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18.03.2010

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Eisbär, Affe & Co

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Eisbärenzucht – eine Nervensache

Wilbär, der Erste

Auf Knut und Flocke folgte Wilbär: Zwar war er als erstes Eisbärbaby Stuttgarts an sich schon eine kleine Sensation. Doch davon abgesehen wächst er ganz normal bei Mama Corinna auf. Was die Wilhelma am meisten freut.

Am 11. Dezember 2007 morgens klingelte das Telefon in der Wilhelma-Direktion. Es war Jürgen Deisenhofer, der Revierleiter der Bärenanlage. Und der verkündete: "Es gibt einen kleinen Eisbär!" Vorerst brach trotzdem kein Jubelgeschrei aus. Denn die ersten Tage im Leben eines Eisbärenbabys sind kritisch. Also verhängte der Direktor ein offzielles Jubelverbot und eine Nachrichtensperre. Nur wenige erfuhren von dem Bärchen. Der Grund: Jeglicher Medienrummel, Trubel und Druck von außen, der ein natürliches Aufwachsen des Jungen bei seiner Mutter gefährden könnte, sollte vermieden werden. Zumal kaum ein Tier so sensibel auf Störungen reagiert wie eine Eisbärmutter in der Zeit kurz nach der Geburt. Damit sich eine stabile Mutter-Kind-Beziehung entwickeln kann, ist absolute Ruhe unerlässlich.

Der Innenstall der Eisbären wurde daher sogleich zur Tabuzone erklärt. Selbst die zuständigen Pfeger mussten die ersten Wochen draußen bleiben. Nur eine Kamera übertrug Bilder von Mutter und Kind aus dem Innenstall auf den Bildschirm im Aufenthaltsraum, der damit zur wichtigsten, da einzigen In formationsquelle wurde. Ständig schaute einer der Pfeger hier nach, "ob es noch lebt". Die Anspannung, aber auch die Hoffnung stieg täglich. "Eisbärenzucht ist eine Nervensache!", lautete Deisenhofers täglich ausgegebene Durchhalteparole. Das kann man wohl sagen!

Corinna behielt die Nerven. Den ganzen Tag lag sie im Wurfstall, hielt ihr Kind warm und säugte es. Bei der Geburt war es noch fast nackt, blind, taub und etwa so groß wie ein Meerschweinchen gewesen. Drei Monate später wog es fast neun Kilo, war 35 Zentimeter hoch und 60 lang. Alles schien gut und ein lang gehegter Traum endlich in Erfüllung zu gehen: In der Wilhelma wuchs ein Eisbärbaby heran – bei seiner Mutter!


Was lange währt …
Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg, der mit der Eröffnung der neuen Anlage für Bären und Klettertiere im Juli 1991 begonnen hatte. Oder besser gesagt mit der Geburt von Wilbärs Eltern. Vater Anton erblickte am 21. Dezember 1989 im Zoo Karlsruhe das Licht der Welt. Weil er im Alter von acht Wochen Probleme mit den Hinterbeinen bekam, wurde er von der Mutter getrennt und von Tierpflegern aufgezogen. Mit drei Monaten erhielt er Gesellschaft von gleichaltrigen Eisbären, ebenfalls in Karlsruhe geboren. Im Alter von zehn Monaten kamen Anton und Hallensia, beide zusammen in Karlsruhe aufgewachsen, nach Stuttgart.

Im November 1990 stieß die einen Tag vor Anton in Kopenhagen geborene Corinna dazu, 1993 folgte die dreijährige Larissa aus Rotterdam. Beide Eisbärinnen waren bei ihren Müttern aufgewachsen. 2003 wurde Larissa allerdings nach Karlsruhe abgegeben, da sie sich mit Anton nicht verstand.

Fortan lebte Anton mit zwei Weibchen, Corinna und Hallensia, in der Wilhelma. Nur von Corinna wissen wir, dass sie fünfmal Junge bekam. Die meisten starben kurz nach der Geburt, einige davon waren Frühgeburten. Nur ein Junges überlebte neun Tage. Es kam kurz vor Silvester zur Welt, und auf den Videoaufnahmen war zu sehen, dass Corinna die Silvesterknallerei sehr beunruhigt hatte. Vielleicht der Grund, dass sie sich entschloss, das Jungtier nicht aufzuziehen.

Woran es gestorben war, blieb aber ungeklärt, da Corinna es gefressen hat. Auch in der Natur reagieren Eisbärinnen auf diese für uns drastisch erscheinende Weise, wenn sie keine Chance mehr sehen, die Jungen erfolgreich aufzuziehen. Etwa, weil die Jungen nicht lebensfähig sind. Oder weil die Mutter unerfahren ist, zu wenig Milch hat, sich nicht sicher fühlt oder gestört wird, bevor ihre Beziehung zum Kind gefestigt ist. Denn jede Aufzucht kostet die Bärin viel Energie, die sie daher nur "investiert", wenn die Chancen auf Erfolg hoch sind. Nach Schätzungen sterben rund 50 Prozent des Eisbär-Nachwuchses im ersten Lebensjahr – im Freiland ebenso wie in Zoos.


Drei sind einer zu viel
Seit einigen Jahren weiß man, dass die Chancen auf Nachwuchs bei einer paarweisen Haltung höher sind als bei einer Haremshaltung. Schweren Herzens beschlossen wir daher, auch Hallensia abzugeben – zumal diese sich mit Anton nicht mehr so gut verstand wie früher. Statt so selbstbewusst mit Anton umzugehen wie Corinna, ließ sie sich zunehmend einschüchtern.

Also suchten wir nach einem Zoo, in dem ein ruhiger, freundlicher Eisbärmann lebt – und wurden in Wien fündig. Im Oktober 2007 zog Hallensia um. Fortan hatten Anton und Corinna mehr Raum für sich, jeder konnte jetzt sowohl eine eigene Außenanlage als auch einen eigenen Innenbereich nach Belieben nutzen. Corinna erhält zudem freien Zugang zu einer großen Wurfbox mit Vorraum und zu vier Innenställen, einer davon ebenfalls mit Wurfbox. Alle Türen und Schieber nach außen wurden mit Dämmplatten gegen Schall abgedichtet, um die Abgeschiedenheit und Störungsfreiheit zu erreichen, die für Wurfgebiete im natürlichen Lebensraum typisch und für eine erfolgreiche Aufzucht entscheidend sind.

Wochen vor der Geburt wurden Corinna und Anton getrennt, im Innenstall alle Dachluken abgedunkelt, sogar die Telefone des Bärenreviers leise gestellt. Ab jetzt durften nur noch die Pfeger ins Innengehege, um die werdende Mutter zu füttern. Nach der Geburt am 10. Dezember schlossen sie auch dieses und stellten die Fütterung ein. Corinna wurde sich selbst überlassen – und zog ihr Junges allein und ungestört auf. Nur die Überwachungskamera war Zeuge.

Die ersten Lebenswochen
So blieb es auch die nächsten sechs Wochen, in denen Corinna rund um die Uhr eng bei ihrem Jungen lag und es wärmte. Junge Eisbären können ihre Körpertemperatur nicht regulieren und brauchen daher die mütterliche "Heizung" permanent. Corinna legte dafür den kleinen Wilbär auf einen ihrer Oberarme und den anderen Arm darüber. Zusätzlich nutzte sie ihre Halsbeuge als warme Kuhle, in die sie ihr Kind sanft hineinbugsierte. Lediglich 30 Minuten am Tag gönnte sich die Bärin, um sich die Beine zu vertreten, zu urinieren, zu trinken und zu spielen.

Sechs Wochen nach der Geburt erhielt Corinna erstmals wieder eine Mahlzeit: Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse. Bis dahin fastete sie und zehrte von ihren Fettreserven. Nach eineinhalb Monaten versuchte ihr Sohn Wilbär erstmals, sich aus eigener Kraft fortzubewegen – eine unbeholfene Mischung aus Robben, Laufen und Schieben. Zwar konnte er sich schon mit den Vorderbeinen hochdrücken, aber die Hinterbeine gaben meist noch nach. Immerhin schaffte er es, die Wurfbox zu verlassen und zusammen mit Corinna die gesamte "Fünf-Raum-Wohnung" zu nutzen. Wieder einen Monat später konnte Wilbär einigermaßen unfallfrei laufen, und die ersten Zähne brachen durch. Und mit knapp drei Monaten fand er neben der Muttermilch zunehmend Gefallen an Hackfeisch und Fischstückchen.

Die große Premiere
Alles ging gut, das Abschirmen des jungen Bären von der Öffentlichkeit hat sich gelohnt. Erst Ende Februar wurde Wilbärs Geburt offziell bekannt gegeben. Eineinhalb Monate später war die Zeit reif für den ersten öffentlichen Auftritt. Vor laufenden und klickenden Kameras und ersten begeisterten Schaulustigen gaben Mutter und Sohn am 16. April ein Debüt wie aus dem Bilderbuch: spielend, badend, schmusend und posierend wie die Profs. Nicht umsonst hatten ihre Pfeger Jürgen Deisenhofer und Andreas Wössner mit den Bären einige Tage lang morgens heimlich geübt …

Klar, dass Corinna und Wilbär seither die Publikumsmagneten in der Wilhelma sind. Allen Besuchern wünschen wir, dass sie trotz des großen Andrangs viele schöne Momente mit ihnen erleben. Und dabei auch unsere anderen Tiere nicht ganz vergessen …

Dr. Ulrike Rademacher
(Quelle: Wilhelma Magazin)

Eisbärjunge Wilbär (Bild: Wilhelma)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Hier ist Wilbär noch ganz tapsig unterwegs ... ]




Wilbär springt ins Wasser (Bild: Wilhelma)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Doch schon bald entwickelt sich aus dem einst tollpatschigen Baby ein "toller Hecht". ]




Wilbär im freien Flug (Bild: Wilhelma)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Mit diesem beherzten Sprung würde Wilbär jede Jury der Welt überzeugen! ]




Wilbär unter Wasser (Bild: Wilhelma)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Wilbär ist auch unter Wasser in seinem Element! ]




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