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Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu
Wütende Proteste vor dem Gericht in Tunis. Am Dienstag begann hier ein spektakulärer Prozess gegen eine junge Frau: Sie beschuldigt zwei Polizisten der Vergewaltigung. Doch als sie die Beamten anzeigte, gab es eine überraschende Wendung: Denn nun klagte der Staatsanwalt die Frau an wegen unsittlichen Verhaltens an.
Seitdem hält dieser Fall Tunesien in Atem. Für viele Bürger symbolisiert er, was im Land seit der Revolution alles schief läuft.
Hayet Ouartani, Psychologin:
"Dieser Fall ist wichtig für alle Frauen Tunesiens und noch wichtiger für alle Opfer von Gewalt. Wenn der Staatsanwalt Erfolg hat, wird sich keiner mehr trauen, Anzeige zu erstatten."
In einem Auto ist die junge Frau mit ihrem Verlobten von den Polizisten angehalten worden. Die Beamten erklärten, das Paar habe sich "unsittlich verhalten". Die 27-jährige Frau, die anonym bleiben will, bestreitet dies vehement: ihr Leben sei zum Alptraum geworden, sagt sie uns am Telefon:
"Als ich gehört habe, dass der Staatsanwalt mich beschuldigt, wollte ich mich umbringen. Das ist wie eine zweite Vergewaltigung. Zum Glück hat mir meine Schwester geholfen, die letzten Wochen durchzustehen."
Der Alptraum der jungen Frau – ein Einzelfall? Im Büro der demokratischen Frauen Tunesiens sagt man uns: keineswegs. Hier berät die Psychologin Ouartani Opfer von häuslicher Gewalt. Seit der Revolution kämen immer mehr Frauen zu ihr, erzählt sie: Einerseits hätten die Frauen mehr Mut, um Hilfe zu bitten, andererseits würden viele Männer die neu gewonnene Freiheit im Land missbrauchen.
Eine Frau:
"Mein Mann hat mich ständig misshandelt. Er hat mich vor den Kindern geschlagen und mir einmal die Arme gebrochen. Dann wollte er mich zur Prostitution zwingen, aber als ich mich weigerte, da hat er mich so verprügelt, dass ich ohnmächtig wurde."
Hayet Ouartani, Psychologin:
"Die Frauen, die zu uns kommen, erzählen, dass ihre Männer ihnen nun sagen: 'Ich kann jetzt machen, was ich will. Ich habe das Recht auf vier Frauen.'"
Tunesien verändert sich: Das Verhältnis von Mann und Frau wird neu definiert.
In den Moscheen der ärmeren Viertel haben konservative Prediger Zulauf. Einer von ihnen ist der Salafist Adel Almi, der in Tunis auf eine große Gefolgschaft zählen kann.
Er will in seinem Land einen Gottesstaat errichten, wettert gegen die unzüchtige Kleidung westlicher Touristen, und er fordert die Legalisierung der Polygamie. Tunesiens Männer hätten darauf einen Anspruch.
Adel Almi, Salafist:
"Ich befürworte die Vielehe. Im Islam ist es für den Mann möglich, mehrere Frauen zu haben. Ich finde, der Gesetzgeber sollte diese Praxis als rechtmäßig anerkennen."
Tunesien verändert sich: Im Parlament wird derzeit über den Artikel 28 der Verfassung beraten. Die islamische Regierungspartei Ennahda will ihn überarbeiten: Mann und Frau sollen fortan nicht mehr gleichgestellt sein, sondern die Frau den Mann "ergänzen". Diese Formulierung schlägt eine Frau vor.
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Bildunterschrift:
Faridi Labidi, Ennahda-Partei
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Faridi Labidi, Ennahda-Partei:
"Die Debatte darüber, ob die Frau komplementär zum Mann sei, gibt es nur wegen einer schlechten Übersetzung. Wir sagen, dass es die Rolle des Mannes und der Frau in der Familie ist, sich zu ergänzen."
Gegen die geplante Verfassungsänderung gibt es immer wieder Proteste - Tunesien zählt noch zu den liberalsten Ländern in der arabischen Welt. Säkulare Parteien wehren sich gegen eine schleichende Islamisierung; sie sehen die Rechte der Frauen bedroht.
Im Stadtzentrum von Tunis steht das einzige Frauenhaus im ganzen Land: Hier können Opfer von häuslicher Gewalt Zuflucht finden. Nach der Revolution wurde dieses Haus sogar vorübergehend geschlossen, erzählt uns die Psychologin Ouartani. Erst nach langen Verhandlungen ist es wieder geöffnet worden. Frauen wie sie haben mit der Revolution große Hoffnungen verbunden. Nun müssen sie um längst sicher geglaubte Errungenschaften wieder kämpfen.
Hayet Ouartani:
"Wir brauchen eine neue Energie, eine neue Kraft, um als Bürger dieses Landes für unsere Rechte einzustehen. Ja, vielleicht brauchen wir sogar eine neue Revolution."
Die junge Frau, die sich vor Gericht verantworten muss, hat mittlerweile viel Zuspruch erhalten. Das gibt ihr Kraft:
"Frauen wie ich dürfen keine Angst haben. Sie müssen ihre Vergewaltiger anzeigen. Ich kann nur sagen: Nicht das Opfer muss sich schämen, sondern der Täter."
Immer wieder gibt es in Tunis Demonstrationen für die junge Frau. Das ist ein ermutigendes Zeichen. Tunesiens Zivilgesellschaft lebt. Dass ausgerechnet nach der Revolution nun die Gleichberechtigung in Gefahr gerät, werden Tunesiens Frauen nicht kampflos hinnehmen.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.