SENDETERMIN Di, 16.05.17 | 05:30 Uhr | Das Erste

Service: Kommunikation 2.0

mit Gerald Lembke, Prof. für digitale Kommunikation

Service: Kommunikation 2.0 | Video verfügbar bis 16.05.2018

Wir alle waren Zeugen einer kleinen Revolution innerhalb der letzten zehn Jahre: Diese Umwälzung scheint sich irgendwie, zunächst unbemerkt, in unseren Alltag geschlichen zu haben. Fast alle von uns halten diese Revolution in der Hand und nutzen sie täglich rund zwei Stunden: das Smartphone.

Vom Telefon zum Lebensbegleiter

Eigentlich gedacht als Telefon mit mobilem Mailclient, entwickelte es sich in den letzten vier bis fünf Jahren zu einem Messenger und digital-sozialen Kommunikationsapparat, den wir zum Telefonieren noch gerade mal sieben Minuten am Tag benutzen.

Die hohen Nutzungszahlen, nicht nur bei Jugendlichen, (bis 3.000 WhatsApp-Nachrichten pro Monat gesendet und empfangen) sondern auch bei Erwachsenen (WhatsApp auf Nr. 1 aller Apps) belegen eine signifikante Veränderung des zwischenmenschlichen Kommunikationsverhaltens – jedoch nicht nur zum Guten.

Soziale und digitale Kommunikation

Unser Studiogast Gerald Lembke, Professor für Digitale Medien, vertritt die These, dass in absehbarer Zeit die digitale Kommunikation die soziale ersetzen wird. Wir kommunizieren über die Netzwerke zwar mehr als vorher, allerdings auf eine ganz andere Art und Weise als bislang. Gerade Jugendliche reden häufig nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern schicken sich Fotos, Textnachrichten oder "Emojis".

Eine ineffiziente Art der Kommunikation, so Lembke, da ein kurzer Austausch viel mehr bringt als stundenlanges Hin- und Her-Versenden von Texten und Bildern. Gerade Sprachnachrichten erzeugen lediglich die Illusion eines Gesprächs, das oft zu Missverständnissen führt. Denn es fehlen die Beziehungsebene und die Möglichkeit der Nachfrage. Allerdings bietet diese Technik die Möglichkeit, lästigen oder unangenehmen Gesprächen aus dem Weg zu gehen oder zu entscheiden, wann man sie führt.

Viele empfänden inzwischen sogar einen Anruf als Belästigung. "Anruf gleich Angriff", bringt es Lembke auf den Punkt. Die Menschen wollen jederzeit Herr der Kommunikation und Selbstdarstellung sein und nicht zum spontanen Reden gezwungen werden. Sprechen und Zuhören bedeute Arbeit, so Lembke, und der entledigten wir uns auf diese Weise.

Zur Person

Gerald Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Seit seiner Jugend beschäftigte sich Lembke mit digitaler Technik, hackte in den Achtzigerjahren BTX-Seiten und lötete Computer-Platinen, verkaufte während seines Wehrdienstes 1990 Computer und finanzierte damit ab 1991 sein Studium der Wirtschaftspädagogik und Wirtschaftswissenschaften. Er gründete 1994 eine der ersten Online-Agenturen. Viele Jahre später dann, so nennt er es selbst, der digitale Burnout. Viele der technischen Innovationen landeten in Schubladen, waren unsinnig, raubten reale Lebenszeit. Vor fünf Jahren veränderte Lembke seine eigene Art, die digitale Welt zu nutzen.

Tipps


Versuchen Sie, mehr zu telefonieren, als zu texten oder zu chatten. Leben Sie analog und reichern dieses Leben digital an: ausgewählte digitale Werkzeuge nutzen und zeitlich limitiert einsetzen.

Thesen

  • Digitale Kommunikation verdrängt soziale Kommunikation
  • WhatsApp raubt Menschen Lebenszeit
  • Die Menschheit entmündigt sich. Wir werden zu Sklaven der Digitalisierung.
  • Das uneingeschränkte und seligmachende Digital unterdrückt und macht unglücklich.
  • Der Mensch ist Opfer seiner hirnphysiologischen Struktur und driftet in den unreflektierten Digitalmassenkonsum ab.
  • Offline ist das neue Online: Wir müssen lernen, wieder offline zu sein

www.gerald-lembke.de

Stand: 16.05.2017 06:40 Uhr

Sendetermin

Di, 16.05.17 | 05:30 Uhr
Das Erste

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