So macht Lernen wirklich Spaß
Interview mit Christiane Stenger
Wenn Christiane Stenger einkaufen geht, hat sie ihren Einkaufszettel im Kopf. Da hüpft zum Beispiel ein Gummibärchen in den Spinat. Im Gespräch erklärt sie, wie man sich auch schwierige Dinge merken kann.
DasErste.de: Schon mit 16 hatten Sie das Abitur in der Tasche. Wann haben Sie erstmals festgestellt, dass Sie begabter sind als die meisten Ihrer Mitschüler?
Christiane Stenger: Alles hat schon in der Grundschule angefangen, als ich mich unwohl gefühlt habe und angefangen habe, mir irgendwelche Krankheiten einzubilden wie Fußschmerzen oder Bauchschmerzen. Ich wollte nicht in die Schule, weil ich mich da gelangweilt habe, was ich damals aber noch nicht wusste. So war ich dann mit meinen Eltern bei einigen Ärzten und schließlich auch beim Psychologen, der einen IQ-Test gemacht hat.
Danach habe ich eine Klasse übersprungen und bin in die Hochbegabtenförderung gekommen. Dort habe ich an einem Kurs 'Gedächtnistraining und Naturphänomene' teilgenommen. Und das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin.
Sie haben an zahlreichen Meisterschaften teilgenommen und sind sogar mehrfache Weltmeisterin im Gedächtnissport geworden. Ist das denn wirklich eine sportliche Angelegenheit?
Ich glaube schon, dass man das als Sportart betrachten kann, wie Schach zum Beispiel. Die Meisterschaften bestehen aus einem Zehnkampf verschiedener Disziplinen. Man muss sich unter anderem Ziffern, Wörter, Namen, Gesichter und Binärzahlen merken. Nach der Weltmeisterschaft, die drei Tage dauerte, brummte auch mir der Kopf.
Ihr aktuelles Buch trägt den Titel "Gummibärchen im Spinat". Was steckt hinter diesem ungewöhnlichen Titel?
Auf den Titel bin ich durch Zufall gekommen. Denn er ist Teil einer Geschichte, wie man sich zum Beispiel eine Einkaufsliste leichter merken kann. Wenn ich Gummibärchen und Spinat kaufen will, ist es viel leichter, wenn man sich zum Beispiel vorstellt, wie das Gummibärchen in den Spinat hineingehüpft ist. Es geht also darum, verschiedene Ideen miteinander zu verknüpfen, und das kann der Anfang einer kleinen Einkaufslistengeschichte sein.
Sind solche bildlichen Eselsbrücken für unser Gedächtnis nicht zu kompliziert?
Kompliziert ist das nicht. Das ist auch gar kein Umweg, wie viele meinen. Es ist vielleicht schwer, Geschichten nachzuvollziehen, die ein Anderer erzählt. Es geht mehr darum, selbst solche Ideen zu haben. Wenn man sich die Sachen vorstellt, die man sich merken möchte, und sich dazu eine Geschichte ausdenkt, ist es viel, viel leichter. Schon dadurch, dass man darüber nachdenkt, schafft man viele Verknüpfungspunkte im Gehirn. Und das Tolle daran ist, es ist kein stupides Pauken oder Auswendiglernen. Man kann selbst überlegen und sich etwas Witziges ausdenken. So kann Lernen wirklich Spaß machen.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie man sich selbst eine komplizierte Formel leicht merken kann?
Die so genannte Mitternachtsformel braucht man, wenn man eine quadratische Gleichung lösen will. Um sich diese Formel zu merken, wird jeder Punkt der Formel in ein Bild übersetzt. So könnte minus Rückwärtslaufen bedeuten. Das B könnte für einen Bären stehen. Die Wurzel für die Wurzel eines Baumes, das A für eine Ananas und C vom Klang her für eine Zitrone. Dann könnte man sich zum Beispiel folgende Geschichte ausdenken:
Ein rückwärts (-) laufender Bär (b) ist betrunken und torkelt, nämlich vor und zurück, also plus minus. Dadurch stolpert er über eine Wurzel und der Bär fällt hin. Der Bär liegt auf dem Boden und sieht alles doppelt (hoch zwei). Und jetzt muss er auch noch etwas loswerden, da er ja betrunken ist. Das heißt, er muss ausspucken. Er spuckt also vier Ananas und eine Zitrone (4ac) aus. Jetzt wird es noch etwas ekliger: Er muss das Ganze jetzt noch teilen, das steht für geteilt durch, und findet da noch mal zwei Ananas (2a).
In Vorträgen und Seminaren geben Sie Schülerinnen und Schülern Tipps zum leichteren Lernen. Was ist für Sie denn das A und O beim Gedächtnistraining?
Es geht vor allem darum, die Dinge, die man sich einprägen will, zu visualisieren oder mit Bekanntem zu verknüpfen. Das fängt bei einfachen Eselsbrücken an, wie zum Beispiel zu den Himmelsrichtungen: Nie ohne Seife waschen (Die Anfangsbuchstaben stehen im Uhrzeigersinn für Norden, Osten, Süden, Westen. Anmerkung der Redaktion). Dann gibt es immer mehr Techniken, die man erlernen kann. Dafür muss man zwar am Anfang Zeit investieren, aber die bekommt man dann später tausendfach zurück.
Gibt es denn auch Aufgaben, die Ihnen schwer fallen - zum Beispiel in Ihrem Studium?
Wenn ich mir wirklich etwas merken möchte, klappt das auch mit den Techniken, die ich verwende. Aber mir fällt auch mal etwas nicht ein oder ich vergesse etwas, wenn ich faul bin oder - wenn's schnell gehen muss - keine der Techniken anwende. In der Eile passiert das schon mal. Aber darüber bin ich dann auch ganz glücklich.
Die Fragen stellte: Björn Lilienthal




