SENDETERMIN Mi, 22.03.17 | 05:30 Uhr | Das Erste

Buchtipp: Rückblicke

von Thomas Schindler, Literaturexperte

Buchtipp "Rückblicke" | Video verfügbar bis 22.03.2018

Jean Ziegler: der Schmale Grat der Hoffnung

C.Bertelsmann Verlag 2017, 320 Seiten, 19,99 Euro

In "Der schmale Grat der Hoffnung" zieht Jean Ziegler seine Lebensbilanz. Ein Leben auf der politischen Weltbühne. Er war viele Jahre UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung und ist heute Vizepräsident des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen.

Neben seiner Autobiografie liefert dieses Buch einen Insider-Bericht zur Lage der UN, ein ernüchternder Blick auf die Macht der Demokratie und ihrer Institutionen in Zeiten des weltumspannenden Finanzkapitalismus. Jean Ziegler thematisiert seit vielen Jahren immer wieder die "kannibalische Weltordnung". Damit bezeichnet er den "Weltkrieg gegen die Völker der Dritten Welt". Ein Prozent der reichsten Personen der Erde besitzen mehr als die 99% der restlichen Menschheit.

Es steckt eine Menge Wut und Frustration in diesem Buch, da der Autor immer wieder darauf hinweist, dass das Elend vermeidbare wäre, etwa durch ein Verbot der Spekulation auf Grundnahrungsmittel. Oder etwa am Beispiel Syriens, wo ein Eingreifen der UN durch das Veto des ständigen Mitglieds im UN-Sicherheitsrat Russland verhindert wird. Hier täte eine Reform dringend Not, indem man ein Rotationssystem der Mitglieder einführen würde.

Stilistisch ist Ziegler nicht um akademische Sachlichkeit bemüht. Zur Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar schreibt er: "Eine Entscheidung, die für die Herrscherfamilie einen willkommenen Prestigegewinn bedeutet. Seither ist das Land mit gigantischen Baustellen bedeckt – für Schnellstraßen, Stadien, Luxushotels, Entsalzungsanlagen und so fort. Diese Arbeiten pharaonischen Ausmaßes verschlingen Menschen. Seit 2010 sind fast 1400 bengalische, indische und nepalesische Arbeiter auf dem Altar der FIFA und der maßlosen Ambitionen des Emirats geopfert worden."

Oder: "Präsident der EU-Kommission ist gegenwärtig Jean-Claude Juncker, der seine Rolle als treuer Diener des transkontinentalen Kapitals so perfekt verkörpert, dass er fast wie eine Karikatur wirkt (…) In der EU begegnet man ständig bösartigen, widerwärtigen und korrupten Figuren. Und schließlich gibt es noch die tristen Bürokraten, die Heerschar skandalös überbezahlter Parasiten – gesichtslos, furchtsam und ewig unentschlossen."

So kennt man den Autor, gewillt sich Feinde zu machen und mit aller Schärfe für eine solidarische Zivilgemeinschaft einzutreten. Schade, dass Ziegler auf die akute Lage der USA unter Trump nicht eingeht, das Buch ist Ende 2016 in Frankreich erschienen. Ein aktuelles Kapitel hätten Autor und Verlag gerne hinzufügen können.

Barney Norris-Cover
Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Roman, Dumont Verlag 2017, 360 Seiten, 22 Euro

Rückblicke auf das gelebte Leben sind das Thema des englischen Schriftstellers Barney Norris, so eine Art Wunderkind, gerade mal 30 und schon gefeierter britischer Theaterautor. Sein Debütroman heißt "Hier treffen sich fünf Flüsse".

Fünf Lebensläufe sind es, die hier zusammenlaufen. An einer Straßenkreuzung in Salisbury, einer Kleinstadt bei London, kommt es zu einem tödlichen Verkehrsunfall. Das ist der Angelpunkt von dem aus fünf ganz verschiedene Figuren ihr Leben erzählen, die glücklichen Momente und die verpassten Chancen. Es sind die oft beschworenen "kleinen Dramen des Alltags" die hier erzählt werden, unaufgeregt und unspektulär, getragen von einem großartigen Grundton der Wärme und Traurigkeit. Ein überaus gelungenes Debüt!

Stand: 22.03.2017 07:37 Uhr