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EL Salvador: Lebensretter statt Mörder

EL Salvador: Lebensretter statt Mörder

Antritt zur Nachtschicht. Junge Sanitäter, das Team des "Comando Salvamiento", betet für Sicherheit und Kraft. Ein kurzer ruhiger Moment, und schon geht es los. "Comando Salvamiento": Ein ehrenamtlicher Rettungsdienst, der junge Menschen anzieht und auffängt, die Gutes tun wollen. Die Arbeit hier bewahrt Bryan und seine Freunde davor, in die Fänge von Mörder-Banden zu geraten, wie so viele andere in El Salvador: "Es ist ein einzigartiges Gefühl, eine tiefe Befriedigung. Geholfen zu haben macht mich glücklich", sagt Bryan.

Ein Land im Würgegriff zweier Banden

Das Land ist im Würgegriff von zwei Banden
Das Land ist im Würgegriff von zwei Banden, die sich bekriegen.

Es ist eine unruhige Nacht. Zwei brutale Überfälle hat es schon gegeben. Das Land ist im Würgegriff von zwei Banden, die sich bekriegen. Die immerzu Nachwuchs rekrutieren mit allen Mitteln: "Sie bieten mir Waffen, Geld, Frauen, damit ich mich ihnen anschließe", sagt Eber. Er blieb standhaft und lehnte ab. Er hofft, dass die Sanitäter-Uniform ihn schützt. Dennoch eine gefährliche Entscheidung. Das Leben in der Bande ist tödlich – ohne deren Schutz aber auch.

Bis zum nächsten Mord ist es nur eine Frage der Zeit

Die Einsätze der Sanitäter sind heikel.
Die Einsätze der Sanitäter sind heikel.

Die Polizei nimmt uns mit in die dunklen Viertel der Stadt. An einem Freitagabend ist es nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Mord, erklären sie uns. "Mara Salvatrucha" und "Barrio 18", die verfeindeten Killerbanden, haben die Stadtviertel untereinander aufgeteilt. Betritt ein Feind das Revier, stirbt er meist. Ein Feind kann schon sein, wer nur im falschen Viertel wohnt. Die Polizei sucht nach Bandenmitgliedern, nach Beweisen im Haar, auf der der Haut. Und findet es hier: die "18" eintätowiert. Er gehört zur Bande "Barrio 18". "Das hier ist ein Katz und Maus Spiel, irgendwann bekommen wir sie, egal wie sie rennen und sich verstecken", berichtet ein Polizist. Plötzlich ein rasanter Ortswechsel. Der erste Tote. Ein junger Mann, 18 Jahre alt. Seine Mörder betraten das Restaurant, drückten ab. Alltag in El Salvadors Hauptstadt. Während hier ein Leben gewaltsam endete, versuchen die Sanitäter, noch eines zu retten. Eine Frau wurde überfahren, ihr Kind auch. Doch hier können die jungen Männer nur noch den Angehörigen helfen.

Sorge um den Bruder

Zurück im Hauptquartier. Yensi fällt uns auf, weil sie so abseits sitzt. Wir erfahren, sie sorgt sich um ihren Bruder – auch er ein Bandenmitglied. "Ich liebe meinen Bruder", sagt sie. "Ich wünschte mir, er hätte nicht dieses Leben gewählt." "Oh, dann könnte es passieren, dass du bei einem Einsatz bist...", sagt Xenia. "Und ich finde meinen Bruder?" – "Ja, sowas ist hier manchen schon passiert."

"Wenn du nicht tötest, töten sie dich"

Der Tag bricht an. Die Hauptstadt wirkt geschäftig. Bunt, ein Stück weit gewöhnlich. Dabei ist der Tag so tödlich wie die Nacht. Ausgerechnet hier im Zentrum bekommen wir ein Interview mit denen, die morden: "'Töten um zu leben', sagen wir. Wenn du nicht tötest, töten sie dich." "Barrio 18", das ist ihre Bande, mit ihren Fingern formen sie Erkennungscodes. Sie leben von Schutzgelderpressung. Wer einmal dabei ist, kann nur tot austreten. Es geht ihnen um Macht, Anerkennung und Spaß. "Ja, natürlich, ein Gangster sein, das ist es. Klar Mann. Das ist das geilste was dir passieren kann", erzählen sie. "Du trägst es im Blut, schon als Kind. Die Liebe, die du in deiner Familie nicht bekommst, auf der Straße findest du sie, bei deiner Bande." Die Teenager wirken wie Halbstarke. Trinken, kiffen, posen. Doch wenn der Auftrag kommt töten sie. Keine Skrupel, nichts? "Nee, du fühlst nichts, du machst den Job. Danach entspannst du dich mit deinen Freunden, trinkst was, du darfst dir doch keinen Kopf machen. Getan. Fertig."

Die Einsätze der Sanitäter sind heikel

Die Sanitäter vom "Comando Salvamiento".
Die Sanitäter vom "Comando Salvamiento" behandeln alle gleich.

Auszeit für die Sanitäter. Bryan ist geschickt am Ball. Doch mit 20 Jahren hat er noch keine Ausbildung. Bei seinen Eltern ist er im Streit ausgezogen. Genau solche Jugendlichen lassen sich oft von Macht und Geld verführen. Er nicht: "Ja, das gibt es alles, aber was wartet am Ende? Der Tod, das Gefängnis, und das will ich nicht, ich bin gut wie ich bin", sagt Bryan. Wieder ein Notruf. Eine Frau wurde angeschossen. Ein besonders heikler Einsatz. Sind die Täter noch vor Ort? Werden die Sanitäter mit Waffen erwartet oder dürfen sie helfen? Eber ist nervös. Er ist erst seit zwei Monaten dabei. Die Gefahr, die Verletzten, da gibt es noch keine Routine. Dann der Einsatz-Abbruch. Die verletzte Frau sei weggebracht worden. Durchatmen. Vor kurzem haben sie unter Lebensgefahr versucht, zwei Bandenmitglieder wiederzubeleben. Die Sanitäter behandeln alle gleich. Sie urteilen nicht, sondern wollen Leben retten. "In El Savador gibt es nicht nur das Böse", sagt Eber. "Es gibt auch gute Menschen und ja, wir verdienen vielleicht nichts, aber wir helfen von Herzen gerne." Es wird Abend. Die Banden berauschen sich. Auch diese Nacht wird es in San Salvador keinen Frieden geben. Aber die "Comandos Salvamiento" werden da sein.

Autorin: Xenia Böttcher, ARD Studio Mexiko

Stand: 08.10.2017 20:09 Uhr

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