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Er ist der Schönheitsfehler im Geschäftsviertel von Caracas. Seinem verstorbenen Erbauer zu Ehren nennt man ihn Torre de David. Seit gut 15 Jahren stört die hässliche Bauruine das Bild. Hausbesetzer waren lange nach der Pleite der Investoren und der Enteignung durch Präsident Chavez am schnellsten und nahmen den unfertigen Betonturm ein.
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Der Torre de David in Caracas
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Wir sind eines der ersten Fernsehteams überhaupt, das genau fünf Jahre nach der Besetzung aus dem Inneren des von vielen Gerüchten und Ängsten umwitterten Gebäudes berichten darf. Am selbstorganisierten Sicherheitsdienst kommt sonst weder Besucher noch Presse noch Polizei vorbei.
Von den 45 Stockwerken haben die Menschen, die aus den Armenvierteln der ganzen Stadt kamen, bis jetzt 28 bewohnbar gemacht. Zuerst gab es weder Strom noch Wasser und klar – keinen Fahrstuhl. Für dieses Problem gibt es eine teilweise Lösung, denn zum Turm gehört ein zehnstöckiges Parkhaus. Und wer es sich leisten kann, der fährt in rasanten Serpentinen für umgerechnet einen Euro mit dem Mototaxi bis in den Zehnten, wo die tobende Hauptstadt Caracas plötzlich ganz weit weg ist.
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Richard Camacho
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Als ersten treffen wir Richard Camacho, den Metallsammler, der den ganzen Tag im Parkhaus Altmetall zerhämmert. "Geht schon mal zu meiner Frau in den 18. Wir haben da einen Supermarkt", sagt er augenzwinkernd, er käme nach.
Ab dem Zehnten geht's für alle nur zu Fuß weiter über endlose Treppen. Nichts im Turm ist anders nach oben gekommen, als über diese endlosen Treppen, innen und außen, von denen schon drei Menschen in den Tod gestürzt sind.
Im "Supermarkt" bei Grisel, Richards Frau, ist immer was los. Viele Etagen haben solche Treffpunkte. Es gibt auch Frisöre, Bäcker, Schneider und eine Zahnarztpraxis, die zum Glück zu hatte, als wir anklopften. Und hinter den Geschäften wohnen die Menschen.
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Richard Camacho in seiner Wohnung
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"Hier sind wir noch dabei zu bauen", erzählt er und zeigt die Trennwände zwischen Geschäft, Wohnzimmer und Küche. "So machen wir es uns nach und nach immer gemütlicher im Turm und haben unsere Ruhe."
Frischwasserleitungen und Strom haben die Bewohner schon gelegt, bis in den 28. Stock. Nur das Abwasser müssen sie auffangen, weil noch Leitungen fehlen.
3000 selbsternannte Eigentümer leben mittlerweile im Turm. Und nie in den fünf Jahren Besetzung hat jemand versucht sie zu vertreiben.
Adolfina Noriega und ihr Mann Diogenes leben davon, gefüllte Maistaschen zu verkaufen, draußen auf der Straße, direkt vor dem Turm. Früher, als sie noch weit außerhalb wohnten, mussten sie erst zwei Stunden laufen um Kundschaft zu finden.
Okay, es ist nicht alles besser für Adolfina im Turm: Sie lebt jetzt im Stadtzentrum, dafür muss sie ihren Bauchladen 19 Stockwerke runter auf die Straße und später wieder hinaufholpern.
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Turmchef Alexander Daza
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Das Leben in der Betonruine ist illegal, keine Frage, doch es ist keineswegs gesetzlos. Am Abend wird eine Messe gehalten, bei der wir den Chef, Alexander Daza, den Bürgermeister des senkrechten Dorfes oder wie immer man ihn nennen will, kennenlernen. Als Schwerstkrimineller hat er seine Strafe abgesessen, sich dabei zum Evangelismus bekehrt. Keinen Satz sagt er heute ohne Gottesbezug, aber führt den Torre de David mit eiserner Hand. Er macht die Regeln, entscheidet wer kommen darf und wer gehen muss, immer im Namen Gottes.
Von Mördern und Dieben habe er den Turm gesäubert. Heute seien sie eine große Familie und natürlich alle gleich – Ruinensozialismus im Chavezstaat!
Und da muss jeder seine Aufgabe erfüllen. Einmal im Monat ist Großreinemachen von ganz oben bis ganz unten. Wer nicht mitmacht, fliegt raus.
Der Turmpadre ist gefürchtet und es fällt schwer, ihm seine Nächstenliebe abzunehmen. Neben Gott verehrt er nur Präsident Hugo Chavez. Nie ist dessen Regierung gegen die Hausbesetzer vorgegangen, was Chavez 3000 sichere Wählerstimmen bringt.
Mit ihrem Präsidenten als Lebensversicherung richten sie sich dauerhaft ein über den Dächern von Caracas. Sie schützen ihren Turm, in dem sie ihre Nische gefunden haben, und in der sie sich abschotten gegen die Welt da unten auf der Straße.
Für einige Bewohner ist das alles andere als eine Floskel. Margot Ortega ist 78 Jahre alt. Als sie im Mai in den 25. Stock zog, war ihr klar, dass sie den Torre de David nie mehr verlassen würde, denn die Treppen würde sie nur dieses eine Mal schaffen.
Während Oma Ortega im Turm auf den Tod wartet, schauen die anderen mutig nach vorne.
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Ausbau weiteren Wohnraums
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Die Ruine lebt mehr denn je, nachdem sie zehn Jahre lang ungenutzt verfiel. Ein Apartment nach dem anderen wird gemauert und gestrichen, Fenster und Türen eingesetzt und Leitungen verlegt.
Jonny Suarez ist Maurer und Pfarrer. Im Moment verdient er sein Geld eher als Maurer. Bezahlt wird er aus der Gemeinschaftskasse, zu der jede Familie umgerechnet zehn Euro im Monat beisteuert.
Aber draußen, um den Torre de David herum, ist die Stimmung gereizt: Er sei hässlich, vor allem aber haben die Nachbarn Angst vor den Bewohnern - Arme, in ihren Augen Kriminelle im Geschäftsviertel. Da haben sich schnell Initiativen gegründet, die diese Nachbarn weg haben wollen.
Wir waren drei Tage lang im Torre de David und hatten einen anderen Eindruck: Wir haben sehr freundliche, aber auch verängstigte Menschen kennengelernt.
Caracas wird wohl weiterleben mit seiner Ruine, auch wenn es den Nachbarn nicht gefällt. Denn wenn Chavez den Turm räumen lässt. macht er sich drei Probleme: er verliert 3000 sichere Wähler, riskiert einen Aufstand der Bewohner und vor allem, er weiß nicht wohin mit den Menschen, die seit Jahren im Torre de David ihr Zuhause gefunden haben.
Autor: Peter Sonnenberg / ARD Mexiko-City
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 28.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.