen, bleibt aber in allen Zeiten
Dreh- und Angelpunkt des gepflegten Miteinander. Für
die Zeit um 1900 gilt: Die Oberschicht orientierte sich
in Sachen Etikette am Adel, jener wiederum am Hof. Für
die Dienstboten gab es keine wirkliche Etikette; diese
Regeln würde ich eher als Dienstvorschriften bezeichnen.
Gibt es einen grundlegenden Unterschied in Sachen
Etikette zwischen damals und heute? Uwe Fenner: Nein, Etikette kann eher als ein
sich evolutionär an die Zeit anpassender Prozess
verstanden werden, der die Gefühle und Moralvorstellungen
der Menschen berücksichtigt und beinhaltet. Etikette
ist aber keine modische Erscheinung, bei der man sagen
kann: Dieses oder jenes ist obsolet. Nur wo Neuerungen
einen Anlass zu Veränderungen geben, tut sich auch
etwas. Seit es zum Beispiel das Telefon oder das Handy
gibt, sind natürlich weitere Aspekte der Etikette
resp. Umgangsformen hinzugekommen, die es vorher einfach
nicht gab. Ein weiteres Beispiel ist, dass heutzutage
nicht mehr das Personal die Tür öffnet: Früher
nahm ein Dienstmädchen die Visitenkarte des Besuchers
entgegen und informierte seine Herrschaften, die dann
entscheiden konnten, ob sie heute empfangen oder nicht.
In jedem Fall galt dies übrigens für den Besucher
als "Ich habe den Besuch gemacht". Ein weiteres
Beispiel ist der Handkuss – den gibt es heute auch nicht
mehr. Daraus ist dann aber Küsschen rechts, Küsschen
links geworden.
Aber es gibt doch elementare Veränderungen
der sozialen Beziehungen in den vergangenen 80 Jahre? Uwe Fenner: Nun, nehmen wir eine der grundlegenden
Veränderungen als Beispiel: die Emanzipation der
Frau. Früher wurde die Frau von den Männern
im Allgemeinen und ihrem Mann im Speziellen als das Wertvollste
überhaupt betrachtet. Sie wurde verehrt, hofiert
und beschützt. Bei Tisch hatte ihr Sitznachbar die
Aufgabe, sie zu unterhalten. Es war völlig selbstverständlich,
dass der Ehemann die Koffer trug und die Söhne zu
ihrer Mutter aufschauten und sie verehrten. Ich z.B. habe
noch drei Brüder und wir haben uns bemüht, es
unserer Mutter so bequem wie möglich zu machen, indem
wir ihr die Hausarbeit abnahmen. Wenn eine Dame den Raum
betrat, stand man auf. Wenn man einen Brief schrieb, schrieb
man diesen nie an "Frau und Herr Meier", sondern
immer an "Herrn und Frau Meier", allein aus
dem Grunde, weil man die Frau nicht schutzlos am Anfang
der Zeile stehen lassen wollte. Heute ist es genau andersherum:
Es gilt überall die Devise "Ladies first"
und dementsprechend auch als höflich, die Dame in
der Adresse eines Briefes zuerst zu nennen. Und es steht
auch nicht unbedingt jemand auf, wenn eine Dame den Raum
betritt.
Warum ist Etikette Ihrer Meinung nach für
die Gesellschaft wichtig? Uwe
Fenner: Sie garantiert einen reibungslosen Ablauf
im Umgang miteinander. Zum Beispiel bei einer Abendgesellschaft:
Wenn alle teilnehmenden Gäste wissen, wie man sich
zu benehmen hat und welche Regeln beachtet werden müssen,
dann fühlt sich jeder wohl und man kann sich auf
das Wesentliche konzentrieren – nämlich auf die Unterhaltung
mit den Menschen. Denn das ist doch das Ziel eines solchen
Abends: Man möchte interessante Menschen kennen lernen
und kluge und amüsante Gespräche führen.
Das Essen wird zur Nebensache, denn man ist ja nicht dort,
um sich den Bauch voll zu schlagen oder sich den Alkohol
in den Rachen zu schütten. Vielleicht möchte
man auch ein geschäftliches Anliegen besprechen –
all das ist einfacher, wenn man um die Regeln weiß
und sich nach diesen benimmt. Schaden kann Etikette gar
nicht, im Gegenteil.