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Brasilien: Zwangsarbeit für VW?

Brasilien: Zwangsarbeit für VW?

Die Erinnerungen.

Graubünden in der Schweiz. Noch liegt Schnee, als wir den Mann finden, der Volkswagen einst einen Traum verwirklichen sollte. Den Traum vom Einstieg in das weltweite Fleischgeschäft. Er lebt wieder in der Heimat, mit seiner brasilianischen Frau. Friedrich Georg Brügger, 79, teilt seine Erinnerungen gerne. Er zeigt einen VW-Werbefilm. "Schade, die Qualität hat mit der Zeit etwas gelitten, vor allem die Farbqualität", sagt der ehemalige VW-Farm-Manager Friedrich-Georg Brügger. Aus diesem Film hören wir: "1973 kaufte das Unternehmen Wald. 140.000 Hektar, am äußersten Südrand des Amazonasgebietes.

Alle Verantwortlichen wissen: Was eine Firma von der Größe des VW-Konzerns unternimmt, regt an zur Nachahmung." Der schweizer Agronom wurde von Volkswagen in den Amazonas geschickt. Der erste Schritt: großflächige Rodungen. Das Ziel: Der Aufbau einer gigantischen Rinderfarm. "Für mich war das eine wunderbare Zeit. Das, was ich mir eigentlich immer geträumt habe als Junge", schwärmt Friedrich-Georg Brügger.

Wir fliegen nach Brasilien. Dort, im Amazonasbecken, im Bundestaat Matto Grosso, leben bis heute einige der Leiharbeiter, die damals für VWs Rindertraum den Urwald rodeten. Hier hören wir ganz andere Erinnerungen. "Kein Mensch sollte so etwas erleben müssen. Nicht einmal ein Tier darf man so behandeln. So vollkommen unmenschlich", sagt José Liborio, ein ehemaliger VW-Farm-Arbeiter.

Es geht um dieselbe Zeit, dieselbe Farm. Für den Manager war sie ein Paradies, für die Arbeiter die Hölle. Sie wollen uns ihre Geschichte erzählen. Zum ersten Mal. "Wir dachten, dass es ein super Job sein würde. Gutes Geld, ein guter Deal. Aber dann kam alles ganz anders", erinnert sich José Ribamar, ehemaliger VW-Farm-Arbeiter.

Das System.

Es ist der 20. Januar 1983, als ein Arbeitsvermittler die jungen Männer anspricht. Sein Deal mit VW: Er kümmert sich um die Rodung. Das wie – ist egal. Also beschafft er Tagelöhner. Die jungen Männer steigen auf die Ladefläche des LKWs und fahren mit. Nach 2 Tagen Fahrt erreichen sie die Farm. Noch heute steht hier ein Kreuz aus Holzstämmen von damals. Im Dorf leben heute etwa 200 Familien. Die Schule trägt immer noch den Namen des damaligen VW Brasilien-Chefs, Wolfgang-Sauer-Schule ist dort zu lesen. Geblieben sind auch die Reste der Vieh-Gatter, die Volkswagen einst aufstellen ließ.

"Als wir damals ankamen, hat der Arbeitsvermittler uns die LKW-Fahrt berechnet. Essen konnten wir nur zu hohen Preisen kaufen. Und als wir 100 Hektar gerodet hatten, hatten wir absurd hohe Schulden bei ihm. Er sagte – ihr wollt gehen? Nein, jetzt müsst ihr eure Schulden abarbeiten", erzählt José Pereira. Die Männer sitzen in der Falle.

Sie sind der Gewalt der bewaffneten Arbeitsvermittler ausgeliefert. "Sie haben die Arbeiter geschlagen. Mit einem Spanngurt. Und so die Leute zur Arbeit gezwungen", sagt José Pereira. "Ein Junge hat zu fliehen versucht, die Aufpasser sind hinter ihm her und haben ihm ins Bein geschossen ", erinnert sich José Ribamar. "Wenn man von allein gesund wurde, war es gut, wenn nicht, dann starb man halt. So was haben wir oft gesehen." Tote, so erzählen die Arbeiter, wurden in dem nahegelegenen Fluss entsorgt. Nach mehr als 3 Monaten können die drei Männer, zwei von ihnen noch minderjährig, entkommen. Sie laufen weit weg, zu Fuß. Heute stehen fast nur noch Ruinen der großen VW-Farm- Sie wurde 1987 aufgegeben. Gut erhalten sind nur noch die Häuser der Volkswagen-Mitarbeiter, die am Hauptsitz der Farm in einer völlig anderen Realität lebten. Sie hatten Strom und Wasser, schliefen in Betten.

Der Manager nimmt Stellung.

Niemand weiß genau, wie viele Zwangsarbeiter es insgesamt auf der VW-Farm gab, die Friedrich Brügger leitete. Die Rodungsarbeiten dauerten insgesamt 12 Jahre, pro Saison schufteten bis zu 1.000 Leiharbeiter. Wir konfrontieren den Farm-Manger mit Polizeiberichten – und Protokollen der Aussagen der Arbeiter. "Das verwundert mich überhaupt nicht. Der Brasilianer ist ein böser Mensch, eine Pistole aus dem Sack ziehen und den anderen übern Haufen knallen, das kostet ihn überhaupt nichts", sagt Friedrich-Georg Brügger. "Klar, um so eine Her... Masse an Leuten am Zügel zu halten, können Sie nicht, müssen Sie schon eine gewisse Kraft zeigen, damit das ganze überhaupt läuft." War eben so, ging nicht anders - ist nicht meine Schuld. Das scheint die Devise – bis heute.

Die Autorin Stefanie Dodt fragt: "Aber Sie wussten ja von dem System der Schuldknechtschaft. Sie wussten von dem Betrug." "Da geht’s einfach darum, wir machen´s oder wir machen´s nicht", lautet seine Antwort. "Wie meinen Sie?", fragt die Autorin nach. "Ja gut, wir realisieren das Projekt oder wir realisieren es nicht, es gibt keine andere Möglichkeit.Das ist der Brasilianer, der zieht immer den anderen übern Tisch. Die VW-Entscheidung lautete: Realisieren", sagt Friedrich-Georg Brügger. Um jeden Preis? Die Konzernzentrale will sich bislang nicht inhaltlich äußern. Sie verweist auf die laufenden Untersuchungen von Historiker Christopher Kopper. Er wurde vom Unternehmen im Rahmen der Affäre um VWs Verstrickungen in die Machenschaften der brasilianischen Militärdiktatur mit Recherchen beauftragt.

Doch für ihn ist der Fall längst klar: "Es war im Prinzip Schuldknechtschaft. Das Problem war nun, dass VW do Brasil zwar über solche kriminellen Arbeitsvermittler wusste, aber weiterhin solche Aufträge vergab. Man hätte ja diese Arbeitskräfte auch direkt bei VW einstellen können." Historiker Kopper hält es für wünschenswert, dass VW jetzt auf Arbeiter von damals zugeht: "Ich denke, dass VW dann auch zu seiner Verantwortung stehen wird, sicherlich auch entsprechend handeln wird."

Die Arbeiter fordern Entschädigungen

Bis heute wurden sie nie entschädigt. Es gab nur einen kleinen Erfolg: In den 90er Jahren verurteilte ein Arbeitsgericht Volkswagen dazu, die Männer nachträglich zumindest für die Rodungsarbeit zu bezahlen. José Ribamar zeigt uns die Quittung, Lohn erhalten, 15 Jahre nach der Arbeit: "Das hier ist der Beleg für das wenige Geld, das ich bekommen habe." "Was ich jetzt von der Firma erwarte, ist eine Entschädigung. Für die Erniedrigung, die wir erleben mussten, die Respektlosigkeit. Für das, was wir durchmachen mussten. Das ist das Mindeste, was wir von VW erwarten... " sagt José Liborio. Es wäre eine späte Wiedergutmachung...

Eine exklusive Recherche von Stefanie Dodt (NDR/SWR)

Stand: 14.08.2017 13:43 Uhr

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