Von der Verantwortung für Tiere in Menschenobhut
Ein Gespräch mit dem Direktor der Wilhelma, Prof. Dr. Dieter JauchIst ein Zoo mehr als ein Ort, in dem zur menschlichen Unterhaltung lebende Tiere zur Schau gestellt werden?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Früher waren Zoos tatsächlich größtenteils Tierschauen, in denen Tiere meist als "Bestien" präsentiert und bestaunt wurden. Selbst bei uns in Deutschland begann man eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg und mit wachsendem Wohlstand so richtig, Tiere nicht mehr nur als Naturattraktion oder Nutzobjekte, sondern als Mitgeschöpfe mit Seele und Schmerzempfinden zu betrachten.
Heute steht in einem modernen, wissenschaftlich geführten Zoo das Tier im Vordergrund, selbst wenn er natürlich auch als Freizeit- und Begegnungsstätte für den Menschen dient. Solch ein Zoo will den Menschen Lebewesen mit all ihren Eigenheiten näherbringen, sie schützen helfen und das Wissen um sie mehren.
Was ist dabei die Hauptaufgabe eines Zoos?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Die wichtigste Aufgabe eines Zoos ist es, Geschichten über Tiere zu erzählen, Geschichten für Tiere zu erzählen und so den Menschen für das Tier zu begeistern. Denn immer mehr Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Zoos sind heute daher auch nicht mehr "nur" für das Leben einzelner Zootiere verantwortlich, sondern können durch ihre Tierbestände ganze Arten erhalten helfen. Dafür arbeiten alle großen Zoos der Welt zusammen. Tierarten wie Alpensteinbock, Wisent oder die arabische Oryx-Antilope gäbe es ohne sie nicht mehr.
Auch das Przewalski-Pferd war so gut wie ausgestorben. Dank Nachzucht gibt es heute wieder etwa 500 Tiere in Zoos sowie in Reservaten ihrer Heimat, der Mongolei.
Was halten Sie von der Forderung, man solle Tiere lieber in Würde aussterben lassen, als in Zoos zu sperren?
Prof. Dr. Dieter Jauch: In "Würde" aussterben – wenn ich das schon höre! Das regt mich grenzenlos auf. Wenn eine Art ausstirbt, tut das der Art tatsächlich nicht weh, Katastrophen sind halt immer individuell – der einzelne Mensch leidet und auch das einzelne Tier. Und deshalb ist eine solche Aussage einfach zynisch! Dann dürfte man sich auch nicht darüber aufregen, dass die Lebensräume der Tiere weiter zerstört werden – und das ist der Hauptgrund dafür, dass sie aussterben!
Auch Zoos können solche Lebensräume nicht auf Dauer ersetzen. Deshalb macht die "Arche Noah" – für den Zoo darf man diesen Begriff aber nicht überstrapazieren, schließlich hatten in der "Arche" einst alle Tiere Platz – also sie macht nur dann wirklich Sinn, wenn wir Tiere der Natur auch wieder zurückgeben können. Dazu müssen wir aber bereit sein, ihnen den für sie lebensnotwendigen Raum in der Natur zu überlassen.
Im Übrigen fühlen sich Tiere im Zoo nicht eingesperrt. Das kann man leicht beweisen. Unsere Kängurus etwa könnten mühelos den Gehegezaun überspringen. Aber sie bleiben trotzdem in ihrem Gehege, ihrem Revier. Und ein aus dem Gehege entkommenes Tier versucht in der Regel, wieder von selbst zurückzukehren.
Und was ist mit den Tieren, die nirgendwo wieder ausgewildert werden können? Denn der Zoo ist und bleibt ja künstlicher Lebensraum.
Prof. Dr. Dieter Jauch: Sicher. Er ist künstlich, weil die Tiere nicht wie in der Natur selbst ihre Territorien abstecken, sondern Menschen es für sie tun. Sie werden gefüttert, anstatt vor den Augen der Besucher selbst ihre Beute schlagen zu dürfen – was sicher auch nicht nach jedermanns Geschmack, aber noch artgerechter wäre. Der Zoo bietet auf seine Art ebensowenig eine heile Welt wie die Natur. Aber im Zoo sterben Tiere, mangels natürlicher Feinde und dank tierärztlicher Hilfe oft später als in der Wildnis, manchmal durch menschliche Fehler auch früher.
Die Verantwortung für das Wohl der Tiere ist im künstlichen Lebensraum Zoo jedenfalls besonders groß und unmittelbar. Und auch dann, wenn wir die Tiere, wie etwa Großkatzen, nicht mehr auswildern können, haben sie doch das Recht darauf, zu leben und ihre Bedürfnisse, auch das der Fortpflanzung und Jungenaufzucht, auszuleben.
Wo endet die Verantwortung des Zoos? Mit dem Verkauf der Tiere?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Wir fühlen uns bis zu seinem Tod für ein Tier verantwortlich. Gewissenlose Geschäfte mit Zootieren lehnen wir ab. So werden seltene, bedrohte Arten im Rahmen eines Nachzuchtprogramms grundsätzlich nicht verkauft, sondern gezielt bei solchen Zoos "eingestellt", in denen sie artgerecht leben und den dortigen Bestand genetisch auffrischen können.
Das Problem beim Verkauf eines Tieres ist, dass unsere Schutzmöglichkeit für dasselbe praktisch aufhört. Schon deshalb, und weil wir Tiere nicht als "Ware" sehen, stellen wir Tiere an guten Orten ein. Bei häufigen, leicht zu haltenden Tieren und Haustieren sind Verkäufe noch zugelassen, aber auch da überprüfen wir vorher die Haltungsbedingungen. Damit die Tiere an ihrem Bestimmungsort gut ankommen, übernehmen Zoos immer öfter selbst den Transport. Besonders Menschenaffen werden dabei von ihren Pflegern begleitet und während der Eingewöhnung von ihnen betreut, um ihnen den Übergang von einer Vertrauensperson zur nächsten zu erleichtern.
Was passiert, wenn mehr Tiere im Zoo geboren werden, als in Zoos unterkommen können?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Das ist in der Tat ein Problem, dem man aber durch international gesteuerte Nachzucht beizukommen versucht. Verantwortliche Koordinatoren achten darauf, dass nur so viele Tiere geboren werden, wie für Zoos oder Auswilderungsprojekte gebraucht werden. Als Wegwerfartikel oder aus Profitgier erblickt in einem seriösen Zoo kein Tier das Licht der Welt. Bei Bären, Löwen oder Tigern etwa, die mehr Nachwuchs zeugen würden als es geeignete Zooplätze gibt, wird verhütet. Man trennt die Tiere während der Paarungszeit oder gibt ihnen die Pille.
Ein Wermutstropfen bleibt, denn wenn wir sie keine Jungen aufziehen lassen, beschneiden wir die Tiere ebenfalls in ihrem angeborenen Verhalten. Wir müssen es ihnen deshalb von Zeit zu Zeit möglich machen. Und da kann es natürlich passieren, dass das Verhältnis der Geschlechter untereinander nicht stimmt, dass etwa zu viele Männchen geboren werden.
Was geschieht mit Tieren, für die trotz Planung kein Platz gefunden wird?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Das Land Baden-Württemberg hat für die Wilhelma eigens eine Außenstation, den Tennhof, eingerichtet, in dem solche Tiere unterkommen, bis ein Platz für sie gefunden ist. In Ausnahmefällen werden im Zoo auch nicht seltene Huftiere für die interne Versorgung geschlachtet und verfüttert. Das geschieht in Übereinstimmung mit unserem Tierschutzrecht. Sicher ist für Tiere ein gutes Leben wichtiger als ein besonders langes.
Was kann getan werden, dass kein Zoo der Welt – sei es ein kleiner Privatzoo oder eine Landeseinrichtung wie die Wilhelma – sich aus der Verantwortung stiehlt?
Prof. Dr. Dieter Jauch: Durch die Initiative der Europäischen Zoos hat die EU eine so genannte Zoorichtlinie erlassen, die zum Betreiben eines Zoos eine Genehmigung verlangt. Und diese Genehmigung wird nur nach ausgiebiger Überprüfung der Bedingungen in einem Park erteilt. Das war auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.
Das Interview wurde vom "Wilhelma magazin" zur Verfügung gestellt.


