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09.02.2010

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Druckfrisch - Rückschau mit allen Sendungen seit 09.02.2003

Rückschau: David Peace - Tokio im Jahr Null

"Tokio im Jahr Null" beginnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im heißen August 1946. Vergewaltigte und erdrosselte jungen Frauen erschüttern eine Metropole, die ebenso zerstört ist, wie die Selbstachtung und das Moralempfinden ihrer Bewohner.

Auf der Suche nach dem Mörder, gerät auch Inspektor Minami selbst immer tiefer in den Sumpf einer Gesellschaft, die von Kälte, Verzweiflung und Gewalt beherrscht wird. Ein Roman nach einer wahren Begebenheit, erzählt wie ein Alptraum – denn: "Niemand ist der, der er vorgibt zu sein."

Als Japan im August 1946 zum ersten Mal die Stimme des Gottkaisers Hirohito hört, ist die undenkbare Katastrophe eingetreten: der Krieg ist verloren. Tokio ist eine zerstörte Stadt, in der die Menschen nur noch danach trachten zu überleben. Es ist unerträglich heiß und stickig, den Menschen rinnt ständig der Schweiß am Körper hinab. Egal, ob Polizist, Prostituierte, Arzt oder Ganove, jeder kämpft skrupellos mit List und Gewalt um eine Portion Reis, eine Schachtel Zigaretten oder ein Dach über dem Kopf. Die Folge: Jeder stellt sich so dar, wie es ihm am meisten nützt.

Moral, Haltung, Stolz – nichts davon hat noch einen Wert. Hunger, Krankheit und hemmungsloser Egoismus schwemmen das Verbrechen an die Oberfläche und lassen Kriminelle die wahren Administratoren der geschlagenen Stadt werden.

Als ähnliche Merkmale an Leichen mehrerer junger Frauen auf einen Massenmörder deuten, soll Kriminalinspektor Minami den Fall aufklären. Er stößt dabei auf mehrere alte, ungelöste Fälle, die Zahl der Toten nimmt täglich zu. Der Inspektor selber ist kein Vorbild seiner Zunft, eher ein Antiheld, schlaflos, drogenabhängig, korrupt, er taumelt wie ein gepeinigter Somnambuler durch den Vorhof zur Hölle namens Tokio.

Sein Ziel ist es, den Mörder zu finde, doch ist das unendlich Böse, mit dem er kämpft und das ihn immer wieder auf seine Seite zieht, das eigentliche Thema dieser Reportage des Grauens.

Autor David Peace beschreibt diesen Kriminalfall sehr nüchtern, in knappen Sätzen. Die Sprache ist mal atemlos und reduziert, dann wieder quälend auf der Stelle tretend, den Schrecken fühlbar machend. Der Mörder ist hier ein Werkzeug, um die apokalyptische Geschichte der Zerstörung und totalen Demoralisierung eines streng erzogenen Volkes sichtbar zu machen. Die verwüsteten Seelen, das apokalyptisch anmutende Szenario der Schauplätze – in diesem Roman scheint sich der Teufel der Welt bemächtigt zu haben. Alles erscheint dunkel und ausweglos.

Dies ist keine herkömmliche Detektivgeschichte für Bett, Strand oder Eisenbahn. Peace liefert hier einen weiteren Beweis für einen hochliterarischen Kriminalroman. Die Konsequenz des Schreibstils, der harte Realismus und die subkutane Sympathie des Autors für Tokio und seine Menschen* machen diesen Roman zu einem faszinierenden Werk.

*David Peace lebte 15 Jahre in Tokio und ist mit einer Japanerin verheiratet.

Buchcover "Tokio im Jahr Null" (Bild: Liebeskind Verlag) Bildunterschrift: "Tokio im Jahr Null" von David Peace, Liebeskind Verlag ]

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