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Taiwan: Haifisch als Suppenhuhn

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Taiwan: Haifisch als Suppenhuhn

Morgens um Fünf: Die Fischer sind zurück im Hafen von Khaosiung und entladen eine kostbare Fracht: Papageienfisch, Schwertfisch, Thunfisch.

Tiefgefroren geht’s die Rutschbahn runter zur Fischauktion.

Inmitten des reichen Fangs: ein Haifisch – gejagt und getötet nur wegen seiner Flossen – ein Milliardengeschäft in Asien. Die Haifischflossen sind begehrt in Taiwan – vor allem in der Suppenschüssel.

Ein Restaurantbesuch in der Hafenstadt Kaohsiung: Shi-Suen und seine Frau sind von Grund auf sympathische Leute, eine liebenswerte Familie. Aber was auf ihrer Speisekarte steht, lässt mich schlucken: Ihr Restaurant hat sich spezialisiert auf Haifischflosse-Suppe.

Sohn Shing Wei schwitzt schon in der Küche. Zur Suppe schnibbelt er Garnelen, Krebsfleisch, Zwiebeln, Knoblauch, denn die Flossensuppe selbst ist ziemlich geschmacklos.

Shing-Wei Zeng, Koch:

»Was in die Haifischflossensuppe reinkommt, ist alles nebensächlich, aber die Suppe selbst muss mit altem Hähnchen gekocht werden und Jinhua-Schinken, sonst schmeckt sie nach nichts.«

Viele sagen, die Haifischsuppe ist die teuerste Suppe der Welt: locker 50 oder 100 Euro pro Schüssel.

Voilà, der Hai!
Voilà, der Hai!

Wer was zu feiern hat, der gibt sich die Flosse, zum Geburtstag, zu Neujahr, zur Taufe. Ohne Flosse kein Festmahl, keine Hochzeit ohne Hai.

Die Flosse gilt den Asiaten als Statussymbol. Wer sie sich leisten kann, ist reich, glücklich und gesund.

Ein Gast:

»Die Flosse ist ja voller Nährstoffe. Haifisch macht schön.«

Ein anderer Gast:

»Die Flosse hat einen hohen Kollagenanteil, deswegen essen wir das gern. Die ist gut für unsere Knochen.«

Gut für die Knochen, aber schlecht für den Haifisch. Viele Unterarten drohen inzwischen auszusterben mit fatalen Folgen für die Unterwasserwelt.

Chu Tseng-Hung
Chu Tseng-Hung

Chu Tseng-Hung, Tierschutzorganisation EAST:

»Der Hai ist von unschätzbarem Wert für das Leben in den Ozeanen. Als Raubfisch steht er ganz oben in der Nahrungskette. Der Hai hält das maritime Leben stabil. Ohne ihn würde alles aus dem Gleichgewicht geraten.«

Spurensuche an Taiwans Küste: Die kleine Insel im Pazifischen Ozean hat die viertgrößte Fischfangflotte der Welt. Von hier aus in Khaosiung sticht sie in See.

Die Reise der Fischer führt um die ganze Welt, nach Südostasien, Afrika, durch den Atlantik, bis an die Küsten Südamerikas. Mit kilometerlangen Angelleinen fischen sie die Meere leer. Täglich kommen riesige Frachtschiffe mit ihrer Ladung zurück in den Heimathafen.

Hsu Jian-Feng, Vorarbeiter:

»Die Fischerboote bleiben fast ununterbrochen auf dem Meer, mindestens ein Jahr. Manche Boote fischen sogar zwei Jahre am Stück.«

Der Frachter ist übervoll mit gefrorenen Haifischen. 3000 Tonnen. Fünf volle Tage dauert das Entladen.

Immerhin: Taiwan geht einen ersten wichtigen Schritt: Anderswo wird den Haien die wertvolle Flosse bei lebendigem Leib abgeschnitten. Die noch lebenden Körper werden ins Meer geworfen, um Frachtraum zu sparen, um noch mehr Flossen lagern zu können.

Gekühlter Fang wird ausgeladen
Gekühlter Fang wird ausgeladen

In Taiwan haben die Behörden diese Tierquälerei gesetzlich verboten. Nicht nur die kostbare Flosse, sondern der gesamte Haifisch soll angelandet und verwertet werden. Am Pier überwachen Fischereibeamte das neue Gesetz.

Shin-Tsang Wu, Fischereibehörde:

»Wir wollen nachhaltig mit dem Leben im Ozean umgehen. Aber solange viele andere Länder wie China und Hong Kong die brutalen Fangmethoden nicht ebenfalls unterbinden, wird sich nicht viel ändern.«

Trotz neuer Regeln – das Handelsvolumen mit Flossen ist noch immer schier unermesslich, auch in Taiwan.

Wer auf die Dächer steigt von Khaosiung bekommt einen Eindruck davon: Haifischflossen. Zehntausende. Ausgelegt zum Trocknen in der Sommersonne.

Von den Dächern Kaohsiungs führt der Weg direkt in die Hauptstadt Taipei. Hier kann sich jeder eindecken, der Heißhunger hat auf den Haifisch.

Philipp Abresch:

»Alles voller Flossen. Ich habe den Eindruck, die ganze Straße ist sowas wie ein Supermarkt für bedrohte Haiarten.«

Im "Haigeschäft"
Im "Haigeschäft"

Seit über 60 Jahren handelt Familie Lee mit Haifischflossen: Walhai, Blauhai, Weißer Hai – auch fast ausgestorbene Arten sind hier zu sehen. Ein Tütchen voller Flossen gibt es ab 100 Euro. Ein Kilo kostet bis zu 1000 Euro.

Lee Hsing-Shun, Händler:

»Es gibt heute weniger Haifischflossen als früher. Einige Arten sind ja geschützt und dürfen nicht mehr gefangen werden. Deswegen ist der Preis insgesamt hochgegangen.«

Der Jäger der Weltmeere – er wird selbst zum Gejagten.

Und nur durch Aufklärung lässt sich der Hai noch retten, meint Bo Han Shi. Regelmäßig geht der Tierschützer auf den Nachtmarkt von Khaosiung und startet mit seinen Helferinnen eine Charmeoffensive für den Hai: Viele Flossenliebhaber wüssten ja nicht, wie bedroht der Haifisch inzwischen ist.

Shi Bo-Han
Shi Bo-Han

Shi Bo-Han, Aktivist:

»Haifischflossen sind auch alles andere als gesund. Das ist ein Märchen. Forscher haben herausgefunden, dass die Flosse schädlich ist für den Menschen. Sie steckt voller Quecksilber. Auch deswegen raten wir den Taiwanern von der Flosse ab.«

Der Hai soll im Ozean schwimmen und nicht in der Suppe. Vor allem bei den jungen Taiwanern setzt sich diese Idee mehr und mehr durch. Nur eines macht den Aktivsten Sorgen: Im benachbarten China wächst rasant eine reiche Mittelschicht heran – reich und sicher hungrig auf Haifisch.

So ist längst nicht entschieden, wer zuerst ausstirbt: der Hai oder eine durch und durch geschmacklose Suppe.

Autor: Philipp Abresch / ARD-Tokio

Stand: 28.07.2014 01:54 Uhr

Sendetermin

So, 27.07.14 | 19:20 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.