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Italien: Drama vor Lampedusa

Italien: Drama vor Lampedusa
Simone Ippolito
Simone Ippolito

Für Tauchlehrer Simone ist ein Tag wie heute eigentlich ein verlorener Tag. Statt mit zahlungskräftigen Sporttouristen sein Boot zu füllen, können er und seine Crew heute nur die Ausrüstung verräumen und die Ventile der Pressluftflaschen überprüfen. Das schlechte Wetter vor Lampedusa ist ihr Problem.

Simone Ippolito:

»Das Wetter ist wirklich suboptimal, und es ist heute nicht möglich zu tauchen. Deshalb fahren wir vermutlich nur kurz raus, um nach neuen Tauchplätzen zu suchen.«

Doch der Ärger über das Wetter, der beschäftigt Simone in diesen Tagen nicht wirklich, denn der 47-Jährige hat Erlebnisse hinter sich, die ihm die Freude am Tauchen genommen haben.

Am Mittwoch hatte ihn die Küstenwache angerufen. Er solle sofort zum gesunkenen Flüchtlingsboot tauchen, Fotos machen.

Er fuhr also raus, so wie jetzt mit uns. Und was er da auf dem Meer und in rund 40 Meter Tiefe sah, lässt ihn nun nicht mehr los.

Simone Ippolito, Tauchlehrer:

»Vor meinen Augen erlebte ich schlimmste, apokalyptische Szenen. Das Meer war voll mit Kleidern, mit Kinderschuhen … und so viele Tote… Und unter Wasser die anderen schreckliche Bilder: das Wrack am Meeresboden ist noch voll mit menschlichen Körpern. Überall liegen sie … Frauen, Kinder. Das werde ich niemals vergessen.«

Bisher habe er das Scheitern verzweifelten Menschen auf dem Weg nach Lampedusa doch nur in den Nachrichten gesehen, sagt uns Simone noch.

Särge im Hangar
Särge im Hangar

Nur wenige hundert Meter von der Tauchschule im Hafen entfernt stehen gestern Polizisten und Helfer aus Lampedusa Wache für die bisher geborgenen Opfer der Katastrophe. 111 Särge, darunter vier für die Kleinsten. Die kleinen Teddybären haben die Insulaner gespendet – eine letzte hilflose Geste.

Ganz bewusst lässt die Gemeinde die Medien aus aller Welt Bilder und Fotos von den Särgen in der riesigen Flughafenhalle machen – Europas Politiker sollen reagieren.

Rund 30 Nordafrikaner, alles Überlebende der Katastrophe treffen wir auf dem Weg zu den aufgebahrten Toten – doch vor der Kamera wollen sie nicht mit uns reden, denn die Verfahren wegen illegaler Einwanderung sind bereits gegen alle erhoben. Italien und Europa bleiben hart.

In der Nacht durchdringen die Totengebete des Imam und das Wehklagen der Überlebenden die nächtliche Stille der kleinen Insel Lampedusa.

Lampedusa ist zwar das Einfallstor für Zehntausende illegale Immigranten, doch fast alle werden von den italienischen Behörden nach Sizilien ausgeflogen und später abgeschoben. Auf Lampedusa bleiben nur ganz wenige – kein Problem also für das gewohnte unaufgeregte Leben der Inselbewohner.

Diese Protestplakate gegen Europas Einwanderungspolitik sind deshalb etwas ganz neues für die Insel.

Grazia Milgiosini
Grazia Milgiosini

Die illegalen Flüchtlinge können doch nicht nur das Problem Italiens sein, wie viele Europäer nun behaupten, kritisiert Grazia Milgiosini – noch immer geschockt von der Katastrophennacht.

Sie und Ihr Freunde hatten gerade eine Nacht auf dem Segelboot verbracht, als Hilferufe sie alarmierten.

Grazia Milgiosini, Geschäftsinhaberin:

»Wir alle habe angefangen zu weinen, denn uns wurde klar, dass hunderte gekentert sind. Es war ein Berg, eine Insel von Schiffbrüchigen, auch Frauen und Kindern. Direkt vor unseren Augen starben die Menschen, aber das schlimmste war, wir mussten entscheiden: Retten wir die beiden links oder die beiden rechts im Wasser. An Bord entstand schließlich Panik und wir mussten mit 47 Geretteten abdrehen, sonst wären wir selbst gekentert.«

In der Ambulanz von Lampedusa, werden seit über 20 Jahren alle illegalen Einwanderer untersucht, auch die, die die Reise mit Ihrem Leben bezahlen mussten.

Pietro Bartolo
Pietro Bartolo

Wir haben uns hier mit dem Gynäkologen Pietro Bartolo verabredet. Er hat gerade den letzten, den 111. Totenschein ausgefüllt: Tod durch Ertrinken, durch Verbrennungen, durch Verletzungen. Kein anderer Kollege wollte das tun. Nun ist der 50-Jährige am Ende:

Pietro Bartolo, Gynäkologe:

»All dieses zu sehen, ist einfach nur schrecklich. Natürlich versuche ich alles zu tun, aber das ist doch die Arbeit eines Leichenbeschauers. Es ist hier ein wirklicher Skandal, eine Schande, wie der Papst es auch gesagt hat. Ich kann nicht mehr, und ich denke daran, mit dieser Arbeit oder dem ganzen Arztsein einfach aufzuhören.«

Heute Mittag konnten Taucher der Küstenwoche endlich mit der Bergung der vielen noch unter Wasser und im Wrack liegenden Leichen beginnen.

Und wieder müssen die Menschen identifiziert, Totenscheine ausgestellt werden. Der Arzt Pietro Bartolo wird es tun.

Autor: Bernd Niebrügge / ARD Rom

Stand: 15.04.2014 11:02 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.