DasErste.de - Springe direkt zu

Inhalt.
Hauptnavigation.
Weitere Inhalte.

10.02.2012

Fernsehen zum Anklicken
dieflucht
Inhalt

Über "Die Flucht" von Regisseur Kai Wessel

Als mir vor 15 Jahren eine Stoffidee zu diesem Thema angetragen wurde, dachte ich nicht im Traum daran, mich mit diesem damals als revanchistisch angesehenen Thema auseinander zu setzen. Als ich am dritten Drehtag zum ersten Mal den großen 800 bis 900 Meter langen Flüchtlingstreck in Bewegung sah, bekam ich einen sinnlichen Eindruck von den Massen, die damals in Bewegung waren und heute überall auf der Welt noch immer sind, um vor Hunger und Krieg zu fliehen.

Flucht und die spätere Vertreibung sind keine exklusiv deutschen Themen. Sie sind europäisch, interkontinental, global. Und wenn wir als Deutsche darüber berichten, dann vielleicht deshalb, weil wir es waren, die diese beispiellose Flucht und Vertreibungsgeschichte ausgelöst haben.

Ich wollte einen Film drehen, der konsequent aus der Perspektive der Zivilbevölkerung erzählt ist. Niemand leidet in einem Krieg so sehr wie die Zivilbevölkerung. Sie ist ohne Schutz und in dem Kampf um Herrschaft und Macht das schwächste Glied. Das Bild, das wir heute vom Zweiten Weltkrieg haben, ist ein Bild aus der Rückschau. Die Unübersichtlichkeit der Kriegslage, die bewusste Fehlinformation und die Hoffnungen der Bevölkerung lassen einen objektiven Blick nicht zu und verschlimmern die Leiden. Die Härte des Krieges, mit der die ostpreußische Bevölkerung getroffen wurde, ist sicher herausragend und daher beispielhaft.


Die Aufgabe, exemplarisch einen langen Film über Aufbau und Fall eines Gutshofes und deren Angehörige zu drehen, war alles andere als alltäglich: Vier Jahreszeiten, vier große Schlösser und Güter, ein außergewöhnlich großes Schauspielerensemble und über eine Stunde Filmzeit in Schnee und Eis waren eine extreme Herausforderung an Mensch und Technik. Um möglichst authentisch zu sein, war mein Ziel, auf computergenerierte Bilder zu verzichten bzw. die Technik allenfalls ergänzend einzusetzen.

Wir begaben uns über Wochen auf ein Terrain, auf dem bisher noch keiner von uns Erfahrungen gesammelt hatte. Doch wir waren voller Hoffnung: Hoffentlich liegt Schnee, hoffentlich liegt er auch bis zum letzten Drehtag, hoffentlich sinken die Temperaturen nicht weit unter 20 Grad minus, hoffentlich bleiben alle gesund. Und es stellten sich Hunderte von Fragen: Ist es überhaupt möglich, bei den kurzen Tagen über 50 Pferde, Pferdewagen, Kinder, Alte und knapp 300 Komparsen mitten auf dem Land zur gleichen Zeit drehfertig zu haben? Und wenn, geht das auch auf dem Eis? Hält das Eis? Wer garantiert dafür? Wie verpflegt man die Komparsen? Wie die Pferde? Wie lange können Alte und Kinder auf dem Eis stehen, ohne Erfrierungen zu erleiden? Was ist, wenn das Eis spiegelglatt ist und sich keiner bewegen kann? Wie lange kann ein Schauspieler in null Grad kaltem Wasser bleiben? – Eine extreme Herausforderung an alle Abteilungen, bei der wir uns ohne die Erfahrung und Hilfe der litauischen Crew sehr viel schwerer getan hätte.

Doch all diese Superlative, die jeder aus unserem großen Team Tag für Tag mitgeschaffen und miterlebt hat, sind nutzlos, wenn sie nicht in eine glaubhafte Geschichte eingebunden sind. Sie sollen kein Selbstzweck sein und nicht nur vordergründig unterhalten. Sie sollen erzählen und authentisch sein, soweit das im Film überhaupt möglich ist, und sie sollen berichten. Berichten, um nicht zu vergessen. Berichten, um darüber zu reden.

Maria Furtwängler und Regisseur Kai Wessel (Bild: dpa) Bildunterschrift: Maria Furtwängler mit Regisseur Kai Wessel ]




Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW