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Afghanistan: Sunniten gegen Schiiten

Afghanistan: Sunniten gegen Schiiten

Der Stellvertreterkrieg in Syrien reicht inzwischen bis nach Afghanistan. Dort, in der Provinz Bamiyan, wird ein ganzes Dorf bedroht von Terroristen des IS. Der Grund: der Sohn einer schiitischen Familie hat in Syrien gegen den sogenannten “Islamischen Staat” gekämpft. Eigentlich wollte Hamid nur weg von Hunger, Armut und Unsicherheit. Er ging illegal in den Iran, wurde aufgegriffen und vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder Kampf in Syrien.

So wie ihm ging es vielen: Die iranischen Revolutionstruppen haben eine eigene afghanische Brigade aufgestellt, die die syrische Regierung im Kampf gegen den IS unterstützt. Zurück in der Heimat holt die jungen Männer dieser Kampf wieder ein: Die sunnitische Terrororganisation IS mag in Syrien Boden verloren haben, in Afghanistan wird sie immer schlagkräftiger. Mit Anschlägen gegen Schiiten heizt sie die Stimmung an und könnten so das terrorgeplagte Land in Chaos und Bürgerkrieg stürzen. Eine Reportage von Peter Gerhardt (ARD-Studio Delhi).

Häuser in Dorf im Schnee
Der IS bedroht das ganze Dorf.

Der Winter hat Einzug gehalten in den Bergen bei Bamyan im Zentrum von Afghanistan. Doch es ist nicht die Kälte, vor der sich die Menschen fürchten. Wir sind auf der Suche nach Hamid. Der 20jährige lebt seit einem Jahr wieder in seinem Heimatdorf. Davor hat er in Syrien gegen den IS gekämpft. Aus Rache bedrohen die Terroristen jetzt seine Familie und den gesamten Ort. "Ich habe große Angst davor, dass die IS Terroristen hier ins Dorf kommen. Ich kann ja nicht mal runter nach Bamyan. Ständig bekomme ich anonyme Anrufe, die mir drohen: Wenn wir dich in der Stadt erwischen, bringen wir dich um."

Als Söldner in Syrien

Hamid war 16 als er von Afghanistan abgehauen ist. Er suchte ein besseres Leben im Iran. Dort zieht es viele schiitische Afghanen hin. Zwei Jahre lebte er dort illegal. Dann schnappten ihn die Behörden. Er erzählt uns, sie hätten ihn vor die Wahl gestellt: Entweder Gefängnis und Abschiebung oder Söldner werden bei den iranischen Revolutionsgarden. "Dann haben sie uns von Syrien erzählt. Und gesagt, es sei unsere Pflicht als Schiiten dort zu kämpfen um die heiligen Stätten vor den sunnitischen IS-Terroristen zu beschützen. Ich war noch minderjährig. Dass es so brutal werden würde, hätte ich nicht gedacht."

Hamid
Hamid wurde als Söldner nach Syrien geschickt.

Zusammen mit einem Freund heuerte Hamid bei den Revolutionsgarden an. Die Iraner haben für ihren Krieg in Syrien ein ganzes Regiment aus afghanischen Kämpfern aufgestellt – 800 Mann. Hamid sollte 100 Euro bekommen für drei Monate Kampfeinsatz und eine Aufenthaltsgenehmigung für den Iran. "Die Revolutionsgarden haben uns vier Wochen lang trainiert. Dann ging es direkt nach Syrien. Wir sollten den IS und Al Nusra bekämpfen. Aber beide waren viel besser ausgebildet und kannten die Gegend. Die haben uns regelrecht abgeknallt."

Sein Freund wurde erschossen, Hamid verwundet. Kameraden brachten ihn zurück in den Iran ins Krankenhaus. Die Iraner wollten, dass er danach wieder nach Syrien geht. Da ist er geflohen – zurück nach Afghanistan. Jetzt sitzt er fest in seinem Heimatdorf. Die sunnitische Terrororganisation IS mag in Syrien auf der Verliererstraße sein, in Afghanistan wird sie immer schlagkräftiger und droht mit Rache an den Schiiten.

Der Terror des IS nimmt zu 

Das bekommen vor allem die Menschen in der Hauptstadt Kabul zu spüren. Der IS verübte zuletzt zahlreiche Anschläge auf schiitische Einrichtungen. Ende Oktober kamen in dieser Moschee mehr als 50 Menschen ums Leben. Ein IS Terrorist hatte sich während des Freitagsgebets in die Luft gesprengt. Ein Fünftel der Afghanen sind Schiiten. Mit solchen Attacken will der IS sie einschüchtern.

Menschen auf Straße in Kabul
Der IS versucht Schiiten und Sunniten zu spalten.

Jaan Ali wurde schwer verletzt bei diesem Attentat. Er war mit der gesamten Familie in der Moschee. Sein 17jähriger Sohn starb. Ein zweiter Sohn liegt im Krankenhaus. Bis vor kurzem hätten Schiiten und Sunniten in Kabul friedlich zusammengelebt, erzählt die Familie. Nun treibe der IS einen Keil zwischen sie."Seit die afghanischen Kämpfer aus Syrien zurück sind, hat der IS angefangen, uns zu attackieren", klagt Jaan Ali. "Auch der Selbstmordanschlag in der Moschee war wohl so ein Racheakt. Letztlich trägt der Iran eine Mitschuld an unserem Elend. Ohne den Iran würde es die Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten hier gar nicht geben."

Viele afghanische Schiiten sind deshalb wütend auf ihre Glaubensbrüder im Iran. Und auf die afghanische Regierung, die es nicht schafft, sie vor dem IS zu beschützen. Jaan Alis Frau Jamal nimmt uns mit in die Moschee – den Ort, an dem ihr Sohn ums Leben gekommen ist. Drei Wochen ist das jetzt her. "Jedesmal, wenn ich ein Geräusch höre, denke ich: Welche unserer Schulen oder welches Krankenhaus haben sie jetzt schon wieder angegriffen? Es sind ja nicht nur die Moscheen, die die Terroristen ins Visier nehmen."

Gefahr des religiösen Bürgerkrieges

Die schiitische Gemeinde ist dabei, die Imam Zaman Moschee in Kabul wieder aufzubauen. Sie haben einen eigenen bewaffneten Wachdienst gegründet. Sicherheitsexperten sind alarmiert, dass die Angst der Schiiten vor Anschlägen des IS in Wut auf die sunnitische Mehrheit umschlagen könnte. Zu der ohnehin desolaten Sicherheitslage käme dann die Gefahr eines religiösen Bürgerkriegs. "Die Gewalt hat sich mit der Präsenz des IS in Afghanistan deutlich verschlimmert", erklärt der Politikwissenschaftler Obaid Ali. "Das hat noch einmal eine andere Qualität als der Aufstand der Taliban. Denn der IS versucht, die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Das tun die Taliban nicht."

Im Sommer hat der ehemalige Syrienkämpfer Hamid versucht als Bauer auf den Feldern seines Vaters zu arbeiten. Doch der Schnee ist früh gekommen in diesem Jahr. Was er jetzt machen soll, weiß er nicht. In seinem Heimatdorf fühlt er sich nicht willkommen. Die Nachbarn würden am liebsten sehen, wenn er von hier verschwände – sie wollen nicht Opfer einer IS-Racheaktion werden. "Ich würde gerne einen Beruf lernen. Stattdessen sitze ich arbeitslos hier rum. Wenn die Drohungen weitergehen, muss ich wahrscheinlich meine Familie verlassen und irgendwo hin fliehen. Ich werde mich wohl ewig verstecken müssen. Was das für eine Zukunft ist? Ich weiß es nicht." Nur eines weiß Hamid sicher: In den Iran will er nicht wieder. Von den schiitischen Hardlinern dort fühlt er sich verraten und verkauft.

Stand: 20.11.2017 12:54 Uhr

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