Von Thomas Leif und Annette Wagner
"Es ist, als hätte ich bis heute kein Recht,
in meinem Körper zu leben." Ekel und Abscheu,
vor dem Täter und vor sich selbst. Alpträume und
Panik-Attacken, ein Leben lang. Sexueller Missbrauch
von Kindern und Jugendlichen durch Priester bedeutet
"Seelenmord" sagen erfahrene Therapeuten.
Was die Opfer in diesem Film über ihre Erlebnisse
erzählen, geht unter die Haut. Das Vertrauen zu
jemand, der sie behüten und beschützen sollte,
wird durch den Übergriff auf den Körper zerstört.
Manchmal für immer.
 |
|
 |
|
| Karikaturen |
|
|
|
Im
direkten Kontrast dazu zeigt "Tatort Kirche"
die bisher einzigen Fernseh-Interviews mit geständigen
Tätern. Einer von ihnen missbrauchte jahrzehntelang
ungestraft pubertierende Jugendliche in Deutschland
und in der Dritten Welt.
Immer wieder erscheinen neue Schlagzeilen über
pädophile Priester, immer wieder wird ein neuer
Fall öffentlich: Man liest von Priestern, die
ihre Ministranten belästigen; vo n
Seelsorgern, die Kinder verführen oder sogar vergewaltigen.
Ein lange verdrängtes Thema holt die katholische
Kirche in diesen Wochen ein. Seit in den USA zahlreiche
Missbrauchsfälle bekannt wurden und die dortige
Kirche sich auf einen landesweit einheitlichen
Umgang mit Missbrauch in Kirchenkreisen einigte,
sind auch die europäischen Bischöfe unter Druck
geraten, endlich etwas zu tun.
Für das Thema sensibilisierte Bistümer wie Hildesheim
und Rottenburg-Stuttgart scheinen zu einer schnelleren
Gangart bereit, denken gemeinsam mit Sexual-Therapeuten
darüber nach, wie Täter in den eigenen Reihen
frühzeitig erkannt und therapiert werden können.
Sie wollen möglichst bald Regeln für die schnelle
strafrechtliche Verfolgung aufstellen und machen
Hilfe und Zuwendung für die Opfer zu ihrem ersten
Anliegen. In "Tatort Kirche" kommen
Kardinal Lehmann und andere Kirchenvertreter zu
Wort, die Vorreiter sind in Sachen Aufklärung
und Prävention.
Besteht eine Chance auf Heilung für die Opfer
und für die Täter? Die Sexualtherapeutin Dr. Helga
Peteler beschäftigt sich seit Jahren mit beiden
Seiten. Sie hat ein Therapiekonzept für Täter
entwickelt, einen Ansatz, der die Verantwortlichen
in den Bistümern zwingt, sich mit den Tätern in
einer Therapie auseinander zu setzen. Hingucken,
helfen, aus der Misere führen das müsse
schließlich auch für die schwarzen Schafe in den
eigenen Reihen gelten, sagt sie. Eine umstrittene
Position, die die Lobby-Organisationen der Opfer
empört.
Die Kirchenvolksbewegung "Kirche von unten"
und die Initiative "Gegen Gewalt und sexuellen
Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" machen
seit langem mobil gegen die Vertuschung in manchen
Bistümern und bieten Betroffenen mittels Notruf-Telefon
und Gesprächskreis Hilfe an.
"Tatort Kirche": Eine Reportage über
ein brisantes Tabu-Thema, in dem alle Seiten zu
Wort kommen. Wenige Wochen, bevor die Deutsche
Bischofskonferenz zu ihrer Herbsttagung zusammenkommt,
stellt sich die Frage: Wird sie sich zu bundesweit
einheitlichen, verbindlichen Richtlinien zum Umgang
mit sexuellem Missbrauch einigen?