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Grönland: Eine Zukunft für die Jugend

Grönland: Eine Zukunft für die Jugend

Seine Wochenenden verbringt Kim Godfredsen am liebsten auf dem Fussballplatz. Mit den Kindern aus seiner Nachbarschaft. Der ehemalige Leistungssportler ist Trainer aus Leidenschaft, kümmert sich um seine Jungs, auch neben dem Platz. Will ihnen vermitteln ist, was man beim Sport fürs Leben lernen kann. "Es geht beim Sport um das soziale Miteinander, aber eben auch um die Mentalität des Gewinnens", sagt er. "Mich hat der Leistungssport geprägt, das will ich weitergeben, an die Kinder. Für ihre Zukunft ist das wichtig."

Fast jeder zehnte Grönländer ist ohne Arbeit

Fast jeder zehnte Grönländer ist ohne Arbeit, Alkoholismus ist weit verbreitet.
Fast jeder zehnte Grönländer ist ohne Arbeit, Alkoholismus ist weit verbreitet.

Nicht weit entfernt stehen die, die nicht zu den Gewinnern gehören. Ein paar Inuit versuchen, mit Selbstgemachtem und Gebrauchtem ein wenig Geld zu verdienen. Fast jeder zehnte Grönländer ist ohne Arbeit. Viele brechen die Schule ab. Alkoholismus ist weit verbreitet. Blok 5 ist das Problemviertel der Hauptstadt Nuuk. Die Kinder hier erleben Armut und Perspektivlosigkeit jeden Tag. Grönlands Gesellschaft ist dänisch geprägt. Für viele Inuit aus den Sozialwohnungen ist da kein Platz. Dabei boomt Nuuk. Direkt nebenan entstehen neue Eigentumswohnungen. Für diejenigen, die es sich leisten können.

Paradies am Rande der Hauptstadt

Nukannguaq war schon im Jugendknast und will "raus aus diesem Teufelskreis".
Nukannguaq war schon im Jugendknast und will "raus aus diesem Teufelskreis".

Wir sind am Rande der Hauptstadt. Ein heruntergekommenes Industriegebiet. Um diejenigen, die dringend Hilfe brauchen, kümmert sich Kim Godfredtsen. Als Sozialarbeiter, in seinem Hilfsprojekt. Ausgerechnet hier hat der 51-Jährige ein Paradies für Kinder geschaffen. Ein Ort, an dem sie geschützt sind, vor Gewalt und Elend in ihren Familien. Das Sozialamt schickt sie her. Nukannguaq ist schon 17, er muss heute das Bad wischen. Jeder, der hier lebt, ist mal dran. So ist die Regel.

Den Jugendlichen eine Zukunft aufzeigen

Naja, Nukannguaq und Keerti verbringen zwölf Wochen mit ihrem Betreuer Kim Godtfredsen.
Naja, Nukannguaq und Keerti verbringen zwölf Wochen mit ihrem Betreuer Kim Godtfredsen.

Nukannguaq war schon im Jugendknast, vorbestraft wegen Diebstahl, später in Jugendgangs unterwegs. "Ich will raus aus diesem Teufelskreis", sagt er. Naja wurde mehrfach von Verwandten missbraucht. Die 13-Jährige wollte sich umbringen, wie so viele in Grönland. Ihre alkoholkranken Eltern haben sie nicht geschützt. Auch Keerti hat viel Gewalt zuhause ertragen müssen. Auch seine Eltern – Alkoholiker. Um den kleinen Bruder hat er sich gekümmert. Inzwischen haben die Behörden den Eltern das Sorgerecht entzogen. Für zwölf Wochen leben sie hier gemeinsam, sollen zum ersten Mal in ihrem Leben Kraft und Selbstvertrauen tanken. Beschützt, aber auch gefordert. Das ist das Konzept. "Ich möchte, dass sie merken, dass sie eine Zukunft haben", sagt Kim Godfredtsen. "Dass sie gesund sind und fit. Dass sie stärker sind als die Katastrophen ihrer Kindheit, dass sie diese überwinden können und ihr eigenes Ich finden."

Zur Grenzerfahrung in die Natur

Für die Jugendlichen heißt es: Raus in die Natur.
Für die Jugendlichen heißt es: Raus in die Natur.

Raus aus der Stadt, ab in die Natur. Die eigenen Grenzen erfahren. Das ist Kims Plan für die nächsten Tage. Und eine echte Herausforderung für die drei. "Wir haben jetzt Zeit, den Kindern zuzuhören", erzählt Kim Godfredtsen. "Wenn sie reden wollen, dann reden sie, während wir wandern. Wir können diskutieren, Ratschläge geben, oder eben nicht. Dann schweigen wir und genießen einfach die Ruhe." Mit unseren Dreharbeiten sind die drei Jugendlichen einverstanden, über sich erzählen wollen sie aber noch nicht. Sie fühlen sich unsicher. Erst zwei Stunden mit dem Boot raus, dann zu Fuß weitergehen. Das Ziel für heute ist eine abgelegene Hütte. Handys funktionieren hier nicht, die drei müssen sich auf Kim verlassen. Auch das – eine wichtige Erfahrung. "Es entsteht eine Beziehung, so dass viele mich als eine Art Vater ansehen. Das ist natürlich so eine Sache, aber es ist auch Ausdruck des Vertrauens, das ich versuche, zu ihnen aufzubauen", sagt Godfredtson.

Selbstbewusstsein und neue Kraft

Für die drei Stadtkinder ist der Trip in die Natur anstrengend.
Für die drei Stadtkinder in der Trip in die Natur anstrengend.

Für die drei Stadtkinder aus den engen Sozialwohnungen ist es hart, den ganzen Tag mit schwerem Gepäck zu wandern. Am Abend sind sie wirklich erschöpft. Aber sie haben es geschafft. Erlebnisse wie diese sollen ihnen Selbstbewusstsein und Kraft geben. Denn in ein paar Wochen müssen sie wieder zurück, in ihr altes Leben. Ein paar Wünsche für ihre Zukunft haben sie aber doch noch: "Ich wollte immer Fischer werden, das ist mein Traum. Ich komme aus einer Fischerfamilie. Und ich will diesen Traum für mich auch wahrmachen", erzählt Nukannuaq. Und Kerri sagt: "Schon als Kind habe ich Spielzeug-Häuser gebaut und Holzfiguren geschnitzt. Und ich liebe Mathematik. Kopfrechnen, Geometrie. Das möchte ich gerne später machen."

Ganz normale Wünsche

Eigentlich ganz normale Wünsche und Träume. Es wird aber nicht einfach. Denn ihre Familien und ihr Umfeld werden sich nicht verändern. Dennoch glaubt Kim Godfredtsen an die drei und ihre Zukunft. "Warum ich das mache? Weil ich die Kinder später auf der Straße treffen kann und sie lächeln. Weil sie und ihre Eltern sich bedanken. Weil Jugendliche sich an mich wenden und fragen, ob sie auch zu uns kommen können", erzählt er. Insgesamt zwölf Wochen bleiben sie in der Obhut von Kim Godfredtsen. Er hat noch einige Ausflüge wie diesen für sie geplant. Danach geht es zurück in ihre Familien oder in das staatliche Kinderheim. Dann wird sich zeigen, ob die drei stark genug sind.

Autor: Clas Oliver Richter

Stand: 03.09.2017 20:09 Uhr

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