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Wer ist und was will Herr Iwanischwili
Von Tiflis aus Richtung Westen: Etwa drei Stunden würden wir brauchen, hatte man uns gesagt. Es geht durch wunderschöne Landschaften – und bitterarme Dörfer. Wir sind auf dem Weg nach Tschorwila: Ein Dorf, das neuerdings das ganze Land kennt. Denn in Tschorwila, sagen manche, hat Georgiens Zukunft längst begonnen.
Hier haben die Häuser neue Dächer. Hier hat jeder ein Einkommen. Hier sind sie alle zufrieden. Und: Fast jeder in Tschorwila hat ein blaues T-Shirt.
Ein Mann:
"Das ist das Hemd von Bidzina Iwanischwili. Blau ist doch seine Farbe. Er ist ein guter Mann, er ist von hier. Das hat er mir geschenkt!"
Hemden verschenken wäre eine Kleinigkeit – aber: Bidzina Iwanischwili, der Mann, der hier im Dorf geboren und aufgewachsen ist, verteilt noch viel mehr unters Volk. Er zahlt allen Familien im Umkreis eine Krankenversicherung, er lässt ihre Dächer neu decken. Und Geld, sagt sein früherer Nachbar Georgij, verschenkt er auch:
"Das ist unsere Sozialkarte. Die hat er uns schon vor zehn Jahren gegeben. Jeden Monat sind da zweihundert Lari drauf. Alle Familien, die nicht genug zum Leben haben, bekommen das."
Zweihundert Lari sind immerhin rund hundert Euro. Wer viele Kinder hat, bekommt mehr.
Zwei Männer:
"Dass einer einfach allen hilft. Ich weiß nicht: von so einem Menschen hatte ich vorher niemals gehört."
"Das ist kein Mensch. Das ist unser Gott. Der liebt die Menschen. Der liebt das Volk."
Und das Volk liebt ihn: So sehr, dass es sein Bündnis am Montag mit großer Mehrheit gewählt hat. Und plötzlich ist Bidzina Iwanischwili, ein Multimilliardär, der neue Hoffnungsträger.
Sein erstes Geld hat er in den Trümmern der Sowjetunion gemacht. Ob ehrlich oder nicht, das weiß hier keiner oder will es nicht wissen.
Jahrelang hat er die Öffentlichkeit gescheut – jetzt steht er mittendrin.
Gerüchte gab es viele: Er sei ein russischer Agent, der Georgien wieder näher an Moskau bringen soll. Noch schlimmer: Er sei ein Mafiaboss. Viele kannten nicht mal sein Gesicht, sagt der Historiker Lascha Bakdrase:
"Es ist sehr schwer, über Iwanischwili zu sprechen. weil dieser Mensch sich versteckt gehalten hat. Er hat nicht mal öffentliche Interviews gegeben bis vor einem Jahr, als er gesagt hat, dass er in die Politik geht. Seitdem haben wir wenig mehr erfahren, außer, dass wir sowieso wussten dass er Milliardär ist, dass er viel Geld hat, dass er sehr vieles in Georgien schon gesponsert hat. Aber das wusste man eigentlich auch früher schon."
Und man kannte sein Haus, hoch über Tiflis: ein futuristischer Palast, entworfen von einem japanischen Stararchitekten. Hier wohnt seine Familie, hier hat er seine Bürozentrale und hier sammelt er moderne Kunst.
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Bildunterschrift:
Bidzina Iwanischwili
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Bidzina Iwanischwili:
"Da hinten hängt Andy Warhol, auch John Mitchell. Ich liebe sie alle. Und besonders nah ist mir Willem de Kooning. Gucken sie sich den mal an. Der war so vielseitig. Man kann immer etwas Neues finden bei ihm. Und gucken Sie sich den Picasso da rechts an. Und Lucien Freud, den liebe ich auch sehr."
In die Politik sei er gegangen, weil es unerträglich gewesen sei unter Saakaschwili. Weil der Präsident sein Volk nicht mehr gehört habe.
Bidzina Iwanischwili:
"Ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen können: Die hatten sich festgesetzt. Die hatten sich so eingerichtet in ihrer Macht. Die hätten noch zwanzig Jahre regieren können. Keiner hatte eine Chance gegen sie. Aber ich habe es geschafft, mit Kraft, mit Fleiß, und, wenn sie wollen, mit Verstand."
Von seinem Haus blickt er hinunter auf Mikhail Saakaschwilis Präsidentenpalast. Jetzt wird er selbst Regierungschef werden – und laut neuer Verfassung demnächst mächtiger als der Präsident. Am Westkurs Georgiens will er nichts ändern:
"Etwas Besseres als Europa hat bisher niemand erfunden. Und eine bessere Sicherheitsstruktur als die Nato auch nicht. Jeder normale Mensch will das Beste. Ich will das auch für mein Land. Nennen Sie mir etwas Besseres als Europa, dann ändere ich gerne die Richtung."
Seine Anhänger feiern auch Tage später noch den Sieg.
Politik sei eigentlich nicht sein Ding, sagt Iwanischwili selbst. Er wolle nur die Weichen stellen, und dann wieder gehen. Einen Reim machen kann sich auch darauf noch immer kaum jemand.
Lascha Bakdrase, Historiker:
"Weil er ständig sagt, dass er eigentlich nur für zwei Jahre an der Macht bleiben würde, persönlich an der Macht bleiben würde. Und dann würde er seinen Leuten die Macht überlassen. Es kann natürlich sein, dass er so eine Idee hat, zu zeigen, dass Macht nicht so wichtig ist, und dass er so weltverbessernde Ideen hat. Und diese Weltverbesserer sind oft natürlich auch sehr gefährliche Leute."
In seiner Heimat hat Iwanischwili die Welt ein ganzes Stück verbessert:
Einen modernen Hochzeitspalast hat er in die Landschaft gesetzt. Jeder aus der Region kann ihn kostenlos für seine Familienfeiern nutzen.
Die Schule hat er renoviert und ein Schwimmbad gebaut. Aber seit Iwanischwili in der Politik ist, ist das Becken leergelaufen. Denn er zahlte auch fürs Wasser. Und vom politischen Gegner wollte die Regierung lieber kein Geld mehr annehmen.
Die neue Klinik ist deshalb gar nicht erst eröffnet worden. Der Direktor zeigt uns die Kardiologische Station. So etwas gebe es in ganz Georgien nicht, sagt er. Modernste Medizintechnik, 60 Betten. Man wolle hier kostenlos behandeln, sagt er, jeden der kommt. Auch die Intensivstation sei längst bereit. Doch die Regierung verweigert seit Monaten die Lizenz, weil das Geld von Iwanischwili kommt.
Zumindest das Problem dürfte gelöst sein: Die neue Regierung wird ja auch Iwanischwilis sein. Er sieht sich als Geburtshelfer einer echten Demokratie. Als Chance für die Georgier, sagt er. Sie hätten die alte Regierung abgewählt, und genauso könnten sie auch seine abwählen, wenn sie ihnen nicht mehr gefällt.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.