Inhalt.
Hauptnavigation.
Weitere Inhalte.
Bildunterschrift:
Bernd Eichinger
]
Trauer um einen großen Produzenten
Kaum einer füllte so viele Kinosäle wie Bernd Eichinger. Der erfolgreiche deutsche Filmproduzent starb am 24. Januar 2011 im Alter von 61 Jahren in Los Angeles an einem Herzinfarkt.
Im November wird Ihr Kinoerfolg "Der BaaderMeinhof Komplex" als zweiteiliger Fernsehfilm im Ersten zu sehen sein. Der Zweiteiler ist 30 Minuten länger als die Kinofassung. Was erwartet die Zuschauer? Ein dramaturgisch völlig neuer Film?
Bernd Eichinger: Als ich im Januar 2007 das Drehbuch zu "Der BaaderMeinhof Komplex" schrieb, war dies das Drehbuch zu einem Kinofilm. Es gab zu keinem Zeitpunkt ein extra Drehbuch für die Fernsehfassung, auch keine extra Szenen.
In meinem Kopf entstanden also nicht zwei verschiedene Projekte, sondern nur eins, nämlich der Kinofilm. Allerdings war beim Schreiben für mich absehbar, dass die Länge des Drehbuchs die Laufzeit eines normalen Kinofilms weit überschreiten würde.
Den dramaturgischen Bogen so weit spannen zu können, war für mich ein großer Luxus. Das Drehbuch wurde auch in seinem ganzen Volumen verfilmt. Für die Kinofassung mussten wir die Masse des Materials verdichten. Die dramaturgischen Schnittpunkte wurden deswegen durchaus radikal ineinander verzahnt. Uli Edel und mir hat das sehr gefallen, den Zuschauer so in den wilden Strom der Ereignisse zu werfen. Genau das wollten wir nämlich.
Es hat uns allerdings in Deutschland auch manche Kritik eingetragen, wir wären zu schnell über Geschehnisse und Personen hinweg gefegt. Im Ausland sah man das anders. Im Gegenteil, man sah diese Art der erzählerischen Kompromisslosigkeit als Qualität.
Die Fernsehfassung entstand am Schneidetisch, nach Fertigstellung der Kinofassung. Die dramaturgischen Schnittstellen mussten wieder aufgetrennt und durch den Zuwachs an zusätzlichen Filmszenen neu zusammengefügt werden. Dadurch ergab sich über weite Teile der Fernsehfassung eine ruhigere Erzählstruktur. Mancher szenischer Vorgang und manche Person wird somit ausführlicher behandelt. Das erleichtert natürlich die Rezeption und gibt dem Zuschauer mehr Information. Beim Schnitt für die TV-Fassung wurde auch berücksichtigt, dass jeder der beiden Teile für sich ein in sich geschlossenes Ganzes bilden muss. Dass dies eine gewisse Raffinesse im Erzählerischen und dadurch im Schnitt erfordert, sei für Nachahmer warnend angemerkt. Der Fernsehzuschauer kann sich also, auch wenn er den Kinofilm schon gesehen hat, auf einen interessanten und spannenden Abend freuen.
Bildunterschrift:
Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin
]
Mit der Inhaftierung von Verena Becker ist der RAF-Terrorismus erneut ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Dadurch gewinnt auch Ihr Film an Aktualität. Was kann "Der Baader Meinhof Komplex" den Menschen heute, besonders den jüngeren Zuschauern, in Zeiten eines global operierenden Terrorismus' vermitteln?
Bernd Eichinger: Ich habe noch nie einen Film gemacht, weil das Thema zufällig gerade aktuell war. Aktualität überlasse ich den TV-Nachrichten und den Zeitungen. Filmemachen hat mehr mit dem Erfassen von Zeitströmungen zu tun. Das ist ein langfristigeres Denken. Wie tief das Trauma des RAF-Terrorismus' der 70er Jahre in Deutschland auch heute noch sitzt, war selbst für mich überraschend. In der Startwoche des Kinofilms gab es in den Medien praktisch kein anderes Thema, und an manchen Tagen war der Film auf allen Titelseiten der wesentlichen deutschen Zeitungen präsent. So etwas hatte ich in dieser massiven Form in meiner 30-jährigen Filmlaufbahn noch nicht erlebt.
Die Kritiker hackten geradezu tollwütig auf den Film und gegenseitig aufeinander ein. Es war unglaublich. Eine derartig massive Reaktion kann ich mir nur dadurch erklären, dass das Thema immer noch eine offene Wunde im kollektiven Unterbewusstsein ist. Ich glaube auch, dass die Reaktionen deshalb so überschäumten, weil wir in unserem Film keine einfachen Antworten auf das "wieso" und "warum" geben wollten. Das konnten wir auch nicht, weil es keine einfachen Antworten gibt. Deswegen heißt der Titel des Films auch "Der Baader Meinhof Komplex" und nicht "Simplex".
Man kann sich dem Thema auch nicht moralisierend nähern. Das haben uns viele als mangelnde Haltung vorgeworfen. Ich halte das für einen vollkommen absurden Kritikpunkt. Moral schärft nicht den Blick auf die Wahrheit. Wie die Geschichte immer wieder beweist, ist das Gegenteil der Fall.
Bildunterschrift:
Nadja Uhl alias Brigitte Mohnhaupt und Regisseur Uli Edel
]
Nach "Der Untergang" ist "Der Baader Meinhof Komplex" Ihre zweite Produktion, die von Anfang an für eine Verwertung sowohl im Kino als auch im Fernsehen geplant war. Kritiker haben bemängelt, dass damit die Fernsehästhetik mehr und mehr auf das Kino übergreift, Fernsehredakteure zuviel Einfluss darauf gewinnen, was für das Kino als genuine Kunstform produziert wird. Welche Vorzüge und Nachteile haben solche so genannten Hybridprojekte in Ihren Augen?
Bernd Eichinger: Zunächst muss festgestellt werden, dass ohne das beherzte Engagement von NDR,WDR, BR und ARD Degeto der Kinofilm überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Die zweiteilige Fernsehfassung, die daraus entstanden ist, natürlich auch nicht. Kritiker sind stets auch professionelle Bedenkenträger – wobei sie insofern Recht haben, als sich nur wenige Projekte sowohl als Kinofilm als auch als zweiteilige Fernsehfassung eignen.
Man kann keine 90 Minuten Kinokomödie auf zwei Mal 90 Minuten TV-Teile "strecken" und auch keine 180 Minuten TV- auf 100 Minuten Kinofilm "amputieren". Was sich eher eignet, ist das Epos oder die Chronik. Wenn das Genre stimmt, bietet die Zusammenarbeit in meinen Augen nur Vorteile. Man kann mit größeren Budgets umgehen und dadurch sorgfältiger arbeiten. Ich glaube, mit Recht sagen zu können, dass sowohl bei "Der Untergang" als auch bei "Der Baader Meinhof Komplex" kompromisslose und sehr erfolgreiche Kinofilme entstanden sind, die im In- und Ausland als solche Beachtung fanden. Das hat sich nicht zuletzt an den Kinokassen und in zahlreichen Preisen geäußert.
Zudem erhielten beide Filme eine Oscar-Nominierung und "Der Baader Meinhof Komplex" zudem auch eine Golden-Globe-Nominierung. Einen störenden Einfluss seitens der Fernsehsender hat es bei keinem meiner Projekte gegeben. Im Gegenteil.