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07.02.2012

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ARD Reportage & Dokumentation
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Flick – zweiteiliger Dokumentarfilm

Bildergalerie

Friedrich und Marie Flick (Bild: SWR/Ottmann/Forschungsarchiv Sammlung Flick) lupe Bildunterschrift: Friedrich und Marie Flick, geb. Schuss. ]
Die Flicks zählen seit fast hundert Jahren zu den reichsten Familien Deutschlands. Keine Familie verkörpert das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Politik so wie sie, kaum eine Familie hat größeren Einfluss auf die deutsche Politik im 20. Jahrhundert genommen und größeren Nutzen daraus gezogen.

Friedrich Flick 1947 vor dem Nürnberger Gericht (Bild: SWR/NARA Public Domain) lupe Bildunterschrift: Friedrich Flick 1947 vor dem Nürnberger Gericht ]
Der Name Flick steht für einen milliardenschweren Industriekonzern, für Börsenspekulation und feindliche Übernahmen, für "Arisierung" in der NS-Zeit und für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern – Flick steht für den Wiederaufstieg der westdeutschen Industrie nach dem Krieg, aber auch für den größten Skandal der Bonner Demokratie, die Parteispendenaffäre.

Und die Flicks sind eine Familie, die ihre Geschäfte äußerst verschwiegen betrieb und sich bis heute schwer tut, offen zur eigenen Geschichte zu stehen.

v.l.n.r.: Friedrich Flick, Otto-Ernst, Friedrich Karl und Rudolf (Bild: SWR/Ottmann/Forschungsarchiv Sammlung Flick) lupe Bildunterschrift: Vater und Söhne Flick: Friedrich Flick, Otto-Ernst, Friedrich Karl und Rudolf (v.l.n.r.) ]
Der Zweiteiler "Flick" erzählt die Geschichte von Friedrich Flick und seiner Familie erstmals im Fernsehen – mit einer Fülle neu entdeckten Film- und Fotomaterials, auf der Basis interner Dokumente und einer Vielzahl erstmals ausgewerteter Quellen.

Zum ersten Mal gewähren enge Vertraute wie der ehemalige Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch, Friedrich Karl Flicks erste Ehefrau Elga und der Patensohn von Friedrich Flick, Otto Kaletsch, tiefe Einblicke in das Innenleben und die Machtstrukturen der Familie.

So räumt der Film auch mit einigen Legenden auf. Die neu erschlossenen Quellen zeigen deutlich: Flick hing weder vor noch nach dem Krieg irgendeiner politischen Idee an. Wohl aber hat er Politiker zu allen Zeiten systematisch instrumentalisiert und für seine finanziellen Interessen eingespannt. Sein enges Verhältnis zur Politik zeigt sich beispielhaft in der Gelsenberg-Affäre 1932, bei der "Arisierung" jüdischen Eigentums, während der Übernahme französischer Stahlwerke 1940 als Kriegsbeute oder dem Verkauf der Maxhütte an den bayerischen Staat, schließlich im Spendenskandal der achtziger Jahre.

Das Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg (Bild: SWR/Thomas Fischer) lupe Bildunterschrift: Das Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg am Lech, wo Friedrich Flick von 1948 bis 1950 seine Strafe verbüßte ]
Der Film zeigt deutlich, dass Flick vor allem auf seinen eigenen Vorteil aus war. Bei Flick ist ein Wesenszug feststellbar, der von allen politischen Systemen unabhängig war: Er hat die eigenen Interessen über alles gestellt und sie mit einer Entschlossenheit und Härte verfolgt, die moralische Einwände nicht kennt. Tragischerweise hat sich diese Härte auch gegen die eigenen Söhne gerichtet. Den Untergang des Flick-Konzerns hat Friedrich Flick selbst mit verschuldet – indem er seine Söhne spüren ließ, dass sie seinem übergroßen Vorbild nicht gerecht werden können.

Die Dokumentation mit szenischen Elementen erzählt die Geschichte der Flicks in zwei Teilen: von 1883 bis 1947 und von 1947 bis 2006. Im Mittelpunkt von Folge 1 – "Der Aufstieg" steht Friedrich Flick senior, in Folge 2 – "Das Erbe" sind es seine Söhne Otto-Ernst und Friedrich Karl, die um die Nachfolge kämpfen, aber vom mächtigen Vater immer wieder in die zweite Reihe verwiesen werden.

Zweiteiliges Dokudrama von SWR und ARTE

 

Teil 1: Der Aufstieg (Mo, 31.05.2010, 21:00 Uhr)

Folge 1 des Zweiteilers "Flick" dokumentiert den Aufstieg Friedrich Flicks vom Siegerländer Bauernjungen zu einem der reichsten Männer des Deutschen Reiches bis zu seiner Verurteilung im Nürnberger Prozess 1947.

Im Mittelpunkt steht das Verhör, das Eric Kaufman zur Vorbereitung des Nürnberger Prozesses mit Flick geführt hat. Der US-Ermittler stammt aus Koblenz und floh 1938 als deutscher Jude vor den Nazis. Im Film sind die interessantesten Passagen dieses Verhörs nachinszeniert. Als Quelle dienen Tonbandmitschnitte, die in den National Archives in Washington entdeckt wurden.

Das Verhör macht deutlich, dass die Alliierten außerordentlich gut über Flick Bescheid wussten – über seine Spenden an die Nazis, die Unterstützung von Hitlers Krieg, die "Arisierung" jüdischen Besitzes, die Zwangsarbeit in seinen Betrieben, die Raubzüge in der Ukraine und in Frankreich und sein persönliches Verhältnis zu Hitler – kurz: über den außerordentlichen Erfolg Flicks im NS-Regime und über seine Mitverantwortung für Unrecht und Unmenschlichkeit, die er selbst in den Verhören allerdings leugnet.

Parallel zu den Verhörszenen erzählt der Film in den dokumentarischen Teilen mit Hilfe von neu entdecktem Film- und Fotomaterial, wie Flick aufwuchs, wie er seinen Konzern aufbaute und wie ihn dabei vor allem der Wille antrieb, eine Dynastie zu gründen.

Der Film schildert Kindheit und Jugend Flicks in Kreuztal bei Siegen. Er rekonstruiert Flicks unternehmerische Feldzüge durchs Kohle- und Eisenland an Sieg und Ruhr und seinen rasanten Aufstieg im Ersten Weltkrieg, mit Geschäften hart am Rande der Legalität. Schrotthandel und Rüstungsproduktion machen ihn reich. Und die Hochzeit mit Marie Schuss, Tochter eines angesehenen Siegener Kaufmanns, verhilft ihm zum Aufstieg in die "besseren Kreise" des Siegerlandes.

In der Weimarer Revolutions- und Inflationszeit baut er, auch durch spekulative Aktiengeschäfte, einen gewaltigen Konzern auf. Er kommt vom Stahl, engagiert sich in der Kohleförderung und im Maschinenbau. Sein Ziel: mit den etablierten Ruhrdynastien wie den Krupps und Thyssens gleichzuziehen. Von ihnen will er anerkannt werden. In seinen drei Söhnen Otto-Ernst, Rudolf und Friedrich Karl sieht er seine unternehmerischen Nachfolger. Auf dieses Ziel hin werden sie von Anfang an mit Unnachgiebigkeit und Strenge erzogen.

In der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre droht Flick die Insolvenz. Doch es gelingt ihm, den sicheren Konkurs abzuwenden. Kühl kalkulierend bringt Flick die Regierung Brüning dazu, ihm seine Gelsenberg-Ruhrkohle-Aktien zum Vierfachen des Börsenwertes abzukaufen – damit ist er gerettet. Zum ersten Mal zeigt sich Flicks Geschick, Parteien und Politiker für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Kritiker nennen ihn einen "Meister in der Kunst, am öffentlichen Feuer seine Privatkastanien zu rösten". Dass der Staat einen millionenschweren Unternehmer mit Steuergeldern vor dem Bankrott bewahrt, während über sechs Millionen Arbeitslose auf der Straße stehen, wird zu einem öffentlichen Skandal, der als "Gelsenberg-Affäre" in die Geschichte eingeht.

In den dreißiger und vierziger Jahren wird Flick durch geschickte Auf- und Verkäufe zu einem der mächtigsten Privatunternehmer im Nationalsozialismus. Das wird nur dadurch möglich, dass er sich klar zum NS-Regime bekennt und dessen politisch-ideologischen Vorgaben für seine Interessen nutzt. Flick sucht die Nähe zu den Mächtigen. Er trifft sich mit Hitler, Hermann Göring ernennt ihn zum "Reichsjagdrat", er wird Mitglied im "Freundeskreis Himmler" und spendet großzügig und regelmäßig – seit 1937 ist er auch 'Parteigenosse'.

Er bereichert sich an jüdischem Vermögen, treibt "Arisierungen" aktiv voran. Ebenso energisch kämpft er ab 1940 um Kriegsbeute. Flick profitiert von der Rüstungsproduktion und in großem Stil vom System der Zwangsarbeit, Zehntausende schuften in seinen Betrieben. Viele sterben – an Hunger, Krankheiten und Misshandlungen.

Gleichzeitig arbeitet Flick daran, Besitz und Vermögen systematisch auf die nächste Generation zu übertragen. Seinen ältesten Sohn, Otto-Ernst, betraut er mit leitenden Aufgaben im Unternehmen. Es trifft ihn schwer, als sein zweitältester Sohn Rudolf sechs Tage nach Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion fällt. Mit einem von Hermann Göring bereitgestellten Flugzeug besucht er dessen Grab in der Ukraine.

Am Ende von Folge 1 "Der Aufstieg" steht der Prozess gegen Friedrich Flick in Nürnberg, wo ihn die Amerikaner als ersten Unternehmer wegen Kriegsverbrechen anklagen. Er wird wegen Beteiligung am Sklavenarbeiterprogramm und Raub von Vermögen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Flick ist ganz unten. Doch schon wenige Jahre später wird er wieder einer der reichsten Männer Deutschlands sein …

 

Teil 2: Das Erbe (Mo, 07.06.2010, 21:15 Uhr)

Folge 2 des Zweiteilers "Flick" erzählt von Friedrich Flicks Haft in Landsberg, seinem Aufstieg zu einem der reichsten Männer Deutschlands und vom Scheitern seines Plans, die Söhne als Nachfolger einzusetzen und so eine Dynastie zu begründen. Der Jüngste, Friedrich Karl Flick, lenkt die Geschicke des Konzerns nach dem Tod des Alten und löst mit dem "Flick-Skandal" den größten Parteispenden- und Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik aus. Am Ende verkauft er den Konzern und zieht sich ins steuerlich günstige Österreich zurück.

Noch aus dem Gefängnis in Landsberg heraus beginnt Friedrich Flick 1948 den Kampf um den Erhalt seiner wirtschaftlichen Macht. Als verurteilter Kriegsverbrecher muss er fürchten, enteignet zu werden. Doch durch enge Kontakte zu Politikern und Regierenden, durch "politische Landschaftspflege" mittels Spenden und durch eigenes Verhandlungsgeschick kann er eine Enteignung seiner Betriebe zumindest in den Westzonen, verhindern.

Nach der Haft gelingt es ihm sogar, aus der von den Alliierten verfügten Entflechtung seines Kohle-, Eisen- und Stahlkonzerns ein großes Geschäft zu machen. Mit der ihm eigenen Bereitschaft zur Anpassung verkauft er den Großteil seines Ruhrkohlebesitzes. Mit dem Erlös kauft sich Flick dann in zukunftsträchtige Industrien ein: Automobil, Papier, Chemie, Rüstungsgüter. Schon Ende der fünfziger Jahre ist er einer der reichsten und mächtigsten Familienunternehmer der Bundesrepublik.

Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter lehnt Flick hingegen hartnäckig ab. Zehntausende hatten während des Krieges in seinen Betrieben arbeiten müssen, viele waren gestorben. Verhandlungen über eine Entschädigung früherer jüdischer Zwangsarbeiterinnen lässt Flick jahrelang verschleppen und bricht sie schließlich ganz ab. Stur und selbstgerecht weist er jede Mitverantwortung für NS-Verbrechen zurück und verweigert noch die kleinste humanitäre Geste.

Stattdessen geht Flick daran, den erneuten wirtschaftlichen Aufstieg abzusichern.
Seine Söhne, Otto-Ernst und Friedrich Karl, sollen nach dem Willen des Alten das Unternehmen in die nächste Generation führen. Doch immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen. Vor allem Friedrich Flicks Ältester, Otto-Ernst Flick, lehnt sich gegen den Vater auf. Bei der Regelung der Nachfolge versagt Friedrich Flick, weil er die Verantwortung für den Konzern nicht aus der Hand geben kann. Auch fehlt ihm – und seiner Frau Marie – das Vertrauen in die unternehmerischen Fähigkeiten der Söhne.

Otto-Ernst, der die dauernde Bevormundung schließlich nicht mehr erträgt, verklagt seinen Vater 1962 auf Herausgabe des ihm zustehenden geschäftlichen Anteils. Es ist eine Verzweiflungstat, für die Otto-Ernst weder in der Familie noch in der Öffentlichkeit Verständnis findet. Viele werfen ihm Undank und Rücksichtslosigkeit vor. Der Vater schließt Otto-Ernst nun endgültig von der Geschäftsführung aus, und als dessen Klage scheitert, kauft er seinen Ältesten aus der Erbfolge heraus.

Nach dem Tod von Friedrich Flick wird sein jüngster Sohn Friedrich Karl Konzernchef. Aber "FK", wie er intern genannt wird, besitzt bei weitem nicht das kaufmännische Geschick und den unternehmerischen Instinkt des Vaters. Er agiert oft schwach und ängstlich. Die Führung des Konzerns überlässt er lieber seinen Managern, darunter Eberhard von Brauchitsch. Er selbst macht eher mit ausschweifenden Partys in der Münchner Szene auf sich aufmerksam.

1975 baut Friedrich Karl Flick seinen Konzern um. Um die Kinder seines Bruders Otto-Ernst auszahlen und weiter investieren zu können, braucht er Geld. Für knapp zwei Milliarden Mark verkauft er Daimler-Aktien an die Deutsche Bank. Für einen Teil davon beantragt er Steuerbefreiung, weil er den Erlös in Anlagen investieren wolle, die volkswirtschaftlich förderungswürdig seien.

Kritiker sehen darin ein privates Investment, das keine Förderung verdient. Dennoch genehmigt der damalige Wirtschaftsminister Hans Friderichs, FDP, den Deal und erspart Flick mehrere 100 Millionen Mark Steuern. Otto-Graf Lambsdorff, Friderichs Nachfolger im Amt des Wirtschaftsministers, gewährt dem Flick-Konzern weitere Steuerbefreiungen.

Doch dann stellt sich heraus: Flick hatte systematisch an beide Minister und an alle politischen Parteien – die Grünen ausgenommen – üppige Spenden gezahlt. 1982 eröffnet die Bonner Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Flick, Eberhard von Brauchitsch, Hans Friderichs, Otto Graf Lambsdorff und andere wegen Steuerhinterziehung und wegen Bestechung und Bestechlichkeit. Auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wird eingesetzt. Steuerfahnder und Journalisten decken einen Sumpf von illegalen Spenden, schwarzen Kassen, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft auf – das Wort von der "gekauften Republik" macht die Runde.

Friedrich Karl, in seiner Sorge, in die mittlerweile nach seiner Familie benannte "Flick-Affäre" persönlich hineingezogen zu werden, entlässt fast die gesamte Management-Spitze. Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages erklärt er, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben. Eberhard von Brauchitsch nimmt alle Schuld auf sich und erhält eine Bewährungsstrafe – die beiden angeklagten Politiker Lambsdorff und Friderichs kommen mit geringen Geldstrafen davon.

1985 verkauft Friedrich Karl Flick das Gesamtunternehmen an die Deutsche Bank und beendet damit die Geschichte des Konzerns: Der hat damit seinen Gründer nur um anderthalb Jahrzehnte überlebt. Grollend zieht sich Friedrich Karl aus Deutschland ins steuergünstige Österreich zurück und verwaltet sein Geld von dort aus. Als er 2006 stirbt, hinterlässt er seiner Familie ein Milliardenvermögen.

Aber auch danach gerät der Name Flick immer wieder in die Schlagzeilen. 2004 will Friedrich Christian Flick, ein Sohn Otto-Ernst Flicks, seine Sammlung moderner Kunst, die "Flick-Collection" öffentlich ausstellen. Doch auch er weigert sich zuerst, Entschädigung für Zwangsarbeiter zu zahlen. Wieder wird heftig diskutiert, wie die Nachkommen mit der historischen Verantwortung umgehen und welcher Umgang mit dem Flick-Erbe angemessen ist. Diese Diskussion ist bis heute nicht abgeschlossen.

 

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  • WDR.deDie Flicks: Aufstieg und Fall einer nordrhein-westfälischen Industriellendynastie

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