SENDETERMIN Fr, 14.07.17 | 05:30 Uhr | Das Erste

Interview mit dem türkischen Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu

"İn der Türkei gibt es keine Demokratie"

Interview mit dem türkischen Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu  | Video verfügbar bis 14.07.2018

Kemal Kilicdaroglu ist Chef der türkischen Mitte-Links Partei CHP und damit Oppositionsführer im türkischen Parlament. Ein Jahr nach dem Putschversuch zeichnet Kilicdaroglu ein düsteres Bild vom politischen Zustand seines Landes: "Wenn in einem Land mehr als 150 Journalisten im Gefängnis sind, Universitäten zum Schweigen gebracht werden, die Medien unter Druck stehen, die Menschen und Volksvertreter nur wegen ihrer Meinung verhaftet werden, dann gibt es in diesem Land keine Demokratie. Uns kann niemand betrügen. İn der Türkei gibt es keine Demokratie."

Noch immer, so Kilicdaroglu, lägen die Hintergründe des gescheiterten Staatsstreichs im Dunkeln. "Wir haben einen Untersuchungsausschuss gegründet, um alle Details des Putschversuches herausfinden zu können. Doch der Ausschuss hat seine Aufgabe nicht erfüllt. Die Regierungspartei, also die AKP, hat uns daran gehindert, so dass wir die Hintergründe des Putsches nicht aufdecken konnten."

Einig sind sich Opposition und Regierung, dass Anhänger der Bewegung des Islampredigers Gülen geputscht hätten. Allerdings steht der Vorwurf im Raum, die Spitze des Landes habe am Nachmittag des 15. Juli Informationen über einen Putschversuch erhalten. Man habe diesen nicht verhindern wollen, um danach den Ausnahmezustand einzuführen und so gegen Andersdenkende vorzugehen.

Vor etwa einem Monat wurde auch ein Abgeordneter aus Kilicdaraoglus Partei verhaftet. Um dagegen zu protestieren ist der CHP Chef mehr als 400 KM aus Ankara nach Istanbul gelaufen. Auf die Frage, ob er Angst habe, selbst inhaftiert zu werden, gibt er sich kämpferisch: "Das Volk dürstet nach Gerechtigkeit. Das Volk will Freiheit. Das Volk will Demokratie. Das Volk will die Gleichstellung von Mann und Frau. Das Volk will in Frieden leben und es will keine Diktator." Seit dem Marsch nennen seine Anhänger Kilicdaroglu den türkischen Gandhi, denn auch der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi ist für Gerechtigkeit durch Indien gelaufen.

Stand: 14.07.2017 10:15 Uhr