DasErste.de - Springe direkt zu

Inhalt.
Hauptnavigation.
Suche.

Aufmachergrafik zu Weltspiegel
Inhalt

Vietnam: Zur Zwangsverheiratung nach China verschleppt

Cha ist zurück zu Hause, zurück in ihrem Bergdorf. Ein monatelanger Alptraum ist endlich vorbei.

Cha mit einem Rind (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Cha bei der Arbeit ]
Alles beginnt vor zwei Jahren: Sie arbeitet auf dem Acker. Und da ist dieser Junge, der sie heimlich besucht. Er schenkt ihr ein Handy. Ruft immer wieder an. Damals ist sie gerade 16 Jahre alt. Das erste Mal verknallt.

"Eines Tages kam er mit dem Motorrad in mein Dorf. Er wollte mir die Stadt zeigen. Erst habe ich gesagt: ‚Nein, ich darf nicht, ich muss meine Mutter fragen.‘ Doch er versprach, dass er mich zurück nach Hause bringt. Ich müsse mir keine Sorgen machen!” Sung Thi Cha

Cha wird verschleppt

Die Stadt sieht sie nicht an diesem Tag. Der junge Mann nimmt ihr das Handy ab und bringt sie nachts an einen Fluss. Mit einem Boot legen sie an der anderen Seite an. Dass hier bereits China liegt, weiß sie nicht. Noch nie ist sie so weit von zuhause weg gewesen.

Über das zu reden, was dann passiert, fällt ihr schwer. Zwei Aufpasser lassen sie nie aus den Augen. Immer wieder kommen Männer in das Haus, um sie zu begutachten. Dann, nach zwei Monaten, wird sie an einen Chinesen verkauft. Sie versteht die Sprache nicht, kann sich kaum verständigen! Ein paar Tage später gibt es eine Hochzeit. Es ist ihre Hochzeit!

"Sie haben mich gezwungen mit diesen Mann zu schlafen. Sie haben gesagt, wenn ich Kinder bekomme, darf ich zurück und meine Familie besuchen. Ein paar Mal bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Und ich habe nur gehofft, dass ich nicht schwanger werde!” Sung Thi Cha

In ihrem Dorf leben 70 Familien. Sechs Mädchen sind in den vergangenen Jahren verschwunden. Nur Cha hat es zurückgeschafft.

Nach acht Monaten wieder zurück

Eine ältere Frau (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Hoang Thi Xay ]
Nach acht Monaten sieht sie zum ersten Mal ihre Mutter wieder. Ihre Angst, ihre Tränen habe sie die ganze Zeit unterdrückt. Die Hoffnung, irgendwie fliehen zu können, habe sie alles ertragen lassen.

"Ich wusste nicht, ob sie noch am Leben ist. Aber ich habe geahnt, dass sie in China sein muss. Das waren schreckliche Monate. Ich dachte, ich werde meine einzige Tochter nie wieder sehen!“ Hoang Thi Xay, Mutter

Die Provinz Lao Cai - hoch oben im Norden Vietnams - nahe der chinesischen Grenze. Die Bergvölker der Roten Dao und Schwarzen Hmong leben hier - abgeschieden und in einfachsten Verhältnissen.

Isolation, Armut, fehlende Bildung, all das macht sie zu leichten Opfer für Menschenschlepper.

Der Grenzübergang in der Provinzhauptstadt Lao Cai. Die 1200 Kilometer lange Grenze zu China - kaum zu kontrollieren!

Die Ein-Kind-Politik im Reich der Mitte hat zu chronischem Frauenmangel geführt. Nachbarländer wie Vietnam müssen herhalten, um die Nachfrage zu stillen!

Fünf Beamte sind zu wenig

“Wir sind nur wenige Leute. Es ist unmöglich die ganze Grenze rund um die Uhr zu überwachen. Ohne die Hinweise aus der Bevölkerung sind wir hilflos.” Nguyen Huu Hai, Grenzpolizei Provinz Lao Cai

Ein Beamter in olivgrüner Uniform (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Nguyen Huu Hai, Grenzpolizei Provinz Lao Cai ]
Drinnen stapeln sich die Fälle. Nur fünf Mitarbeiter für die Ermittlungsarbeit der ganzen Provinz. Gerade mal 29 Fälle konnten in diesem Jahr aufgeklärt werden. Das Thema ist sensibel. Unsere Fragen werden fleißig mitnotiert. Die Behörden sind angewiesen auf die Zusammenarbeit mit den Chinesen. Die Beziehung zum großen Bruder soll nicht belastet werden.

Nur von den Mädchen, die zwangsverheiratet werden, schaffen es einige wegzulaufen. Wer dagegen in die Bordelle Chinas verschleppt wurde, hat kaum eine Chance.

Zwangsprostitution in China

Ein Mädchen im Profil (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Sen ]
Sen möchte ihr Gesicht nicht zeigen. Sie ist 16 Jahre alt, als sie verschwindet. Sie wird eingesperrt, gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. Dann, nach vier Wochen soll sie weiterverkauft werden.

“Wir waren drei Tage unterwegs. Dann sagten sie, dass ich jetzt heiraten muss. Als ich wieder ins Auto sollte, habe ich mich geweigert. Dann sah ich diesen Polizisten auf der Straße und bin nur noch gerannt. Ich habe mich an ihn geklammert und nicht mehr losgelassen!” Sen

Phuong Tao (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Phuong Tao ]
Hilfe hat Sen bei Miss Tao gefunden. Im Haus der Zuneigung hilft sie den Mädchen, mit dem Erlebten klarzukommen, das Trauma zu bewältigen!

Hilfe für die Mädchen

Es hat lange gedauert, bis Sen körperliche Nähe zulassen konnte; Monate bis sie zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt hat.

“Die Mädchen sind sehr sensibel, ziehen sich zurück und haben kein Vertrauen mehr. Sie haben das Gefühl, dass sie selbst daran schuld sind, was ihnen passiert ist, dass sie es nicht mehr wert sind zu leben. Wir müssen Geduld haben, ihnen zuhören, ihr Selbstvertrauen wieder aufbauen!” Phuong Tao, “Compassion House”, Pacific Links Foundation

Sens Alptraum ist noch nicht vorbei. In ihrem Dorf reden die Leute über sie. Plötzlich ist sie eine Außenseiterin, weil sie ihre Unschuld, ihre Jungfräulichkeit verloren hat.

“Als ich in mein Dorf zurückgekehrt bin, haben einige Eltern ihren Kindern verboten, mit mir zu reden. Sie haben gesagt, wer sich mit mir abgibt, landet als nächstes in China!” Sen
"Die Leute fangen an Geschichten zu erzählen: Dass sie ein böses Mädchen war und deshalb nach China verschleppt wurde. Oder sie erzählen, dass das Mädchen jetzt Geschlechtskrankheiten habe oder gar AIDS.” Phuong Tao, “Compassion House”, Pacific Links Foundation

Cha und andere Mädchen (Bild: BR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Cha mit Freundinnen ]
Zurück in den Bergen. Es ist Sonntag und die Menschen strömen auf den Wochenmarkt in Bac Ha. Auch Cha ist gekommen. Sie traut sich wieder raus, hat Freunde gefunden, die sie nicht verurteilen. Heute ist sie 18 Jahre alt. Das Lachen hat sie wiedergewonnen und macht jetzt das, was Mädchen gern machen.

“Ich habe nur einen Wunsch: Ein ganz normaler Mensch zu sein, einen Job zu finden, vielleicht eines Tages zu heiraten und glücklich mit meiner Familie zu leben!” Sung Thi Cha

Einfach nur ein normales Mädchen sein, keine Angst mehr haben. Diesen Wunsch teilt sie mit all den anderen, die sich befreit haben. Aus einem Alptraum zurück ins Leben!

Autor: Norbert Lübbers, ARD Singapur

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 02.12.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 02.12.12 | 19:20 Uhr