"Jeder kann den Alterungsprozess positiv beeinflussen"
Zweiter Teil des Interviews mit Prof. Martin Korte
Wie wichtig ist Gedächtnistraining für Ältere?
Absolut wichtig. Im Grunde nimmt unsere Gedächtnisleistung ab dem 25. Lebensjahr ab. Wir altern nicht nur körperlich, sondern auch in Bezug auf unsere geistige Leistungsfähigkeit. So ab dem 55. Lebensjahr macht sich dieser Alterungsprozess deutlich bemerkbar. Die Lernfähigkeit und die Gedächtnisleistung nehmen deutlich ab.
Das klingt nicht gerade ermutigend?
Jeder kann diesen Alterungsprozess positiv beeinflussen, aber man muss auch realistisch bleiben in dem Sinne, dass man das Altern zwar verlangsamen, aber eben nicht aufhalten kann. Ältere sollten in ruhigerer Atmosphäre lernen, damit sich die Aufmerksamkeit zu 100 Prozent auf die Aufgabe richtet. Sie sollten versuchen, das zu Lernende mit ihrer Erfahrung in Zusammenhang zu bringen. Und sie sollten mehr Flüssigkeit zu sich nehmen. Ältere Menschen trinken in der Regel zu wenig und das setzt die geistige Leistungsfähigkeit um bis zu zehn Prozent herab. Stark leistungsmindernd ist übrigens auch das Rauchen.
Können Sie zum Abschluss in wenigen Sätzen erklären, wie unser Gedächtnis funktioniert?
Ich kann es versuchen. Wir unterscheiden zwischen dem Kurzzeitgedächtnis, heute auch oft als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, und dem Langzeitgedächtnis. Behält man etwas eine bis fünf Minuten, dann sprechen wir vom Kurzzeitgedächtnis. Alles, was darüber hinausgeht, gehört zum Bereich des Langzeitgedächtnisses. Entscheidend für unsere Gedächtnisleistung sind die Milliarden Nervenzellen, die im menschlichen Gehirn für die geistige Tätigkeit verantwortlich sind. Diese Nervenzellen sind über die so genannten chemischen Kontaktstellen, die Synapsen, miteinander verbunden. Beim Lernen verändern sich die Synapsen und damit ändert sich die Art und Weise, wie Nervenzellen miteinander verbunden sind – es entstehen also Muster, die wiederhergestellt werden können.
Wie kann man sich diese Arbeit des Gehirns vorstellen?
Nehmen Sie ein Fußballfeld voller Glühbirnen. Jede dieser Glühbirnen ist mit der anderen verbunden. Leuchtet eine bestimmte Gruppe von Glühbirnen, entsteht für den Betrachter des Fußballfeldes das Bild des Buchstaben M. Damit genau diese Glühbirnen leuchten, muss der Widerstand zwischen gerade diesen Glühbirnen geringer sein, als der Widerstand zu den Glühbirnen, die nicht leuchten sollen.
Die Glühbirnen sind vergleichbar mit den Nervenzellen unseres Gehirns. Die Verbindungen zwischen den Glühbirnen sind vergleichbar den Synapsen. Entscheidend ist nun, dass die Synapsen durch entsprechende Verbindungen zwischen den Glühbirnen oder Nervenzellen ihren Widerstand verändern oder neue Kontakte ausbilden und immer wieder herstellen können.
Diese Fähigkeit der Synapsen, Muster im Gehirn zu erzeugen, lässt sich trainieren und es hat sich gezeigt, dass, wenn man viel lernt, in bestimmten Gehirngebieten auch mehr Kontaktstellen gewachsen sind; das wäre vergleichbar mit der Situation einer Festplatte auf einem Computer, die ihre Speicherkapazität vergrößert, wenn sie viele Informationen abspeichert.
Die Fragen stellte: Enno Wiese

