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10.02.2012

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Contergan
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Ein Gepräch mit Regisseur Adolf Winkelmann – Teil 2

Wird man durch Ihren Film besser verstehen lernen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte?
Es gibt einen Aspekt, der dieses Thema besonders interessant machte: Wir Menschen glauben ja gerne, uns die Erde untertan machen zu müssen, wir fühlen uns berufen, Erfindungen zu machen, um unsere Ziele zu erreichen. Bei Contergan wusste niemand, was es eigentlich war und wie es wirkte. Aber es wirkte: Die Menschen konnten besser schlafen. Was aber solche Errungenschaften sonst noch für Auswirkungen haben, kann man vorher nicht wissen. Wir sind wie die Zauberlehrlinge, die Geister rufen, die wir dann nicht mehr loswerden. Das ist unser Schicksal, nicht nur bei Contergan.

War nicht früher auch die Bereitschaft größer, einfach mal ein Schlafmittel zu nehmen?
Allerdings. Contergan wurde zudem aggressiv beworben als erstes und einziges Schlafmittel, mit dem man sich nicht umbringen kann, egal wie viele Pillen man nimmt. Es gab Contergan ja auch in flüssiger Form, im Volksmund "Kinosaft" genannt. Warum? Den Saft gaben Eltern ihren Kindern, wenn sie abends mal in Ruhe ins Kino gehen wollten. Contergan war rezeptfrei, was sollte es schaden?

Die 50er Jahre waren geprägt von einem heute nicht mehr vorstellbaren naiven Fortschrittsglauben. Ich habe damals Reader's Digest Hefte verschlungen, sie waren voller Zukunftsfantasien, alles schien machbar. Diese Gläubigkeit hat dann durch den größten Arzneimittelskandal im Nachkriegsdeutschland allerdings einen Dämpfer bekommen.

Im Filmbereich aber glauben Sie offensichtlich an den Fortschritt, sonst hätten Sie nicht so oft etwas Neues ausprobiert: "Jede Menge Kohle" war damals der erste deutsche Film in Dolby-Ton, hinter Ihnen sehe ich ein Plakat der Tonmarke THX.
Das ist ein Erinnerungsstück von George Lucas, das lange in den Ruhrsound-Studios hing, dem ersten digitalen Filmtonstudio in Deutschland.

Sie sind ein Technik-Fan bis hin zur kleinsten Taschenlampe...
Ich kann gar nicht verstehen, wie man das nicht sein sollte, wenn man mit einem technischen Bildmedium arbeitet. Ich habe ein präzises Verhältnis zu meinen Werkzeugen. Wenn ich Maler wäre, hätte ich doch auch ein Verhältnis zu Farbe und Pinsel und wüsste genau, wie ich was einsetze.

Bei aller neuen Technik haben Sie den Film doch sehr klassisch auf Filmmaterial gedreht und in ruhige Szenen aufgelöst.
David Slama und ich haben beim Drehen gemerkt, dass die 60er Jahre auch einen anderen Kamerastil verlangen. Eigentlich wollten wir den Film dokumentarischer, brüchiger und bewegter filmen, aber dann haben uns die 60er Jahre ergriffen.

Authentisch bis zum Kartoffelsalat...
Ja, die Erinnerung an die Zeit hat uns überwältigt. Ich habe sie ja sehr bewusst erlebt, und so kamen immer wieder diese Flashbacks: Da steht einem am Set plötzlich eine Chefsekretärin gegenüber. Heute gibt es die ja gar nicht mehr.

Sie meinen einen Typ Mensch, der sich in den Chef hineinversetzen konnte bis zur Telepathie.
Genau. Ursprünglich gab es nur eine einzige Sekretärin im Buch, die zweite habe ich dazugeschrieben. Während der Arbeit ertappte ich mich dabei, dass ich beide nach dem Vorbild meiner Mutter moduliert habe: Eine ist jünger, eine älter, aber beide sind meine Mutter. Sie war Chefsekretärin in einer großen Speditionsfirma. Ich habe als Kind oft erlebt, wie sie für die Herren die Zigarren auf dem Konferenztisch arrangiert hat. Einmal gab es eine Weihnachtsfeier mit exakt drapierten Tannenzweigen. Und dann kam der Weinbrand dazu, den sie Cognac nannten.

Haben Sie viele dieser Erinnerungen einbringen können?
Das eigentliche Kunststück ist, es doch nicht ganz so zu machen, wie es in den Sechzigern wirklich war.

Das müssen Sie erklären.
Zum Beispiel das Rauchen. In Konferenzen wurde hemmungslos Kette geraucht. Eins zu eins im Film dargestellt, geriete so etwas zur Karikatur.

Gerade aus heutiger Sicht macht man ja vieles falsch. So stellt man Filme über die 70er Jahre gerne voll schicker Designermöbel. Dabei hatte die damals kaum jemand, sondern man benutzte die Nachkriegsware, bis sie kaputt ging.
Die Ausstatterin Ingrid Henn ist da sehr präzise. Solche Fehler würde sie nicht machen. Auch ihre Kollegin Lucia Faust nicht, die Kostümbildnerin. Der Anfang mit der Kanzlei-Einweihung spielt 1960. Die Frauen tragen aber Petticoats, die fünf Jahre älter sind, weil die Verweildauer der Gegenstände wesentlich länger war als heute.

Sie erzählen von einem Kampf David gegen Goliath. In Ihren Bildern steht der einsame Anwalt dem mächtigen Grünenthal-Vorstand als finsterer Herrenriege gegenüber.
Das kann man so beschreiben. Ich fand es schon als Jugendlicher spannend zu beobachten, wie Hierarchien sich in Kleidung und Körpersprache präsentieren. Solche Gruppen kann man für einen Film nur inszenieren, wenn man eine Vorstellung von jeder einzelnen Figur hat und weiß, was sie tut, wie sie reagiert und sich bewegt.

Sie haben viel Persönliches in die Geschichte eingearbeitet.
Es sind kleine Details, die aber typisch sind für die Zeit, die ich sehr intensiv erlebt habe. Zum Beispiel meine Lieblingsstelle: Wenn die Wegeners nach der Geburt des Kindes zu Hause sind und Hanne Paul auffordert, er solle doch essen, was sie ihm da so aus lauter Verzweiflung zubereitet hat. Sie zählt alles auf: Ich hab dir Brot aufgeschnitten, streichzarte gute Butter, Dauerwurst, Schinken, Käse, Gürkchen... Sie redet und redet und zeigt, was sie sagt, alles ist doppelt.

Die Sprache, die sie wählen, vermittelt viel von dieser anderen Zeit...
Genau. Butter war eben damals nicht einfach Butter, sondern gute Butter. Im Gegensatz zur Tafelbutter. Denn das war Margarine. So ging es mir mit jedem Requisit. Da kam der Requisiteur mit einem Adventskranz, und ich spürte sofort, dass irgend etwas falsch war daran. Die Kerzen waren zu dick. Früher waren die dünner. Die musste er besorgen. Und das war schwer, weil Adventskranzkerzen heute eben dicker sind. Die Schlipsknoten habe ich allen Schauspielern selbst gebunden. Oder wie man damals den Kragen halb hochstellte: Diese Details ergeben am Ende ein Gesamtbild, das einen wirklich in die Zeit hineinversetzt. Und so haben wir eben auch intuitiv angefangen, die Kamera genau so zu bewegen, wie man es damals gemacht hätte.

Wie kamen Sie zum Beispiel an die originalen Tablettenröllchen?
Nicht wenige Contergan-Geschädigte haben alles aufgehoben, auch die echten Tabletten.

Wie viele Menschen sind insgesamt betroffen?
Weltweit wurden mehr als 10.000 Menschen betroffen. In Deutschland leben heute noch etwa 2.800 Contergan-Geschädigte. Mit 550 Euro Rente, maximal. Und diese Rente zahlt nicht der Verursacher, sondern der Steuerzahler. Die Eltern der Contergan-Kinder haben in einer extremen Notsituation auf alle Rechte verzichtet, um Entschädigungszahlungen zu erhalten. Jetzt aber kommen die Spätfolgen. Wenn man sein Leben lang mit den Füßen isst, hat das Auswirkungen auf die Wirbelsäule. Es gibt Spätschäden in mannigfaltiger Art, viele Betroffene haben täglich Schmerzen und brauchen kostspielige medizinische Hilfe. Vor möglichen Nachforderungen hat Grünenthal heute natürlich besondere Angst. Wenn jetzt eine breite Öffentlichkeit erfährt, was damals los war, könnte die Forderung laut werden, alles wieder aufzurollen.


Adolf Winkelmann (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Der Regisseur Adolf Winkelmann ]




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