Historischer Hintergrund: Wer geht, ist Verräter
Professor Dr. Manfred Messerschmidt (Ehemaliger Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg)Das Schicksal der ostpreußischen Bevölkerung ist – wie das Schicksal Millionen anderer Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und aus dem Sudetenland, wie das Schicksal vertriebener Polen – Folge eines verbrecherischen Krieges, in den Hitler mit seinen Großmacht- und Lebensraumplänen Europa und die Welt gestürzt hat.
Die Flucht aus Ostpreußen geht zurück auf die Methoden der deutschen Kriegführung in der Sowjetunion und auf das Verdikt der Naziregierung in der Endphase des Krieges Ende 1944: Ostpreußen, Schlesien, Pommern etc. sind menschliche Festungen gegen den Feind. Wer geht, ist Verräter und wird mit dem Tod bestraft.
Der Massenexodus im bitterkalten Winter 1944/45 ist ohne Vorgeschichte heute kaum verständlich. Die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg haben die Menschen nicht zur Massenflucht bewegt. Die Russen kamen 1914, aber sie gingen wieder. Die Ereignisse des Winters 1944/45 sind gekennzeichnet durch die ideologische Verbohrtheit von Eliten und kleinen Leuten, durch jahrelange NS-Propaganda und das Feindbild vom jüdisch-bolschewistischen Untermenschen.
Eine große Rolle spielten die Ausschreitungen der russischen Armee, die nach Bekanntwerden der Vorgänge in Nemmersdorf zu einer um sich greifenden Angst in der Bevölkerung führten. Noch während der Fluchtbewegung hoffen viele Menschen trotz der militärischen Lage auf eine noch mögliche Kriegswende. Hierin sind sie sicherlich auch durch das Verbot der Evakuierung verstärkt worden.
Als der Zusammenbruch von Staat und Ordnung über Kinder, Mütter und Großeltern als auswegloses "Es gibt kein Zurück" hereinbrach, war es für einen geordneten Rückzug zu spät. Das zivile Ostpreußen ging unter in der Flut einer sich auflösenden versprengten deutschen Armee, im Ansturm einer überlegenen russischen Armee.
Der Exodus verwandelte Einheimische, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene gleichermaßen in Flüchtlinge. Im Inferno blieb nur der Unterschied zwischen Gesunden und Kranken, zwischen Menschen, die Pferd und Wagen besaßen, und anderen, die dies nicht hatten.
Vor diesem Anfang oder Ende betrachtet ist die Fluchtbewegung von Millionen unschuldiger Zivilisten vor allem ein Kapitel in der Geschichte dieses Krieges, das alle, die es durchleiden mussten, zu Verlierern machte.

