Für Arterhaltung und artgerechte Haltung:
Warum auch Zoos Computer brauchenWer an Zoo denkt, der denkt an Tiere, nicht aber an Computer und Datenbanken. Und wer überlegt bei seinem Gang durch den Zoo schon, wo die hier lebenden Wildtiere eigentlich herkommen? Heute ist ein Großteil dieser Wildtierarten im Freiland vom Aussterben bedroht. Für die Zoos bedeutet dies die Verpflichtung, sie in menschlicher Obhut zu erhalten – unabhängig von jeglichem "Nachschub" aus der Wildbahn. Während noch vor 40 Jahren Tiere aus den Ursprungsländern importiert wurden, sind heute nahezu alle gehaltenen Säugetiere und ein Teil der Vögel und Fische im Zoo geboren.
Zuchtprogramme
Wollen die Zoos aber langfristig gesunde, sich selbst erhaltende Populationen etwa von Tigern, Giraffen, Orang-Utans oder Zebras besitzen, müssen sie international zusammenarbeiten und ihre Bestände gemeinsam managen. Das Bewahren einer möglichst großen genetischen Variabilität ist dabei genauso wichtig, wie eine gesunde Altersstruktur. Für fast 300 aller in europäischen Zoos lebenden Tierarten gibt es heute daher nationale und internationale Zuchtprogramme.
Der jeweilige Koordinator verwaltet die Daten aller Vertreter "seiner" Art, kennt die verwandtschaftliche Beziehungen untereinander, ihre Herkunft und die Altersstruktur der Population. Nur dank dieser Informationen ist es ihm möglich, genaue und gute Zuchtempfehlungen für die beteiligten Zoos auszuarbeiten und den dafür nötigen Austausch von Tieren zu steuern – im Dienste der genetischen Vielfalt und damit einer gesunden Nachzucht. Damit diese Vielfalt auch über viele Generationen nicht zu stark abnimmt, wird mit spezieller Computersoftware zudem berechnet, wie viele Tiere einer Art mindestens an einem Zuchtprogramm teilnehmen müssen, was bei jeder Art verschieden ist.
Ein Koordinator bezieht seine Daten unter anderem über eine internationale Datenbank, in die derzeit über 650 Zoos aus 70 Ländern auf fünf Kontinenten die Daten ihrer Tiere eingeben. Inzwischen sind dort über zwei Millionen Tiere in 10 000 Arten erfasst.
Sie werden von ISIS (International Species Information System) zentral verwaltet, und die beteiligten Zoos können überall auf der Welt am PC darauf zugreifen. Über 8 000 Tiere hat allein der Stuttgarter Zoo im Computer erfasst. Ein großer Teil der Tiere ist individuell bekannt, markiert und besitzt eine eigene Identifikationsnummer in der elektronischen Tierkartei. Um die Daten auf dem aktuellen Stand zu halten, registrieren Tierpfleger, Tierärzte und Zoologen täglich alle Geburten, Todesfälle und andere Ereignisse im Zoo. Alle Veränderungen werden in die Datenbank eingegeben.
Die neue globale Zoodatenbank
Für ein optimales Management ist aber nicht nur die Genetik der Tiere wichtig, sondern auch deren bestmögliche Haltung und tiermedizinische Betreuung. Verbesserungen beruhen meist auf Erfahrungswerten. Alle Zoos und Aquarien der Welt verfügen hier über wertvolles Wissen und speichern es teils in eigenen Datenbanken. Doch diese Informationen sind mangels zentraler, einheitlicher Erfassung nicht allen zugänglich.
Seit einigen Jahren baut die weltweite Zoogemeinschaft daher zusammen mit ISIS und einer großen internationalen Softwarefirma eine moderne, globale, internetfähige Datenbank auf, die den Austausch dieser Informationen künftig stark vereinfachen und verbessern wird. Auch die Wilhelma beteiligt sich aktiv daran. Die neue Datenbank ZIMS (Zoological Information Management System) wird eines der größten internetfähigen Softwaresysteme weltweit sein, vor allem aber ein wertvolles Instrument zum Management der Zoobestände. Zusätzlich zu den Basisdaten jedes Tieres lassen sich damit Angaben zur Haltung und zur Tiermedizin so weit wie möglich standardisiert erfassen. Zoomitarbeiter wie Forscher können aus diesem gemeinsamen Datenpool dann gezielt Informationen ›herausfischen‹ und so das vorhandene Wissen auch nutzen. Die angesammelten Datenmengen ließen sich ohne Computer längst nicht mehr verwalten und überschauen.
In Zukunft sieht das dann beispielsweise so aus: Tierärzte speichern in ZIMS Röntgenbilder, medizinische Proben und Krankengeschichten ab. Aquarianer erfassen Fischgemeinschaften in großen Tanks und hinterlegen Angaben zu Wasserqualität und Filtersystemen. Zoologen speichern Fotos von Gehegen und Tieren ab, vermerken besondere Verhaltensweisen und vieles mehr. Der Vorteil: Tierärzte ermitteln in Folge schnell und einfach am PC, wie die Milch einer Giraffe beschaffen und welcher Blutwert für Gibbons normal ist. Und Zoologen erkundigen sich in ZMS nach Erfahrungen mit bestimmten Gehegezäunen für Antilopen oder nach der optimalen Luftfeuchtigkeit in einem Froschterrarium.
Nur wenn die Zoos ihre Tierbestände gemeinsam "managen", nach neuesten Erkenntnissen halten und pflegen, ist sichergestellt, dass daraus auch noch in 100 Jahren gesunde Nachkommen hervorgehen. Und es nicht in einigen Jahren heißt: "Giraffen und Orangs sind aus, Tiger und Gorillas demnächst auch ..."
Dr. Ulrike Rademacher, "Wilhelma-Magazin"




