22.05.2012

Heimat3
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Edgar Reitz (Bild: SWR/Weisbrod)
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Interview mit Heimat-Regisseur Edgar Reitz

Wann wussten Sie, dass Sie Heimat 3 angehen würden? War das schon während der Zweiten Heimat
Ich habe dieses Jahr, in dem Die Zweite Heimat in der ganzen Welt gefeiert wurde, sehr intensiv erlebt und wünschte mir, unmittelbar weiter zu arbeiten. Die vielen Begegnungen mit dem Publikum, die jubelnden Kritiker, Tausende von Zuschriften, in denen wildfremde Menschen mir ihre Lebensgeschichten anvertrauten, das alles war derart inspirierend, dass ich in jeder freien Minute neue Geschichten aufschrieb. Bald schon hatte sich genug Stoff für eine dritte Heimat angesammelt, und ich fühlte mich aufgerufen, das Werk fortzusetzen. Diese schöpferischen Impulse wurden allerdings auf eine harte Probe gestellt, denn es dauerte ganze neun Jahre, bis ich das Geld beisammen hatte. 

Für Heimat 3 haben Sie mit einem Co-Autor gearbeitet, Thomas Brussig. Wie kam es zur Zusammenarbeit und wie gestaltete sie sich?
Ich war ein paar Jahre lang auf der Suche nach einem geeigneten Co-Autor für Heimat 3, weil ich kommen sah, dass Erfahrungen berührt würden, die über meinen persönlichen Horizont hinausreichen, vor allem, was das Leben der Menschen im Osten angeht. Als ich dann in Berlin eine Gastprofessur an der Filmschule in Babelsberg erhielt und Kurse in Dramaturgie und Drehbuchschreiben durchführte, war Thomas Brussig einer meiner Studenten. Ich hörte von seinen Kommilitonen, dass er bereits ein erfolgreiches Buch veröffentlicht hatte. Ich las die "Helden wie wir" mit großem Vergnügen. Es traf sich gut, dass Leute von der Filmhochschule im Jahr vorher in Potsdam eine Aufführung der Zweiten Heimat organisiert hatten. Thomas Brussig war einer der Organisatoren, und er kannte und liebte die Zweite Heimat. Als ich ihn auf eine Zusammenarbeit bei Heimat 3 ansprach, war er sofort interessiert.

Wenn im Zentrum von Heimat eine Familie stand und im Zentrum der Zweiten Heimat ein Freundeskreis, der eine Art Ersatzfamilie geworden ist, was ist der Focus der Charaktere von Heimat 3?
Mit der Zeit stellt sich in der dritten Heimat heraus, dass die Familie eine stärkere Bindungskraft hat, als wir alle angenommen hatten. Ich glaube, das ist eine Erkenntnis, die sich überall auf der Welt nach den sechziger Jahren eingestellt hat. Es gab eine Zeit, da sagten wir, die Arbeit sei das Bindende. Aber sobald man dem ein bisschen nachgeht, merkt man sofort, dass es eine Frage des wirtschaftlichen Erfolges ist und des Geldes. Und wenn wir uns heute fragen, in welchen Beziehungen Geld keine Rolle spielt, dann bleibt wenig außer der Familie. Herrmann und Clarissa sind ein Paar aus den Sechzigern und sie sehen ihre Beziehung als freie Partnerschaft. Die beiden heiraten zwar nie, aber letztlich werden sie dann doch Teil einer großen Familie.

Was war das für ein Gefühl, die Darsteller von Heimat und Zweite Heimat zusammen am Drehort zu haben?
Es war, als wäre seit den Anfängen mit Heimat keine Zeit vergangen, als hätte alles so sein müssen, wie es dann kam. Die Schauspieler haben sich auch sofort verstanden, und fanden sehr schnell in ihre Rollen zurück. Man weiß, wie die Figur, die man darstellt, als Kind gewesen ist, wie sie aufgewachsen ist, wie die Mutter einen behandelt hat, all dieses Wissen trägt man in sich. Man spielt eine Lebens-Rolle.

Das Faszinierende an Heimat 3 ist, dass sich die beiden Schauspielensembles aus den vorhergehenden Filmen Heimat und Die Zweite Heimat in gewisser Weise durchmischen. Hat nun jeder Teil eine eigene Hauptfigur?
Ich möchte es dem Zuschauer selbst überlassen, im reichen Erzählangebot seine Lieblinge zu wählen. Ich denke, es sind nicht immer nur einzelne Figuren, die in der Heimat 3 zu Episodenhelden werden, sondern eher Paare: Hermann und Clarissa, Gunnar und Petra, Hartmut und Galina, Tillmann und Moni, aber es gibt auch die Einsamen unter den Figuren, zum Beispiel Ernst oder Anton, der kleine Matko oder die wunderbare Lulu. Am Neujahrsmorgen des Jahres 2000 macht sie mit Freunden eine kleine Wanderung. Irgendetwas in ihr fragt, ob es außer Wohlstand und Sicherheit noch etwas gibt, das sich zu besitzen lohnt. Der Freund will wissen, wie es denn mit der Liebe bei ihr bestellt sei. Aber Lulu scheint nicht zu wissen, was Liebe ist. Heimat 3 endet mit der weinenden Lulu. Sie ist 33 Jahre alt, also in dem Alter, das Hermann einmal das "Christusalter" genannt hat. Auf Lulus Fragen an die Welt hätte ich sehr gerne eine gute Antwort gewusst und ihr auch ein Lächeln gegönnt.

Das Interview führte Ingo Fliess / Verlag der Autoren.

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