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Russland: Waisen als politische Waffe

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Russland: Waisen als politische Waffe
Eine Frau in weißem Kittel verhindert den Zugang
Kameras sind nicht erwünscht.

"Nein, drinnen können Sie nicht filmen!“ Nervosität im Waisenhaus Nummer Vier in St. Petersburg: Heute will die Amerikanerin Anne Petit aus Georgia ihr Adoptivkind abholen.

Sogar die Kinderbeauftragte der Stadtverwaltung ist gekommen. Sie verspricht, uns rein zu bringen. Die Anspannung ist verständlich: Der behinderte Dreijährige Denis wird das letzte Waisenkind aus St. Petersburg sein, das in den USA eine neue Familie findet. Dann greift das neue Gesetz.

Der Medienrummel und 14 Tage Anspannung haben die Amerikanerin sichtbar zermürbt. Obwohl Annes Adoptionsantrag längst genehmigt war, hatte ein Petersburger Richter im letzten Moment die Übergabe des Kindes verboten – und dann wieder erlaubt. Wie denkt sie über den neuen Adoptionsstopp für US-Bürger?

Anne Petit:
"Ich respektiere natürlich die Entscheidung ihres Präsidenten, wenn er meint, er müsse das so machen. Wenn ich mir aber etwas wünschen dürfte, nun: Präsident Putin sollte zumindest die Kinder zu ihren neuen Familien lassen, die schon im Adoptionsprozess sind."

Knapp 50 amerikanische Familien fürchteten so wie Anne Petit bis zuletzt, ihre Adoptivkinder in Russland zurück lassen zu müssen.

Anne erhält letzte Ernährungstipps, den Impfpass und dann Denis‘ Geburtsurkunde. Anne hat es als eine der letzten US-Eltern gerade noch geschafft.

"Lasst die Kinder entkommen", fordern Demonstranten vor der russischen Duma am Tag der Dritten Lesung - Protest gegen das neue Gesetz: vergeblich. Mit überwältigender Mehrheit verbieten die Abgeordneten Adoptionen durch US-Bürger. Das "Dima-Jakowlew-Gesetz" ist benannt nach einem in Virginia erstickten russischen Kind, dessen Adoptivvater es in einem heißen Auto vergaß.

Eine amerikanische Adoptivmutter bestraft ihr Kind: Der Junge aus Russland muss scharfe Soße trinken, dann in die eiskalte Dusche. Das drastische Internetvideo gilt in Russland vielen als Bestätigung der Misshandlungsvorwürfe.

Pavel Astachow
Der Kinderbeauftragte des Kreml Pavel Astachow

Dieser Auftritt fürs russische Fernsehen hat die gleiche Botschaft: Der Kinderbeauftragte des Kreml Pavel Astachow besucht Artem, ein aus den USA zurückgeschicktes Waisenkind. Artems überforderte Adoptivmutter hatte ihn kurzerhand in ein Flugzeug zurück nach Russland gesteckt.

Artem durfte nicht in die Schule, obwohl er es so sehr wollte. Sie haben ihn oft eingesperrt. "Die Adoptivmutter war zuerst nett", sagt er, später aber zog sie ihn an den Haaren.

Einzelfälle natürlich, doch Wladimir Putin unterschreibt das Gesetz, das Adoptionen von US-Bürgern verbietet, trotzdem. Es ist der Höhepunkt seiner Anti-Amerika-Kampagne. Putins Begründung: Bei Verbrechen an russischen Adoptivkindern reagierten die amerikanischen Behörden meist überhaupt nicht.

"Schande!": Im Januar protestieren Tausende gegen die Duma-Entscheidung. Alle wissen, was behinderte Waisen in Russland erwartet.

Eine Frau:
"In unserem Land behandelt doch niemand behinderte Waisenkinder. Auf die wartet ein lebenslanges Dasein im Behindertenheim. Das ist mir so peinlich."

Die Abgeordneten, so die Demonstranten, machen durch den Adoptionsstopp Waisenkinder zu Geiseln im politischen Schlagabtausch mit den USA.

Zurück in Petersburg. Der dreijährige Denis darf endlich in die Arme seiner neuen Adoptivmutter. Die Direktorin weiß: Es war seine letzte Chance. Schon neun russische Interessenten hatten ihn zuvor wegen seiner Behinderung abgelehnt. Anne und ihr Mann haben bereits drei leibliche Kinder. Denis hat jetzt eine große Familie.

Tatiana Koslowa
Die Direktorin des Waisenhauses Tatiana Koslowa

Tatiana Koslowa, Direktorin Waisenhaus:
"Ich hoffe so sehr, dass unsere Politiker eine richtige Entscheidung treffen werden für unsere anderen Kinder. Denn wir hier schauen doch jeden Tag in die Augen dieser Kinder.“

Diplomatischer und bewegender kann man die Duma-Entscheidung kaum verurteilen.

"Was wäre aus Denis geworden ohne diese Adoption im letzten Moment?"

Swetlane Agapitowa, Ombudsfrau für Kinder St. Petersburg:
"Es wäre vermutlich sehr schwierig geworden, ihm eine russische Familie zu finden, ehrlich gesagt. Denn diese russischen Interessenten schreiben in der Regel schon vorher: Wir suchen ein Kind mit slawischem Äußeren, ohne sichtbare Defekte."

Anne flieht mit Denis vor den vielen Kamerateams. Jetzt müssen sie nach Moskau, um im US-Konsulat dessen neuen Pass abzuholen.

Sergeij Koloskow
Sergeij Koloskow

Moskau: Wir haben uns mit diesem Mann verabredet, um zu erfahren, wie es in russischen Waisenhäusern wirklich zugeht. Sergeij kämpft seit 20 Jahren für behinderte russische Waisen. Schon die Zahlen sind erschreckend: Knapp 130.000 Kinder hoffen auf neue Eltern, Interessenten aber gibt es nur für jedes sechste Kind. Und dann zeigt uns Sergeij Bilder aus dem Innenleben des Systems.

Vor allem auf geistig und körperlich behinderte Waisen, hat Sergeij bei seinen Besuchen erlebt, wartet in der russischen Provinz noch immer ein trostloses Schicksal: Viele hier sind Sozialwaisen: Ihre Eltern leben noch, haben ihr behindertes Kind gleich nach der Geburt in ein staatliches Heim gegeben. Sergeij entdeckt 2005 die achtjährige Anja: Das Mädchen ist von der Hüfte abwärts gelähmt, und Ärzte haben eine geistige Behinderung diagnostiziert. Doch Sergeij glaubt sofort: Es sind die schrecklichen Umstände hier, die Anja in Wahrheit krank machen.

Sergeij:
"Wo sind deine Spielzeuge?"

Anja:
"Ich habe keine.“

Nach endlosen acht Jahren gelang es Sergeij vor zwei Monaten, Anja aus dem Heim zu befreien.

Sergeij Koloskow:
"In diesem Waisenhaus, in dem sie lebte, sterben jedes Jahr fünf bis sieben Kinder. Und auch Anjas Diagnose ist sehr bedrohlich. Diese Kinder aus einem Waisenhaus herauszubekommen, ist extrem schwierig. Das kann Jahre dauern. Aber in Anjas Fall haben wir diese Zeit nicht, denn sie ist so schwer krank."

Wir bitten Sergeij, uns mit zu nehmen in das Rehabilitationszentrum, in dem Anja vorübergehend untergebracht ist. Anja ist jetzt 16. Sie wirkt fröhlich, aber von Sergeij wissen wir: Ihr Zustand hat sich verschlechtert, eine ihrer Nieren arbeitet kaum noch, und sie ist schwerhörig geworden. Sie zurück zu schicken ins Waisenhaus wäre ihr sicherer Tod, glaubt Sergeij.

Anja Kornilowa
Anja Kornilowa

Anjas einzige Chance, so Sergeij, ist, die Diagnose "geistige Behinderung" von Experten korrigieren zu lassen. Dann müssten die Behörden sie in eine geeignete Behindertenschule schicken. Und so übt Sergeij seit Wochen mit Anja Rechnen und Schreiben – mit großem Erfolg.

"Warum willst du nicht zurück ins Waisenhaus?“

Anja Kornilowa:
"Ich will nicht zurück, denn da gibt es diese Julia. Und die schlägt mich immer.“

"Warum willst du in die Schule?“

"Weil ich nicht lesen kann.“

"Willst du das lernen?“

"Ja.“

Sergeij:
"Wenn wir Anja in der Situation ließen, in der wir sie gefunden haben, dann würde sie ihr ganzen Leben in einem Heim für geistig Behinderte verbringen, wo man sie schlägt, wie wir gehört haben. Natürlich beruht ihre ganze Situation auf dem tragischen Fehler eines Einzelnen, aber es ist auch das System selbst. Wir finden Hunderte solcher Kinder.“

Anja ist ein Teenager so wie ihre Zimmernachbarin Katia. Sergeij erklärt Anja seinen Plan: Morgen schon wird eine Expertenkommission sie untersuchen. Anja muss zeigen, dass sie das Zeug für die Schule hat…

Filmen durften wir das für Anja so wichtige Expertengremium nicht, aber einige Tage später erklären sich drei der Gutachter bereit, mit uns zu reden.

Dr. Elena Strebeleva
Dr. Elena Strebeleva

Dr. Elena Strebeleva:
"Absolut, ja. Ohne Zweifel hat sie das Potential für eine Schule.“ erklärt die Gutachterin. „Anja ist bereit zu üben, sie versteht die Aufgabenstellungen, sie kann eine Grundschule besuchen.“

Und dann die Bestätigung von Sergeijs Vermutung, dass Anja Probleme im Heim entstanden.

Juliana Kovalenko:
"Wir sehen hier zum ersten Mal ein Kind in so schlechter Verfassung. Wenn sie früher zu uns gekommen wäre, wäre ihr Schicksal vermutlich ein anderes.“

Anja soll auf eine Behindertenschule, so ihre dringende Empfehlung. Doch kurz später erfahren wir: Andere Beamte haben sie vorgestern ins Waisenhaus zurück geschickt.

Boris Altshuler
Boris Altshuler

Dieser Mann ahnt, warum: Seine kleine Organisation "Recht für Kinder“ führt einen zähen Kampf gegen die Zustände in russischen Waisenhäusern.

Boris Altshuler, NGO "Kinderrechte":
"Das Adoptionssystem in Russland ist völlig korrupt. Es ist ein reines Geschäft, bei dem die Kinder nur die Ware sind. Es ist furchtbar. Ein Beispiel: Da gibt es ein Waisenkind, dem eine Wohnung gehört. Und diesem Kind stellen sie jetzt die Diagnose: 'Schwere geistige Behinderung‘. Damit aber dürfen die Beamten jetzt über die Wohnung verfügen. Und es gibt hundert Möglichkeiten, damit dann Geld zu verdienen.“

Auch dass Anja so lange in ihrem Waisenhaus festgehalten wurde, erstaunt ihn nicht: "Bis zu 40.000 Euro erhalten Heime jährlich für die Betreuung eines behinderten Kindes", erklärt er. Verlieren sie das Kind, dann auch dieses Budget.

Moskau, der Schnellzug aus Petersburg kommt abends um Elf. Nachdem wir jetzt wissen, was Denis in Russland erwartet hätte, wirkt seine Adoption im letzten Moment erst recht wie ein kleines Wunder auf uns.

Annes Mann musste nach wenigen Tagen zurück in die USA fliegen. Ihr ältester Sohn Adam aber blieb die ganze Zeit bei ihr. Anne meldet ihrem Mann den Erfolg.

Doch viele andere US-Paare, auch wenn sie bereits russische Adoptivkinder ausgewählt und besucht hatten, müssen jetzt vergessen lernen.

Anne Petit:
"Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich mein kleines Baby nicht bekommen hätte. Wir haben ja schon von ihm geträumt. Die anderen Adoptiveltern in Amerika, das sind doch wirklich gute Menschen. Die lieben die Kinder doch.“

Das wissen vermutlich sogar Wladimir Putin und seine Duma-Abgeordneten. Nur: Um das Wohl von Waisenkinder geht es in Wahrheit ohnehin nicht…

Autor: Udo Lielischkies, ARD Moskau

Stand: 22.04.2014 14:08 Uhr

Sendetermin

So, 10.02.13 | 19:20 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.