Historischer Hintergrund: Flucht und Vertreibung
Professor Dr. Peter Steinbach (Universität Karlsruhe, Institut für Geschichte, und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin)Zu den emotional besonders schmerzhaft erinnerten Ereignissen der Nachkriegszeit gehören Flucht und Vertreibung: Seit Spätherbst 1944 suchten im Osten Hunderttausende Schutz vor der heranrückenden Front und mussten unter widrigsten Umständen ihr Leben und das ihrer Angehörigen retten, allein gelassen von einer Führung, die die rechtzeitige Flucht oftmals behinderte und verbot. Die Erinnerung an die Flucht im Winter 1944/45 wurde zum geheimen Symbol der Leidensgeschichte der Deutschen. Politisch oft durch die Neigung zum relativierenden Vergleich belastet, ist der Blick heute freier und zielt auf Leidenserfahrungen, die nicht mehr aufgewogen und so relativiert, sondern nebeneinander gestellt und so zugleich neu gewichtet werden.
In ihrer ganzen Vielschichtigkeit lässt sich die Dramatik der Flucht und der Vertreibung als Leidensgeschichte nur dann darstellen, wenn höchst unterschiedliche Entwicklungen in ihrer Gleichzeitigkeit wahrgenommen werden. Die Erinnerung der Deutschen wird dann nicht isoliert, sondern mit den Leidenserfahrungen anderer Mitlebender, etwa der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, verknüpft. Dadurch wird die Flucht aus den deutschen Ostgebieten zu einem Ereignis europäischer Geschichte. Der Film zeigt auch, dass die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten nach 1945 eine Phase gewaltsamer Vertreibung von Menschen abschließt, die die Nationalsozialisten vorher aus rassenideologischen Gründen diffamiert, entrechtet, deportiert oder zwangsweise umgesiedelt hatten. Der Blick auf die Endphase des Krieges 1944/45 macht deutlich, dass die Katastrophe von deutscher Seite heraufbeschworen wurde. Das sich abzeichnende Kriegsende veranlasste die NS-Führung keineswegs dazu, die Zivilbevölkerung in Sicherheit zu bringen. Dies belastet die NS-Führung mit einer weiteren Schuld. Betroffen waren alle: Frauen, Kinder, Greise, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Sie flohen vor dem Krieg, aber auch vor der Gewalt, die Soldaten der Roten Armee an der Zivilbevölkerung verübten. Diese wird im Film nicht verschwiegen, aber nicht vom anderen Geschehen isoliert.
Mit der Flucht und den Lebensumständen, die diese zeitigte, wurde deutlich, in welchem Umfang die deutsche Gesellschaft bei Kriegsende zu einer "Zusammenbruchsgesellschaft" geworden war, in der sich jeder selbst retten musste. Flucht und Vertreibung lassen sich in ihrer ganzen Vielschichtigkeit nur dann als Bestandteil der europäischen Geschichte vor Augen stellen, wenn es gelingt, die Vorgeschichte der ethnischen Auseinandersetzung, den von der NS-Führung entfachten Rassen- und Weltanschauungskrieg und die Verantwortungslosigkeit der NS-Führung, als Ausgangspunkt einer Leidensgeschichte bewusst zu machen, die jeden einzelnen Betroffenen gefährdete und berührte. Nur ein ständiger Perspektivenwechsel des Betrachters wird ermöglichen, sich mit den Leiderfahrungen auf eine Weise auseinander zu setzen, die entrechtete oder zynisch sich selbst überlassene Menschen zu Opfern macht.
Am Beginn der Flucht steht die Suche nach größerer Sicherheit vor den Kampfhandlungen und der Versuch, das nackte Leben zu retten. Erst viel später, nach dem Ende des Krieges, werden die Deutschen in den unter fremde Verwaltung gestellten Ostgebieten durch Zwangsmaßnahmen vertrieben, zur Zwangsarbeit verschleppt oder gewaltsam der Bindungen an ihre Herkunft beraubt.
Die Geschichte der Flucht und Vertreibung – darin wird nicht nur ein Ende, sondern auch ein Neubeginn deutlich. Denn die Flüchtlinge und Vertriebenen müssen sich im Westen eine neue Heimat schaffen. Das konnte nur gelingen, wenn sie von den Einheimischen aufgenommen, wenn sie also neu beheimatet wurden.
So setzte sich Geschichte fort: als Leidens- und Konfliktgeschichte, die schließlich als gelungene Geschichte millionenfacher Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen gedeutet werden konnte. Ohne Zweifel gerät dabei oft die Erinnerung an die Leidens- und Schreckenserfahrungen der Mitlebenden zu kurz – vielleicht, weil Vertriebenenpolitiker zu oft versucht hatten, Leidensgeschichten zu relativieren und Deutsche von einer Geschichte zu entlasten, die sie neben Tätern und Mitläufern auch zu Opfern der NS-Führung machte.

