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Aus der Reihe: 20 Tage im 20. Jahrhundert

Sarajewo, 28. Juni 1914

Der Untergang des alten Europa
 
SarajewoDer Sommer verspricht schön zu werden. Unter den Linden in Berlin, auf den Champs Elysées in Paris, vor den Cafés in Wien oder St. Petersburg, überall genießt man die lauen Abende. Am 28. Juni 1914 tickern in allen Pressebüros die Telegrafen: Franz Ferdinand, der Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie, ist in Sarajewo ermordet worden.

Fünf Wochen später steht Europa am Rande des Abgrunds. Mit unglaublicher Leichtfertigkeit haben die europäischen Politiker und Monarchen den Mechanismus der gegenseitigen Drohungen, Ultimaten und Mobilmachungen in Gang gesetzt, der den Kontinent in den Untergang führt, in einen Krieg, wie ihn die Menschen niemals zuvor kannten. Die Militärs und Politiker erkennen zwar in letzter Stunde, daß es sich um einen »Sturz ins Ungewisse« handelt, um einen Krieg, den niemand gewinnen kann. Aber »da es nun einmal beschlossen ist, kann es nicht mehr geändert werden« (Moltke). Am 3. August 1914, als deutsche Truppen bereits das neutrale Belgien überfallen haben, sagt der britische Außenminister, Sir Edward Grey: »In diesem Moment gehen in Europa die Lichter aus. Wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.«

Die Bürger Europas, von ihren Kaisern und Präsidenten manipuliert und belogen, begrüßen den Konflikt begeistert als »Stunde des Vaterlands« oder als »nationale Wiedergeburt«. Zehn Millionen Männer werden den »frischen, fröhlichen Krieg« (Wilhelm II.) mit ihrem Leben bezahlen. Die großen Monarchien in Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland brechen 1917/18 zusammen. Dem Krieg folgt das »Zeitalter der Extreme« (Faschismus und Bolschewismus), der verdeckte Bürgerkrieg der 20er Jahre, die revanchistischen Ressentiments, die schließlich in den nächsten Weltkrieg führen werden.

Die Dokumentation beschreibt die große Katastrophe zum ersten Mal aus einem gesamteuropäischen Blickwinkel. Mit historischem Filmmaterial aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Rußland, Frankreich, England, Italien und den USA und mit der Perspektive neuester Forschungsergebnisse wird der »Untergang des alten Europa« dargestellt. Es zeigt sich dabei, daß die Stimmungslage und die ungelösten Spannungen vor 1914 in Europa längst auf Krieg deuteten. Das Attentat von Sarajewo war nicht mehr als ein willkommener Anlaß, diesen schon lange geplanten Krieg auszulösen. Vor allem die überlebten und zur Veränderung unfähigen Monarchien in Berlin, Wien und St. Petersburg brauchten ihn: er war, wie Historiker sagen, eine Art »Selbstmord aus Angst vor dem Tod«.


- Autor/Regie: Werner Biermann
- Redaktion: Klaus Liebe


Weitere Sendetermine der Reihe "20 Tage im 20.Jahrhundert", jeweils mittwochs um 21.45 Uhr im Ersten:

14. April 1999:
Petersburg, 25. Oktober 1917 – Der Aufstieg des Kommunismus

21. April 1999:
Rom, 28. Oktober 1922 – Der Aufstieg des Faschismus

5. Mai 1999:
Shanghai, 30. Mai 1925 – Die chinesische Revolution

12. Mai 1999:
Auschwitz, 17. Juli 1942 – Rassenwahn und Völkermord

26. Mai 1999:
Jalta, 4. Februar 1945 – Die Teilung der Welt

2. Juni 1999:
Hiroshima, 6. August 1945 – Die nukleare Bedrohung

9. Juni 1999:
Delhi, 15. August 1947 – Das Ende kolonialer Herrschaft

16. Juni 1999:
Rom, 25. März 1957 – Die Einigung Europas

23. Juni 1999:
Washington, 20. Januar 1961 – Der amerikanische Traum

30. Juni 1999:
Sinai, 5. Juni 1967 – Pulverfaß Nahost

7. Juli 1999:
Paris, 13. Mai 1968 – Jugendprotest und Gesellschaftsreform

14. Juli 1999:
Mare Tranquillitatis, 20. Juli 1969 – Die Mondlandung

21. Juli 1999:
Helsinki, 1. August 1975 – Entspannung und Abrüstung

28. Juli 1999:
Rambouillet, 15. November 1975 – Die Globalisierung der Wirtschaft

4. August 1999:
Moskau, 10. März 1985 – Der Niedergang des sowjetischen Imperiums

11. August 1999:
Tschernobyl, 26. April 1986 – Der atomare Schrecken

25. August 1999:
Berlin, 9. November 1989 – Die deutsche Frage

18. August 1999:
Port Hartcourt, 10. November 1995 – Aufbruch und Elend in der Dritten Welt

1. September 1999:
Boston, 26. Dezember 2000 – Schöne neue Welt