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16.05.2012

Die Buddenbrooks
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"Das Fernsehen kann sich deutlicher epische Momente erlauben"

Heinrich Breloer über die Fernsehfassung seiner "Buddenbrooks"  

Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jürgen Rüttgers, Heinrich Breloer (Bild: WDR/Klaus Görgen) Bild vergrößern Bildunterschrift: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers besuchte 2007 die Dreharbeiten zu den "Buddenbrooks". ]
Nun gibt es eine längere Fassung der "Buddenbrooks": Liegt Ihnen eine davon mehr am Herzen?
Die Kinofassung meines "Buddenbrooks"-Films habe ich – vom Schneideraum bis zu den vielen Vorführungen während der Produktion – sicher an die hundert Mal gesehen; die Dialoge kann man dann schon lippensynchron mitsprechen. Die Fernsehversion dagegen, vor dem Kinofilm fertiggestellt, war schon etwas in meinem Gedächtnis abgesunken, als ich sie mir jetzt, nach über einem Jahr, wieder im Zusammenhang vorgespielt habe. Ein ruhigerer Einstieg in die Geschichte, eine gründlichere Vorstellung der Personen. Der Zuschauer kann sich leichter über die jeweilige Rolle der verschiedenen Familienmitglieder orientieren: Jean, der Patriarch, wird schon in diesen ersten Bildern als höchste Autorität gesetzt, die Konsulin als seine rechte Hand, ihn stützend und verstärkend. Thomas als der ordentliche Sohn und designierte Erbe, Christian dagegen als der Bruder Liederlich. Die Schwester Tony – schon hier erfüllt von einer Gefühlsgewissheit, die sie, allen widrigen Schicksalen zum Trotz, bis ganz zuletzt behaupten wird – als Buddenbrook etwas Besonderes zu sein. Kleine Motive, wie der notorisch schlechte Umgang mit Geld bei Christian, können schon in einer ersten Szene akzentuiert werden, die in der gerafften Erzählung des Kinos ausfallen mussten. Die Fassungen unterscheiden sich in einer Reihe kleiner und großer Veränderungen.

Wie viele Ihrer Filme entstand auch "Buddenbrooks" in Zusammenarbeit mit Horst Königstein.
Mein Freund und Koautor Horst Königstein hat sich in seinem kleinen Hauskino die beiden Teile dieser Fassung vorgespielt, auch er nach langer Pause. Ich fragte ihn nach seinem Eindruck: "Mehr Details. Mehr Gelassenheit!" Und dann ein schönes Kompliment: "Eine größere Zärtlichkeit im Umgang mit den zentralen Charakteren." Da hat er wohl Recht. Sie haben auf der langen Strecke ausführlicherer Erzählung im Fernsehen mehr Raum zum Leben. Zum Leben und zum Sterben: Vor der Sterbeszene des Konsuls zeigt die Fernsehfassung die Familie Buddenbrook vor dem Haus. Ein heißer Tag. Man plant ein Picknick vor den Toren der Stadt, nun wartet man auf den Konsul. Eine drückende Schwüle entsteht – wie es Thomas Mann erzählt hat. Der Wind fegt Staubwolken über die Straße, bis sich schließlich mit dumpfem, trockenen Knall ein Gewitter entlädt. Das ist der Augenblick, in dem oben in der Ankleide Jean Buddenbrook zusammenbricht. Es ist hier nicht so auf den Höhepunkt hin erzählt wie es das Kino verlangt hat. Im Fernsehen wird man das Verstreichen der Zeit anders zur Wirkung bringen als im Kino.

Regisseur Heinrich Breloer (Bild: WDR/Herby Sachs) Bild vergrößern Bildunterschrift: Regisseur Heinrich Breloer 2008 in Essen ]
Dann kann sich das Fernsehen eine besondere Großzügigkeit in der Erzählfreude leisten?
Im dunklen Raum des Kinos sind wir im Drama mit den Personen gefangen. Das Fernsehen kann sich dagegen deutlicher epische Elemente erlauben. Fernsehen und Kino sind eben unterschiedliche Medien, die jeweils ganz besondere Möglichkeiten für eine Erzählung anbieten. Man muss da ganz nüchtern eine Bilanz mit Vorteil- und Nachteilsrechnung aufmachen. Die Magie des dunklen Kinosaals und der beleuchtete soziale Raum des Fernsehens. Allerdings: Die Räume und das Erleben rücken mit der Entwicklung der großen Fernseher schon zusammen. Der Zauber wirkt auch im abgedunkelten Wohnzimmer. Hier können die Zuschauer 40 Minuten länger und intensiver mit den Buddenbrooks verbringen. So erleben wir auch die Hochzeit von Tony. Wir sehen, wie das Paar getraut wird, wir bemerken den sehnsuchtsvollen Blick des Blumenmädchens Anna auf Thomas. Und nach dem Jawort darf der Bräutigam Grünlich die Braut küssen. Wir erkennen es an Tonys Gesicht: Das ist anders, ganz anders als damals im Wrack an der See, als Morten sie küsste. Am Ende der Szene tritt der betrügerische Bankier Kesselmeyer auf, der die Verlobung auf der Börse ausgeschrieen hatte, damit Grünlichs Kredit erhalten blieb. Vorboten des Untergangs, den der Kinofilm erst in späteren Bildern vorführt. So nähert sich eine ausführlichere Erzählung dem überaus detailreichen literarischen Vorbild weiter an. Einen ähnlichen Eindruck hatte auch Horst Königstein: "Das epische Gleichmaß und die Kakophonie des Sterbens am Ende wirken nicht mehr so kondensiert wie in der notwendigen Raffung der Kinofassung. Man hat den Eindruck, dass das hier vorsichtiger entfaltet wird."

Könnte es sein, dass die Fernsehfassung auch "musikalischer" ist?
Es scheint, als ob sich sogar die komplexen musikalischen Motive, die Hans Peter Ströer in seinem Soundtrack entwickelt hat, in der Langversion besser heraushören lassen. Die Wiederholung der Leitmotive und ihre Variation bis hin zum Moll der Todesbilder sind deutlicher zu verfolgen. Es ist ja Thomas Manns Technik der leitmotivischen Charakterisierung seiner Figuren, die unsere Musik nachspielen soll.

Historische Mehrteiler gehörten früher zu den schönsten Fernseherlebnissen. Wollen Sie eine Tradition wiederbeleben?
Warum nicht? Die Weihnachtszeit – das sind besondere Tage im Jahr, die die Menschen sich mit etwas mehr Ruhe und Distanz zum Alltag gestalten. Sie suchen in diesen Tagen auch nach Filmen, die sie in eine andere Zeit führen. Wenn dabei ihre Probleme zur Sprache kommen, die ursprünglichen Fragen nach Glanz und Untergang, nach der Kraft, die Menschen erfolgreich macht, danach, woran wir sterben – verpasstes Lebensglück, Betrug, die Sehnsucht, sich aufzugeben – all das sie unmittelbar angehend, aber in der Distanz einer anderen Zeit: Ich glaube, es gibt die Bereitschaft, sich von besonderen Filmen dieser Art für ein paar Stunden verzaubern zu lassen. Vielleicht gelingt uns das mit unserem Zweiteiler. Das alles sind nur unsere Eindrücke, Hoffnungen und Wünsche an eine Vorführung, von der wir am Ende doch nicht viel voraussagen können. Vielleicht kann man mit vollem Herzen am Glanz und Untergang der Buddenbrooks teilhaben. Das jedenfalls wünsche ich unseren Zuschauern, wenn sie dabei sind: Weihnachten mit den "Buddenbrooks".

Arte zeigt am 19. Dezember 2010, um 16:30 Uhr die Dokumentation von Inga Wolfram "Gedanken auf glitzernden Flügeln – Der Filmemacher Heinrich Breloer". Die Dokumentation läuft außerdem am 27. Dezember 2010 um 15:15 Uhr im WDR-Fernsehen.

Sendetermin
Mo, 27.12.10 + Di, 28.12.10 | 20:15 Uhr

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW