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Frankreich: Der Kampf um die Vorstädte

PlayDjigui Diarra ist hier in Grigny geboren und liebt seine Banlieue.
Frankreich: Der Kampf um die Vorstädte | Bild[1]: BR

Start in Paris: opulente Metropole, breite Boulevards, Synonym für Wohlstand und Weltbürgertum. Nur wenige Autokilometer entfernt, die Banlieue Grigny: Uniforme Sozialarchitektur, öde Leere.

Djigui kurvt mit seinem alten Auto durch die Vorstadt. Er ist hier aufgewachsen, er ist hier zu Hause: 60 Prozent Arbeitslosigkeit, Schulabbrecher, Drogenhandel, Schlagzeilen: Gewalt zwischen Jugendlichen und der Polizei. Das ist sein Thema als junger Filmemacher. Die Tristesse, das schlechte Image – es stört ihn nicht: "Das ist wie ein Kokon hier, der einen schützt: Jeder kennt sich hier. Ich hänge an meiner Stadt. Sie hat aus mir gemacht, was ich bin."

Alltägliche Gewalt

Djigui Diarra
Djigui Diarra | Bild: BR

Trotz Szenen wie dieser 2016: Jugendliche haben Molotowcocktails in ein Polizeiauto geschleudert, es gibt Schwerverletzte. Die Gewalt in den Vorstädten – Frankreich ist geschockt und ratlos.
Sie sind mit dieser Gewalt groß geworden: Djigui und Logman sind Freunde seit Kindertagen. Djigui ist der Älteste von zehn Kindern, seine Eltern stammen aus Mali. Logmans Familie kommt aus Algerien. Die Eltern haben sie immer wieder ermahnt, sich anzustrengen, keinen Mist zu bauen. Freundschaft zählt etwas für sie. Djigui trägt, wie es in Mali Tradition ist, vier Ringe für vier Freunde: "Wir haben vier Freunde hier in Grigny verloren: sie starben durch unterschiedliche Umstände. Jedes Mal, wenn einer gestorben ist, habe ich einen Ring angelegt. So bleiben sie in Erinnerung. Ich werde sie nie vergessen."

Von Grigny zur Femis

Djigui Diarra
Djigui Diarra | Bild: BR

45 Minuten mit der Bahn nach Paris: Der Weg aus der Vorstadt ist weit. Djigui hat es geschafft: Er besucht die angesehene Pariser Filmhochschule Femis – eine andere Welt. Djigui hat ein Stipendium. Alle großen französischen Filmemacher haben hier gelernt.
Im Schneideraum mit zwei Kommilitonen: Letzte Korrekturen an seinem Film. Es geht um Grigny, es geht um Gewalt, Gewalt zwischen Polizei und Jugendlichen, seinen Freunden. Djigui hat selbst mitgespielt und Regie geführt mit Laienschauspielern und kleinem Budget: "Es geht um die Zustände in Frankreich: ich habe solche Situationen miterlebt, bei mir zu Hause. Ich war Augenzeuge solcher Übergriffe der Polizei, seit ich klein war. Und das wollte ich zeigen."

Junge Männer im Ausbildungszentrum
Junge Männer im Ausbildungszentrum | Bild: BR

Zurück in Grigny: Die Gewalt und die Misere in der Banlieue kennen sie alle. 50 Prozent gehen ohne Abschluss von der Schule. Hier bekommen sie eine zweite Chance: Im Ausbildungszentrum lernen die Jungs aus den Vorstädten Glasfaserlöten. Später können sie Elektrotechniker werden: "In dieser Region gibt es nicht so viele Unternehmen, die jungen Leuten die Chance geben, sich weiter zu entwickeln." "Hier hat man uns die Hand gereicht – da müssen wir unser Bestes geben."

Ein Appell aus der Banlieue

Amar Henni
Amar Henni | Bild: BR

Philippe Rio ist Bürgermeister hier, und Kommunist. Noch im Wahlkampf hat er, zusammen mit 150 anderen Bürgermeistern, einen Aufruf an Macron gestartet: Einen Appell, endlich die Probleme in den Vorstädten anzupacken – und nicht zu warten, bis es wieder knallt: Arbeit, Ausbildung, Sicherheit: Der Appell von Grigny hat landesweit Schlagzeilen gemacht. Philippe Rio: "Ich habe zu Macron gesagt: Sind sie sich bewusst, dass das hier historisch ist? Zum ersten Mal treffen Bürgermeister einen Präsidenten, bevor es wieder explodiert. Sie müssen etwas unternehmen, Herr Präsident, in den Banlieues." Und Präsident Macron hat ihnen versprochen, etwas zu unternehmen: ein Programm für bessere Schulen, mehr Prävention, bessere Polizei.
Djigui ist öfter hier, den Sozialarbeiter kennt er seit vielen Jahren. Sie diskutieren oft darüber, was sich ändern muss: Wird Macron etwas bewegen? Sozialarbeiter Amar Henni ist skeptisch: "Nein, das glaube ich nicht, wirklich nicht. Er ist weniger negativ den Leuten hier gegenüber eingestellt. Das stimmt schon. Aber er ist nicht bereit, genug Geld zu geben für das, was er versprochen hat." Auch das ist Grigny: Es ist nicht so, dass Frankreich gar kein Geld in die Banlieue investiert.

Mut und Zähigkeit

Die beiden Freunde treffen sich nachmittags bei Logman. Ein eigenes Appartement, das ist schon etwas Besonderes hier. Djigui wohnt noch bei seiner Familie. Logman arbeitet als Informatiker in einem großen französischen Unternehmen – nicht ganz einfach für jemanden, der aus Grigny kommt: "Wenn ich Arbeit suche – und darauf bin ich nicht stolz, ehrlich gesagt – gebe ich bis heute nicht meine Adresse in Grigny an. Ich nehme die Adresse von einem Familienmitglied, das in Paris wohnt. Nur so funktioniert das."
Djgui hat, wie sein Freund, eines früh gelernt: wenn du aus der Banlieue kommst, und was erreichen willst, musst du dich anstrengen – Mut haben, und Zähigkeit. Djigui beschreibt: "Man muss wie ein Jäger sein: ich suche die Gazelle, ich kriege sie. Dann gehe ich weiter zum Nashorn. Nach dem Nashorn kommt der Elefant, bis zum Mammut, bis zum Dinosaurier."
Kein Zweifel: Er hat noch Großes vor. Nächsten Monat wird sein Film auf einem Festival in Paris gezeigt, vielleicht ausgezeichnet – sein Statement, zur Banlieue, zur Politik, zu Frankreich.

Autorin: Sabine Rau, ARD Paris

Stand: 04.02.2018 22:10 Uhr

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