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21.03.2010

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Contergan

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  • aktuelle Kategorie: Unterhaltungssendungen
    • aktuelle Sendung: Contergan
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Ein Gepräch mit Regisseur Adolf Winkelmann – Teil 1

"Ich hatte bei diesem Film das Glück, wirklich genau die Darsteller zu bekommen, die ich mir gewünscht habe."

Herr Winkelmann, vor dem ersten und dem zweiten Teil des Fernsehfilms "Contagan" gibt es einen Vorspann...
Das liegt nicht in meiner Macht. Der Text ist uns vom Gericht so vorgeschrieben.

Die Firma Grünenthal hat gegen die Ausstrahlung geklagt. Welche Änderungen mussten Sie an Ihrem Film vornehmen, damit er jetzt gezeigt werden darf?
Es gab ja 32 Verbotspunkte, die beim Landgericht beantragt wurden. Es waren also 32 einzelne Einstweilige Verfügungen, meist mit mehreren Unterpunkten, immer bezogen auf bestimmte Dialogpassagen und Szenen. Davon ist in der zweiten Instanz, beim Oberlandesgericht, ein einziger übrig geblieben, und von dessen vier Unterpunkten auch nur noch zwei. Es geht um den Privatdetektiv Karges: Historisch verbürgt ist, dass die Firma Grünenthal einen namentlich bekannten Privatdetektiv engagierte, und der hat versucht, missliebige Ärzte auszuspionieren.

Dabei ging es allerdings nicht um die Fehlbildungen, sondern um die Nervenschäden. Contergan ist ja vor fünfzig Jahren auf den Markt gekommen, am 1. Oktober 1957. Kurze Zeit später häuften sich die Hinweise und Nachfragen von Ärzten, Kliniken und Patienten, dass nach Einnahme von Contergan so genannte Polyneuritiden auftraten, sprich: Nervenschäden. Die Haut fühlte sich an wie Reibeisen oder es gab Taubheitsgefühle in den Extremitäten, unerklärliche Schmerzen. Das Schlimme daran: Die blieben – auch wenn man das Medikament absetzte. Dazu gab es eine Vielzahl von Anfragen und Beschwerden. Das wollte Grünenthal nicht wahrhaben, und in dem Zusammenhang wurde ein Privatdetektiv engagiert. In unserem Film bespitzelt dieser auch den Anwalt und versucht, ihn fertig zu machen und seine Ehe zu zerstören. Da sagte das Gericht: Da gehen wir zu weit, da gibt es keine Entsprechung in der historischen Realität. Deshalb musste ich da etwas ändern.

Das heißt, die anfängliche Kritik an der Darstellung der Anwaltsfamilie ist vom Tisch?
Das Oberlandesgericht hat Schulte-Hillen in keinem Punkt Recht gegeben.

Was wurde neu gedreht?
In der ursprünglichen Version konnte man als Zuschauer den Eindruck gewinnen, der Detektiv Karges handele mit Wissen und Billigung der Geschäftsführung der Pharmafirma. Dieser Eindruck ist jetzt ausgeschlossen. Ansonsten ist der Film so geblieben, wie ich ihn gedreht habe und wie er seit dem Frühjahr 2006 fertig vorliegt.

Dass es ein derart lebendiger und mitreißender Film geworden ist, liegt nicht zuletzt am Ensemble...
Ich hatte bei diesem Film das Glück, wirklich genau die Darsteller zu bekommen, die ich mir gewünscht habe, und ich bin dem Produzenten Michael Souvignier sehr dankbar für seine tatkräftige Unterstützung bei der schwierigen Arbeit an dieser perfekten Besetzung. Die Zusammenarbeit mit ZEITSPRUNG war in jeder Beziehung hervorragend. Und was die Firma nicht zuletzt im juristischen Kampf um den Film geleistet hat, verdient größten Respekt. Außerdem habe ich das Gefühl, heute endlich als Regisseur alt und erfahren genug zu sein, die Schauspieler so führen zu können, dass ich von ihnen genau das bekomme, was ich für die Geschichte brauche.

Es ist gerade Ihre plastische Figurenzeichnung, die diesen Film zu mehr macht als einem historischen Eventfilm. Man würde sich auch ohne das Thema Contergan dafür interessieren, wie es dieser Familie mit ihrem behinderten Kind ergeht.
Ich bin stolz darauf, keinen dieser gängigen, spekulativen Event-Zweiteiler gemacht zu haben, in denen – egal ob Brandbomben fallen, die Flut rollt oder Rosinenbomber nach Berlin fliegen – ein spektakulärer historischer Hintergrund für eine seichte Dreiecks-Liebesgeschichte verwurstet wird. So etwas wollten wir auf keinen Fall. Mein Anliegen war, dieses schreckliche von Menschen gemachte, von Menschen verschuldete Unglück wieder ins Bewusstsein zu heben. Ich habe selbst als Heranwachsender Contergan-Kinder auf der Straße gesehen und musste lernen, damit umzugehen. Und ich habe mich im Nachhinein sehr geschämt dafür, wie ich – beeinflusst durch die Gesellschaft – auch selbst dachte, das sei kein schöner Anblick. Behinderte wurden damals stigmatisiert, in Heimen versteckt und weggeschlossen.

Es scheint, als sei auch die Nazizeit noch präsent gewesen mit ihren schrecklichen Idealen...
Die waren in den 50er, 60er Jahren nur unter den Teppich gekehrt, längst nicht aus den Köpfen verschwunden.

Müssen wir aber nicht heute umgekehrt sagen, dass sich nach Contergan die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Behinderten positiv verändert hat?
Wir haben riesige Fortschritte gemacht im Umgang mit behinderten Menschen, dennoch leben sie in einer Parallelgesellschaft, sie haben eigene Schulen, eigene Taxidienste, sind optisch nicht präsent im Straßenbild. Die Bewegungsfreiheit eines Rollstuhlfahrers endet allzu häufig vor Barrieren und unüberwindbaren Hindernissen.

Auch bei dem als Schlaf- und Beruhigungsmittel verabreichten Präparat verstand damals niemand die Wirkung – die Hersteller eingeschlossen. Hat sich auch das Arzneimittelrecht durch Contergan geändert?
Es gab weder ein brauchbares Arzneimittelgesetz, das die industrielle Produktion von Medikamenten regelte, noch Verbraucherschutzbestimmungen, Produkthaftung oder Ähnliches. Die Gesetzgeber der jungen Bundesrepublik hatten einfach noch keine Zeit dafür gefunden. In den USA war man schon viel weiter.

Als 1960 bei der Food and Drug Administration eine Zulassung beantragt wurde, übergab man den anscheinend einfachen Fall einer jungen Mitarbeiterin. Francis Oldham Kelsey stellte fest, dass es keine zufrieden stellende Dokumentationen gab und aus England Berichte über Nervenschäden bekannt waren. Das Medikament wurde nicht zugelassen. Ihre verantwortungsvolle Arbeit bewahrte die USA vor tausenden von Contergan geschädigten Kindern. 1962 erhielt Kelsey von Präsident John F. Kennedy den höchsten zivilen Verdienstorden der USA.

Die kleine Denise, die Darstellerin des behinderten Kindes, schließt man sofort ins Herz. Wie haben Sie sie gefunden?
Die ursprüngliche Idee war, die Darstellung der Behinderung mit Hilfe digitaler Animation zu lösen, etwa bei einem nicht behinderten Kind die Arme wegzuretuschieren. Aber ich hatte gerade mit Engelchen flieg einen Film mit einem körperlich behinderten Kind in der Hauptrolle gedreht und wusste, das ist Quatsch: Für mich war unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen des Films, ein Kind zu finden, das wirklich ohne Arme lebt und sein Leben meistert. Fußfertigkeit kann man nicht mal eben lernen. Man weiß nicht genau, wie es dazu kommt, aber damals wie heute werden in Einzelfällen Kinder ohne Arme oder Beine geboren. So haben wir nach diesen ganz seltenen Fällen gesucht. Contergan führte zu ganz bestimmten Fehlbildungen, und jeder Mediziner wird sofort sehen, dass Denise kein wirkliches Contergan-Kind ist. Wir suchten auch nach echten Contergan-Kindern, die es ja auch wieder gibt.

Wie bitte?
Ja, in Brasilien und Kolumbien zum Beispiel gibt es wieder Contergan-Kinder, der Wirkstoff Thalidomid wird dort gegen Lepra eingesetzt. Das Problem ist: Wie geht man mit dem Risiko für die Schwangeren um? Da ist dann vielleicht ein Beipackzettel, den ein Analphabet nicht lesen kann. Oder es gibt ein Piktogramm: Eine Frau mit durchgestrichenem dicken Bauch. Vielleicht ein Verhütungsmittel, könnte man denken! Wir hätten beinahe ein echtes Contergan- Kind aus Kolumbien besetzt, weil es diese spezielle Schädigung nur bei Contergan gibt. Dann fanden wir aber über einen Arzt dieses fröhliche, begabte Mädchen in Süddeutschland.

Für mich war es ein besonderer Glücksfall, weil ich auch mit der Mutter sprechen konnte. Lange Nachmittage haben wir darüber geredet, wie es ihr ergangen ist. Ich habe dann genau so inszeniert, wie sie mir von ihren Erfahrungen erzählt hat: Zum Beispiel, dass sie ihr Kind, trotz des Schocks nicht abgelehnt hat, sondern sofort liebte.


Adolf Winkelmann (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Der Regisseur Adolf Winkelmann ]




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