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Ukraine: Vitali Klitschko im Politik-Ring

Triumphe, Erfolge, Ruhm – Nicht nur hier im heruntergekommenen Vorort der Millionenstadt Saparischschja wirkten die Bilder des Schwergewichts-Weltmeisters wie die aus einer anderen Welt.

Vitali Klitschko steht mit einem Mikrofon auf einer Bühne und redet (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Vitali Klitschko im Wahlkampf ]
Aber da stand er dann tatsächlich. Und Klitschko teilte aus, wie im Ring, Haken und Geraden gegen eine korrupte Regierung.

Klitschko teilt aus

"Alle fragen sich: Wie kann es sein, in dieser Krisenzeit, in der die ganze Welt Geld verliert, dass sich nur in der Ukraine die Zahl der Milliardäre verdoppelt hat?“ Vitali Klitschko

Und dann war er wieder weg. Mehrere Auftritte am Tag - Klitschko suchte den direkten Kontakt zum Wähler, so wie seine Kandidaten von der Partei UDAR, "Der Schlag." Denn sie alle leiden unter Angriffen der regierungstreuen Medien.

"Die Boulevardpresse bringt jetzt immer mehr Verleumdungsgeschichten. Ich habe in den letzten beiden Wochen so viel Schlechtes über mich erfahren. Ich bin wohl bald ein Enkel von Saddam Hussein…" Kandidat Wassili Waretzki

Auf dem zentralen Platz von Saparischschja, auf dem Klitschko eigentlich auftreten wollte, hatte die Stadtverwaltung schnell eine Hubschrauberausstellung genehmigt.

Auch die Werbeflächen der Stadt hatte die Regierungspartei belegt - Klitschko blieben Laternenpfähle. Der Boxweltmeister als Polit-Underdog.

Politische Erfahrungen in Kiew

Vor acht Jahren: Die Orangene Revolution lässt beide Klitschkos nach Kiew eilen: Wie sein Bruder Wladimir lässt sich auch Vitali vom Protest der Massen gegen die mutmaßlichen Wahlfälschungen von Janukowitsch anstecken.

Auch die Klitschkos setzen ihre Hoffnungen in Juschtschenko. Vitali beschließt, sich politisch zu engagieren. 2006 bewirbt er sich um das Amt des Bürgermeisters. Er unterliegt. Auch in einem zweiten Anlauf 2008 klappt es nicht.

Vitali Klitschko mit seiner Frau vor Mikrofonen (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Vitali Klitschko und seine Ehefrau ]
Klitschko ist beliebt, doch ihm fehlt die politische Rückendeckung von Julia Timoschenko. Aber Klitschko zieht ins Stadtparlament ein. Er sammelt politische Erfahrungen, kämpft da bereits gegen die grassierende Korruption. Seit Jahren lebt er in Kiew, er hat geheiratet, mit Ehefrau Natalia bekommt er drei Kinder.

Und jetzt will der Profiboxer mit seiner Partei hierhin, ins ukrainische Parlament, berüchtigt nicht nur für amateurhafte Schlägereien der Abgeordneten, sondern auch für Stimmenkauf und Fraktionswechsel. Klitschkos Kandidaten mussten schwören, das nie zu tun.

Klitschkos gutes Image

Eine ehrliche Haut, geprägt von westlichen Werten - diese Anmutung hilft Klitschko, aber mehr noch die Abwesenheit seiner großen Rivalin Julia Timoschenko: Verurteilt zu sieben Jahren Straflager, zur Zeit in der Eisenbahnerklinik in Charkiw, wo die Regierung sie filmen lässt - und die Videos im Internet kursieren. Öffentliche Empörung und Anteilnahme wiegen jedoch ihr Fehlen im Wahlkampf nicht auf.

Mit ihrer Ikone hinter Gittern ist die Vaterlandspartei nur noch ein Schatten ihrer selbst: Der neue Spitzenkandidat müht sich redlich, aber doch nur, um das zu hören: "Julia, Julia!" "Sie hört euch", sagt der Kandidat.

Vitali Klitschko verteilt Autogrammkarten an seine Anhänger (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Wahlkampf im ganzen Land ]
Vitali Klitschkos Konvoi kommt auch in entlegene Ecken: Moskovka, nur ein paar Hundert Seelen wohnen hier. Aber auch hier wissen alle, wovon Klitschko redet.

„Ohne Schmiergeld kriegst Du doch keinen Job. Ohne Schmiergeld studierst Du nicht, gehst Du nicht zum Arzt, und stirbst Du nicht einmal, denn ohne Schmiergeld gibt‘s keinen Platz auf dem Friedhof.“ Vitali Klitschko
"Hier, neben mir, müsste eigentlich unser Kandidat Wadim Kriwochatka stehen.“ Vitali Klitschko

Druck auf die Opposition

Doch dann würde dieser Polizist Klitschkos Kandidaten sofort verhaften: Der beliebte Landwirt Wadim Kriwochatka könnte hier ein Direktmandat gewinnen. Genau darum aber, glauben Klitschkos Anhänger, lässt der Gouverneur ihn jetzt vom Staatsanwalt anklagen – wegen konstruierter Delikte. Klitschko ist in ihr Dorf gekommen, um trotz der Repressionen Flagge zu zeigen.

"Sie machen jetzt enormen Druck auf die von uns, die einen Regierungskandidaten besiegen könnten. Druck kommt von der Verwaltung, von Staatsanwälten, Miliz und Steuerbehörden, sogar körperliche Bedrohungen gibt es. Sie wollen uns einschüchtern.“ Vitali Klitschko

Wir suchen nach dem untergetauchten Direktor des landwirtschaftlichen Betriebes. Ein mutiger Mann soll er sein, sagen seine Arbeiter. Wer hier offen die Fahne von Klitschkos Partei UDAR hisst, muss das aber wohl auch sein. Hier ist Janukowitsch-Land. 

"Ja, wir machen uns wirklich Sorgen um unseren Direktor. Das ist ein guter Mann." Ein Arbeiter
"Das sind doch alles erfundene Anschuldigungen. Aber schon als er Klitschkos Partei UDAR beitrat, da wusste er natürlich, dass solche Dinge passieren würden." Ein anderer Arbeiter

Ein geheimes Treffen wird kurzfristig wieder abgesagt.

Mykola Kniazhytsky (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Mykola Kniazhytsky ]
Der kleine, regierungskritische Sender TVI in Kiew. Statt Hofberichterstattung über Präsident Janukowitsch nur ein Foto. "Hier spezialisieren wir uns mehr auf Enthüllungsgeschichten", so der Geschäftsführer, "zu Korruption und Amtsmissbrauch. Zum Beispiel zu Steuergeldern, die für den Wahlkampf missbraucht werden."

Versteckter Stimmenkauf

"Die kommen in die Wahlkreise und sagen: ‚Wir helfen Euch.‘ Ein Gebiet hat sogar eine Million Griwna bekommen - Steuergelder. Andere Wahlkreise kriegen nichts, Null. Denn da gewinnt die Opposition." Mykola Kniazhytsky, Geschäftsführer TVI

Und dann Reporterglück: Sie hier haben den untergetauchten Klitschko-Kandidaten gefunden, wir bekommen Kriwochotka zu Gesicht.

"Als wir da zufällig filmten, sagte uns Wadim, dass die Staatsanwaltschaft vier Anklagen gegen ihn vorbereitete.“ Journalist Egor

Wadim Kriwochatkas Sieg sollte um jeden Preis verhindert werden, glaubt der Reporter. Das war wohl ein Befehl des Gouverneurs an die Staatsanwälte.

Nehmerqualitäten – Boxer Klitschko wird sie auch im neuen Beruf brauchen, als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Und seine Fans träumen schon von anderen Titeln.

Autor: Udo Lielischkies / ARD Moskau

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 28.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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So, 28.10.12 | 19:20 Uhr