SENDETERMIN Mi, 25.01.17 | 05:30 Uhr | Das Erste

Buchtipp: Politisches Buch

von Thomas Schindler, Literaturexperte

Buchtipp "Politisches Buch" | Video verfügbar bis 25.01.2018

Georg Seeßlen: Trump, Populismus als Politik

Bertz und Fischer Verlag 2017, 140 Seiten, 7,90 Euro

Was ist nicht alles schon angeführt worden, um den Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen zu erklären: Der Abstieg der weißen Mittelklasse, der Verdruss an der politischen Elite in Washington, der manipulative Einsatz von Fake-News usw. So weit, so schlimm, wir müssen mit Trump als Präsident leben.
Georg Seeßlen fügt unseren Trump-Bild in seinem Buch "Trump. Populismus als Politik" eine wichtige Facette hinzu: Wir alle sind ein bisschen Trump, die wir Kinder der Unterhaltungsindustrie und der Popkultur sind.

Seeßlen weist darauf hin, dass es zwei große konkurrierende Modelle der Weltbetrachtung gibt: Die Politik, sie sollte von Umsicht, Abwägen, Vernunft geleitet sein, und die Popkultur, ein ironischer, radikal unvernünftiger Amüsierbetrieb, der die Welt zu einem spaßigen Ort des Zeitvertreibs macht. Die Menschen, die in der Lage sind, das zu trennen, werden weniger. Wir räumen der Vernunft zu wenig und der Unterhaltungsindustrie zu viel Platz ein.

Und Donald Trump ist ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, der Popkultur. Hotels, Werbeikone, TV Star – Trumpismus, Trump ist als Marke Pop! Das Laute, Drastische, Vulgäre, Ungehobelte, seine Selbstverliebtheit, die Gier, der Luxus – Attribute der Popkultur. Trumps Verweigerung, vernünftig zu sprechen, umsichtig zu denken, erfüllt genau die Erwartungen , die in ihn gesetzt werden. Seeßlen schreibt: "Vernünftig sprechen kommt gleich nach „politisch korrekt“, was im Pop und im Populismus gleichermaßen verhasst ist."
Aus der Welt der Popkultur kennen wir den fiesen Schurken, den Playboy, den Selfmademan, den Rebell und hegen Sympathie für diese Figuren, und das macht Trump mehrheitsfähig, der sich in Teilen so inszeniert.

Georg Seeßlen ist hier sehr treffend auf den Spuren des "Trumpismus" als Auswuchs der Popkultur und nimmt in diesem schmalen Buch eine kulturkritische Position ein, die in den 80er Jahren von Neil Postman, dem amerikanischen Unterhaltungsindustrie-Kritiker schlechthin, besetzt wurde: "Wenn sich ein Volk von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“ (Neil Postman)

Titel Fatma Aydemir: Ellbogen
Fatma Aydemir: Ellbogen

Fatma Aydemir: Ellbogen

Roman, Hanser Verlag 2017, 272 Seiten, 20 Euro

"Ellbogen" ist der ruppige Debütroman von Fatma Aydemir, die Geschichte der 17jährigen Hazal, Kind türkischer Einwanderer, ein Berliner Teenager ohne echten Plan im Leben. Auf den ersten 80 Seiten lernen wir Hazal und ihren Freundeskreis kennen, die Bosnierin Elma, die Gläubige Türkin Ebru, die laute Drama-Queen Gül.

Fatma Aydemir gelingt die schriftstellerisch schwierige Aufgabe, einen jugendsprachlichen Slang zu finden, der nicht nervt und künstlich wirkt. Für Zukunft und Karriere interessieren sich die Mädchen wenig, abgefuckt sind sie, frustriert, nach außen hin stolz, aber eigentlich ohne wirkliches Selbstbewusstsein ausgestattet, im Leben etwas erreichen zu wollen. Dann kommt der 18. Geburtstag Hazals, die Clique will feiern, trinken, das erste Mal in die Disco und tanzen gehen.
Auf 40 fulminanten Seiten schildert Fatma Aydemir diese Nacht, ein Trip, der ausgelassen und albern beginnt und in einer Katastrophe endet. Es kommt zu einer Schlägerei mit einem deutschen Studenten, die tödlich endet. Während ihre Freundinnen festgenommen werden, hat sich Hazal nach Istanbul abgesetzt, eine Stadt, in der sie noch nie war, aber einen Skype- und Chatkontakt kennt sie da und taucht unter.
Istanbul und ihr Leben unter linken Studenten und Regimekritikern bildet den zweiten Teil des Romans, der in den Wirren des Putschversuchs vom Juli 2016 endet.

Der Roman erscheint nächste Woche. Ich denke, er wird Aufsehen erregen. Hazals Tat ist unverzeilich, sie hat einen Mann im Streit und im Alkoholrausch getötet. Aber nur verurteilen kann man die Protagonistin auch nicht, wie man etwa die Gewalttäter und U-Bahnschläger verurteilt, die man aus den Schlagzeilen kennt, da man sich auf Hazals Leben, Ihre Fehler, ihre Ängste zu sehr eingelassen hat.
Immer da, wo man versteht, hört das rigorose Urteilen auf, das kann Literatur.

Stand: 20.03.2017 23:38 Uhr