Joseph Goebbels - bis zum
Schluss in heroischer Pose
Der
Einpeitscher
Dienstag, 7. Juni 2005, 22.15 Uhr, NDR
Fernsehen
In der "Judenfrage" wird Goebbels immer extremer.
Als er im November 1939 das jüdische Viertel in Lodz persönlich in Augenschein
nimmt, notiert er: "Das sind keine Menschen mehr. Das sind Tiere. Das ist
deshalb keine humanitäre, sondern eine chirurgische Aufgabe. Man muss hier
Schnitte tun und zwar ganz radikale." (Tagebuch 2.11.1939)
Zwischen 1940 und 1942 ist die "Judenfrage" das zentrale Thema, wenn Hitler und
Goebbels sich besprechen. Nach einem Vorschlag von Goebbels gibt Hitler 1941 die
Verordnung über die "Kennzeichnungspflicht der Juden" frei: Der Judenstern muss
nun auch im "Altreich" sichtbar getragen werden. Immer wieder wird Goebbels aus
eigenem Antrieb bei Hitler vorstellig und drängt, alle Juden aus seinem Gau
deportieren zu lassen.
"Ich habe mir zum Ziel gesetzt, bis Mitte, spätestens Ende März Berlin gänzlich
judenfrei zu machen." (Tagebuch 18.2.1943)
Zehntausende Berliner Juden werden seit 1941 deportiert und ermordet. Nur
widerwillig "schont" Goebbels die vielen Tausend Juden, die in der
Rüstungsindustrie Zwangsarbeit leisten müssen. Auch die 17.000 Juden aus
Mischehen bleiben ihm ein Dorn im Auge. Der Krieg erfordert eine Neuausrichtung
der Propagandamethoden.
"Wir müssen die Sache mehr auflockern. (...) Das Volk hat in diesen schweren
Zeiten Anspruch auf Entspannung und Unterhaltung mehr denn je." (Tagebuch
28.4.1940)
Im Radio laufen nun die "Wunschkonzerte", die Front und Heimat verbinden und
gute Laune schaffen sollen. Unterhaltung auch im Kino. Goebbels, schon seit
frühen Jahren ein Filmfan, erfüllt begeistert seine Aufgabe als Filmminister.
Nächtelang sichtet er die neuesten Kino-Produktionen. Er will, dass die Filme
der Ufa die Menschen entspannen und ihre Bereitschaft zum Durchhalten stärken.
Zum Hauptinstrument der Kriegspropaganda wird die Wochenschau. 14.000
Mitarbeiter der Propagandakompanien liefern Bildmaterial. 2.000 Kopien flimmern
wöchentlich auf den deutschen Kinoleinwänden. Detailversessen und voller
Arbeitswut kümmert er sich um viele Beiträge persönlich.
"In einem rasanten Tempo durchgearbeitet. (...) Neue Wochenschau fertig. Ganz
großartig geworden. Hinreißend in Aufbau, Tempo, Musik, Textierung. Die wird wie
ein Blitz einschlagen. Nur im ersten Teil lasse ich die Musik noch etwas
rasanter machen." (Tagebuch 23.5.1940)
Sein Rezept der Kriegsberichterstattung: dramatische Kampfszenen von den
Fronten, keine eigenen Toten und Verletzten, klare Feindbilder. Das Konzept geht
auf, solange Siege verkündet werden können: Der Überfall auf Polen, die
Besetzung Dänemarks und Norwegens, der erfolgreiche Frankreichfeldzug. Nach dem
Sieg über Frankreich notiert Goebbels: "Der Rundfunk (...) ist ein
Volksführungsmittel erster Klasse, auf das wir auf die Dauer gar nicht
verzichten können. (...) Ich arbeite ein großes und festliches Programm für den
Rundfunk aus. Daran soll das ganze deutsche Volk teilnehmen. Anruf vom Führer:
er ist ganz ausgelassen glücklich. Lobt meine Propagandaarbeit, die soviel zum
Erfolg mitbeigetragen habe. (...) Der Führer ist restlos begeistert von unserer
Wochenschauarbeit. Die gefällt ihm ganz besonders." (Tagebuch 25.6.1940)
Die Wende kommt im Winter 1942/1943 mit Stalingrad. Goebbels setzt nun auf mehr
Realismus in der Kriegsberichterstattung. Er kann dadurch den
Glaubwürdigkeitsverlust seiner Propaganda noch einmal aufhalten. Seine eigenen
Zweifel übertüncht er, indem er sich selbst noch mehr anspornt. Wie zu Beginn
seiner Karriere ist Goebbels nun wieder ganz fanatischer Agitator, überzeugt
auch jetzt wieder durch seine Unbeirrbarkeit: Der "Endsieg" wird von ihm zu
einer unbedingten Glaubenssache erklärt. Alle Hoffnungen sollen sich nur noch
auf ihn richten: Adolf Hitler.
Als sich die Niederlage abzeichnet, wird er für den gesundheitlich
angeschlagenen Hitler immer wichtiger. Der Gauleiter und Minister wird nun auch
"Reichsbeauftragter für den totalen Kriegseinsatz", ein Krisenmanager. Goebbels
reduziert die Belegschaften der Betriebe, um Nachschub für die Front zu
requirieren. Für den propagierten "Endsieg" können nun alle Männer zwischen 16
und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren zur Reichsverteidigung
herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 werden
Hitlerjungen ab 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht
eingezogen.
Gleichzeitig schürt Goebbels durch Gräuelpropaganda die Ängste vor dem
"jüdischen Bolschewismus". Durchhalteparolen wie "Nun, Volk, steh auf und Sturm
brich los!" oder "Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht" sollen die
"opferbereite Heimatfront" zu Höchstleistungen antreiben. Erhöht wird dadurch
aber nur die Zahl der Opfer in einem längst verlorenen Krieg.
Am 30. April begeht Hitler Selbstmord. In seinem Testament bestimmt er Goebbels
zu seinem Nachfolger als Reichskanzler. "Zum ersten Mal in meinem Leben",
schreibt Goebbels mit Pathos in einem Zusatz zum politischen Testament Hitlers,
"muß ich mich kategorisch weigern, einem Befehl des Führers Folge zu leisten."
Einen Tag später nehmen Goebbels und seine Frau Magda sich das Leben, nachdem
sie zuvor ihre sechs Kinder vergiftet haben. Auch diese Verzweiflungstat
versucht Goebbels noch zu überhöhen.
Propaganda bis zum Schluss: "Wenn wir
untergehen sollten, dann wird mit uns das ganze deutsche Volk untergehen, und
zwar so ruhmreich, dass selbst noch nach tausend Jahren der heroische Untergang
der Deutschen in der Weltgeschichte an erster Stelle steht." (Joseph Goebbels
auf einer Pressekonferenz im März 1945)