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Ecuador: Das Tal der Hundertjährigen

Ecuador: Das Tal der Hundertjährigen

Die besten Brötchen backt immer noch Oma Mercedes Delgado. Auch heute noch mit 96. Ihr Mann Javier ist schon 106 und selbstverständlich geht er ihr beim Backen zur Hand, so wie er es immer getan hat. Mittlerweile lassen die beiden es etwas langsamer angehen. Sie sind stolz auf ihre 30 Ur- und vier Ur-Urenkel. Und auf ihre Gesundheit. Sie sieht gut, er hört gut, und gut zu Fuß sind sie beide noch. Beweglich bleiben sei das Wichtigste sagt Javier Delgado und klingt dabei sehr klar. Überhaupt  erzählen die beiden viel und gerne und meistens beide gleichzeitig. So ist das wohl, wenn man seit 73 Jahren miteinander verheiratet ist.

"So vor sechs Jahren, mit Hundert habe ich aufgehört zu arbeiten. Aber schon mit 95 hatte ich gemerkt, dass es nicht mehr ganz so ging wie ich wollte." Aber Javier Delgado läuft noch viel, drei Kilometer bis zur Weide jeden Tag, dort holt er Kräuter für die Tiere und läuft die drei Kilometer wieder zurück. "Ich geh immer noch alleine los. Der Stock ist mein einziger Begleiter, auf den muss ich mich stützen, damit mich der Wind nicht umweht." Und Mercedes Delgado sagt, "Der Alkohol hat ihm nie geschmeckt, er ist kein Trinker, deshalb hält er sich so lange."

Über Achtzig sind eigentlich alle

Regenbogen über den Bergen
Bis heute ist nicht erforscht, warum in dieser Gegend so viele 100-Jährige leben.

Es wäre ja nichts Außergewöhnliches, wenn die Beiden die Einzigen um die Hundert wären. Aber es leben so viele Steinalte im Tal um Vilcabamba, ganz im Süden Ecuadors, so dass man es das Tal der Hundertjährigen nennt. Das Geheimnis von Vilcabamba wollten schon viele ergründen. Aber keiner fand eine Antwort. Die Luft sei reich an negativen Ionen heißt es, das eiskalte Wasser des Yambala-Flusses hätte besonders viele Mineralien und die Kräuter in der Gegend hielten die Vilcabambeños jung. Sie selber sagen Gott hat Spaß an uns, deshalb lässt er uns so lange leben.

Das Bad im Fluss hält frisch

Wahrscheinlich kommt auf der ganzen Welt kein anderes Seniorenkränzchen auf ein höheres Durchschnittsalter als das von Vilcabamba. Die Alten treffen sich jeden Tag, samstags kommen manchmal hundert zum Tänzchen oder zum Bingo. Über Achtzig sind eigentlich alle hier, viele Neunzig und einige Hundert. Sie sind einfache Leute und keiner hat viel Geld, schon deshalb müssen sie bis ins hohe Alter aktiv bleiben.

Zum dritten Mal hintereinander hat er sein Spielbrett zuerst voller Maiskörner. Der Sieg beim Bingo bringt einen halben Dollar. Sein Nachbar ruft, "Er hat sich nicht gebadet heute, deshalb die Glücksträhne." "Nein nein," erklärt der Gewinner. "Ich bin zwar 85, einen Monat und ein bisschen, aber ich bade mich jeden Tag im Fluss."

Einer von ihnen, Miguel Carpio, soll angeblich 127 geworden sein. Wahrheit? Oder Legende? "Es stimmt, es sind keine Legenden," erklärt uns Sozialarbeiterin Katty Garcia. "Wenn man hier lebt oder zu Besuch kommt, nach spätestens drei Tagen spürt man das Besondere dieses Ortes. Viele Ausländer, die kamen, sind hier geblieben, weil sie es auch gespürt haben. Vilcabamba ist schon lange kein Ort mehr nur für die, die hier geboren sind. Vilcabamba ist für alle, für die ganze Welt."

Zukunftsangst trifft auf Gastfreundlichkeit

Blick auf das im Tal liegende Vilcabamba
Im Süden Ecuadors liegt malerisch das Örtchen Vilcabamba.

Die Vilcabambeños sagen sie freuen sich über jeden, der ins Dorf kommt. Obwohl mittlerweile viele gekommen und viele auch geblieben sind. Das Gesicht des Ortes hat sich verändert durch die Ausländer. Sie brachten Arbeit und Geld mit. Und auch wenn mittlerweile fast so viele Fremde hier leben, wie Einheimische, sind die Talbewohner bemerkenswert gastfreundlich geblieben, sagt Marta Clayton. Sie weiß es, denn sie war die erste Ausländerin in Vilcabamba: "Mein Mann und ich kamen 1975, als es hier noch keinen Strom gab. Auch keine Autos, nur den Bus aus der Provinzhauptstadt. Die Straßen waren nicht geteert und alles war staubig. Es war ein ganz einfacher Ort, aber die Menschen waren sehr offen und das sind sie heute noch. Es hat sich viel verändert, aber es ist immer noch sehr schön hier."

Vielleicht nicht mehr ganz so schön, denn nicht alle Zugezogenen haben das mit Vilcabambas Offenheit verstanden. Sie kommen, weil sie sich in dem Tal ein längeres Leben versprechen. Mowfoofoo, ein reicher Aussteiger, sitzt seit fünf Jahren in seinem Baumhaus, und atmet gute Luft: "Ich glaube, die meisten Fremden hier sind Verschwörungstheoretiker. Gerade wir Nordamerikaner haben alle Angst – vor Fukushimas Strahlung, vor Amerikas Totalitarismus, vor dem Wirtschaftskollaps. Die, die hier her kommen, haben eine Million Gründe, warum sie Angst haben."

Die Marke Vilcabamba

Die Villen der reichen Amerikaner in Vilcabamba
Reiche Amerikaner bauen sich im Tal der Hundertjährigen ihre Villen.

Aber sie wollen Hundert werden, in den teuren Häusern, die sie an Vilcabambas Berghänge gebaut haben. Das hat die Preise für Land in Höhen getrieben, die für Einheimische unerschwinglich sind. Vom Reichtum der Ausländer profitierten gerade die Alten lange Zeit am wenigsten. Bis sie gemerkt haben, dass die Touristen alles kaufen, was aus Vilcabamba kommt. Sie begannen die Marke Vilcabamba zu vermarkten. Verkaufen das gute Wasser, Kaffee und Tabak. Chemiefreie Zigaretten für Raucher, die lange leben wollen. Drei Mal in der Woche treffen sich die Damen um Micaela Leon, die 101-Jährige, zum Zigaretten Stopfen, und bessern ihre Rente auf.

Ziola Aguirre de Cortez ist erst 83, sie kam vor 25 Jahren als totkranke Frau nach Vilcabamba: "Die Ärzte gaben mir noch 15 Tage. Dann kam ich hierher und mein Herz erholte sich. Ich konnte wieder atmen und schlafen. Aber immer wenn ich mal fort muss aus Vilcabamba geht mein Blutdruck wieder hoch."

Nicht nur an sich selbst denken

Hat das Tal der Hundertjährigen wirklich die Energie für das ewige Leben? Einer der Ältesten von ihnen, Javier Delgado der 106-Jährige sagt Nein. Wer nur an sich denkt, dem kann auch das Tal nicht helfen. "Sei gut zu Deiner Ehefrau und zu deinen Kindern, vertrag Dich mit Deinen Nachbarn und wenn Leute ins Dorf kommen, die Hilfe brauchen, dann solltest Du sie aufnehmen und ihnen was zu essen geben!" ist Javiers Rat.

Autor: Peter Sonnenberg, ARD Mexiko

Stand: 20.09.2015 20:27 Uhr

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