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China: Mehr Feind als Freund? – Neue Strategie gegenüber Nordkorea

China: Mehr Feind als Freund? – Neue Strategie gegenüber Nordkorea

Seine chinesische Uniform erfüllt ihn immer noch mit Stolz. Wo Junren war 22, als der große Vorsitzende Mao seine Armee zur Verteidigung Nordkoreas schickte. Nach drei Jahren Krieg gegen die von den USA angeführte Allianz waren Millionen Menschen tot. Darunter über 180.000 chinesische Soldaten. Der Veteran macht sich Sorgen, dass alles wiederkehren könnte. "Krieg bringt nur Leid über die normale Bevölkerung", sagt er. "Was macht man mit den Flüchtlingen, mit denen, die alles verloren haben? Die, die einen Krieg anfangen, kümmern sich nicht darum. Sie haben nichts übrig für Menschlichkeit, sonst würden sie den Krieg gar nicht erst beginnen."

Nordkorea wird für China zum Problem

Historiker Shen Zhihua.
Historiker Shen Zhihua fordert einen Kurswechsel von der Führung in Peking.

Auf der koreanischen Halbinsel bringen sich die Armeen wieder in Stellung. Die USA protzen mit ihrer Feuerkraft in gemeinsamen Manövern mit Südkorea. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un öffnet auf der anderen Seite der Grenze seinen Waffenschrank. Der Druck auch auf China wächst. Shen Zhihua ist einer der renommiertesten Korea-Experten des Landes. Er fordert öffentlich einen Kurswechsel von der Führung in Peking. Die verbietet ihm nicht das Wort, obwohl sie sonst wenig Widerspruch duldet. Denn Nordkorea wird für China zum Problem. "Die Interessen von China und Nordkorea sind auseinandergegangen", sagt Shen Zhihua. "Was Nordkorea jetzt macht, verletzt sehr direkt Chinas Interessen. Welchen Grund sollte China noch haben, es zu schützen?"

Peking fürchtet Chaos und Flüchtlingsströme

1300 Kilometer lang ist die chinesisch-nordkoreanische Grenze. Touristen haben hier einen Blick auf den verarmten ehemaligen Waffenbruder. Für China galt das Land immer auch als Puffer gegen Südkorea und die dort stationierten US-Truppen. Doch China hat sich geöffnet und verändert. Nordkorea ist im Kalten Krieg stehen geblieben und zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden. Pekings Führung fürchtet Chaos und Flüchtlingsströme an seiner Grenze. Und das Atomtestgelände ist von hier nur 100 Kilometer entfernt. Was, wenn dort etwas außer Kontrolle gerät? Das macht den Menschen Angst. "China hofft in seinen Nachbarländern auf Stabilität, denn die braucht China für seinen friedlichen Aufstieg und seine Wirtschaftsprojekte wie die neue Seidenstraße", sagt Historiker Shen Zhihua. "Aber Nordkorea will Atomwaffen haben, es macht weiter Ärger, verursacht Krisen, und damit beschädigt es die Stabilität und Sicherheit in der Region."

Verliert der große Nachbar die Geduld mit Kim?

Zha Daojiong vom Center for China and Globalization.
Zha Daojiong vom Center for China and Globalization hält eine Lösung wie mit dem Iran für möglich.

Die Auswirkungen spürt China bereits. Die USA stationieren in Südkorea das Raketenabwehrsystem THAAD. Es ist zwar gegen Nordkorea gerichtet, doch China fühlt sich davon selbst bedroht und befürchtet: Rüstet Nordkorea weiter auf, legen sich auch Südkorea und Japan Atomwaffen zu. Chinas Alptraum. Peking rückt deshalb näher an die Seite der USA. US-Präsident Trump hat von Chinas Staatschef Xi Jinping mehr Druck auf Nordkorea verlangt und sicher auch etwas dafür geboten. Offiziell mahnt China zwar wie üblich alle Seiten nur zur Zurückhaltung. Doch der große Nachbar scheint die Geduld zu verlieren mit dem zündelnden Kim. Eine Atommacht Nordkorea wollen die beiden mächtigsten Männer der Welt nun gemeinsam verhindern. Wie soll das gehen? Experten skizzieren die große Herausforderung: China will alle an den Verhandlungstisch bringen. "Eine Lösung wie mit dem Iran wäre eine sehr positive Entwicklung", sagt dazu Zha Daojiong vom Center for China and Globalization. "Die Nordkoreaner würden zustimmen, einen Teil ihres Atomprogrammes einzufrieren, und dafür bekommen sie normale Beziehungen mit dem Rest der Welt."

Für China geht es um viel

Doch Machthaber Kim hält die Atombombe für seine Lebensversicherung, um nicht zu enden wie Saddam Hussein im Irak oder Muammar al-Gadaffi in Libyen. Alle Sanktionen haben ihn bislang kalt gelassen, und was Peking sagt, interessiert ihn nicht. Mehr als 90 Prozent seines Außenhandels betreibt Nordkorea mit China, das jederzeit den Ölhahn zudrehen könnte. Peking will keinen Regimekollaps in Nordkorea, aber bei weiteren Provokationen ist es nun möglicherweise bereit, die Daumenschrauben anzuziehen. "Ich sehe es so, sollte es keine politische und friedliche Lösung geben, dann müssen auch wir als letzte Möglichkeit militärische Optionen in Betracht ziehen, um Nordkorea zur Aufgabe des Atomprogramms zu bringen", sagt Historiker Shen Zhihua. Für China geht es um viel. Es könnte sich nun als Krisenmanager beweisen. Staatschef Xi erhebt einen Führungsanspruch in der Welt und sieht sein Land auf Augenhöhe mit den USA. Wenn er seinen kleinen Nachbarn Kim nicht zur Vernunft bringen kann, passt das nicht ins Bild.

Nur ein Wunsch an die Regierung

Veteran Wo Junren
"Krieg bringt nur Leid", sagt Veteran Wo Junren.

Veteran Wo Junren trifft sich regelmäßig mit alten Kameraden. Der 89-Jährige hat nur einen Wunsch an seine Regierung: "Sie sollen alle überzeugen, nicht zu kämpfen", sagt Wo Junren. "Und ich glaube, China macht das ziemlich gut." Kameradschaftliche Nostalgie. Seit damals hat es viele Korea-Krisen geben, aber keinen zweiten Korea-Krieg. Den möchten sich nicht nur die Veteranen lieber gar nicht erst vorstellen.

Autor: Mario Schmidt, ARD Studio Peking

Stand: 20.06.2017 10:41 Uhr

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