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Haiti: Das schwierige Erbe der Blauhelme

Haiti: Das schwierige Erbe der Blauhelme

Monique hat zwei Kinder von zwei Männern. Der erste Vater ist getürmt und hat Monique und den gemeinsamen Sohn im Stich gelassen. Ohne einen Cent Unterstützung. Carlos habe er geheißen, sagt die Mutter, und sei Blauhelm-Soldat der UNO gewesen. Ein Schicksal, das Monique mit Hunderten weiteren Frauen teilt.

13 Jahre waren die UN-Soldaten in Haiti, um nach einem brutalen Bürgerkrieg Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen. Jetzt ist die Mission MINUSTAH beendet, die Soldaten und Polizisten sind abgezogen und haben vielfach zerstörte Familien hinterlassen. Und ein Land, das für die Zukunft schlecht gerüstet ist. Eine Bilanz von Thomas Aders (ARD-Studio Mexiko).

Cité Soleil, die Sonnenstadt, größtes Armenviertel der Hauptstadt Port-au-Prince. Eine halbe Million Einwohner sollen hier leben, vielleicht auch mehr. Wer soll das wissen in einem gescheiterten Staat, der von menschlichen und natürlichen Katastrophen heimgesucht wird wie kaum ein anderer? Monique hat zwei Kinder von zwei Männern. Der Vater ihres ersten Kindes ist getürmt und hat beide im Stich gelassen, ohne einen Cent Unterstützung. Carlos habe er geheißen, sagt die Mutter, und sei Blauhelm-Soldat der Vereinten Nationen gewesen. "Männer, die so was machen, die eine schwangere Frau zurücklassen und sich einen Dreck um sie und ihr Kind kümmern, sind Verbrecher", klagt Monique Louis. "Sie stürzen uns bewusst ins Elend, das sind Kriminelle."

Die Blauhelme hinterlassen zerstörte Familien

Wir fahren dorthin, wo Moniques Erstgeborener aufwächst. Ihr jetziger Partner verdient nicht genug Geld, um den Kleinen mit zu versorgen. So brutal geht es zu in Haiti, wo Armut Alltag ist. Also hat Monique sich schweren Herzens entschlossen, den Kleinen von ihrem Bruder aufziehen zu lassen, auf dem Lande. Vier Jahre alt ist Louis jetzt. Sein Teint eine Spur heller als der der Mutter, kein Wunder: Carlos, der UN-Blauhelm, war Brasilianer. Hunderte von UN-Soldaten haben in Haiti Kinder wie Louis zurückgelassen." Ich bin so stolz auf meine Schwester", sagt Thony Louis, der Bruder von Monique, "für mich ist sie fast wie eine Tochter. Im Augenblick hat sie leider keine Möglichkeit, sich um Louis zu kümmern. Deshalb bin ich Gott so dankbar, dass er mir hilft, den beiden zu helfen."

Schild Delta Camp Minustah
Zunächst brachten sie Hoffnung ins Land.

13 Jahre waren die Blauhelme in Haiti – um Ordnung wiederherzustellen, jetzt sind sie abgezogen und haben viele zerstörte Familien hinterlassen. Sexuelle Ausbeutung – sogar Vergewaltigungen. Die UN-Soldaten auf Haiti haben heute einen denkbar schlechten Ruf. Dabei brachten sie einst Hoffnung ins Land: 2004 gab es bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, rund 7500 Soldaten und Polizisten der MINUSTAH, der UN-Stabilisierungsmission waren daraufhin stationiert worden. Jetzt ist die große Mission zu Ende, sie wurde abgelöst von einer wesentlich kleineren. Lokale Sicherheitskräfte werden nun geschult, um Sicherheit zu garantieren.  Hinter vorgehaltener Hand sagt uns einer der Ausbilder, dass nicht einmal Geld für das Schiesstraining vorhanden sei. Leibesübungen statt Training mit moderner Ausrüstung – kein gutes Zeichen für die Zukunft Haitis… Fast täglich kommt es derzeit zu gewalttätigen Demonstrationen und Ausschreitungen. Von einer wirklichen Stabilisierung Haitis kann offensichtlich keine Rede sein, auch wenn die Leiterin der UN-Mission dies behauptet. "Die Stabilität, die man heute in Haiti sieht, ist eine direkte Folge der Stabilisierungsarbeit, die von Minustah geleistet wurde", so Sandra Honoré, UN-Sondergesandte für Haiti. 

Cholera-Opfer klagen an

Mario Joseph sieht noch ein weiteres, schwerwiegendes Problem. Der Anwalt vertritt die Opfer der UN-Mission: Nicht nur missbrauchte Frauen, sondern auch die Leidtragenden der Cholera-Epidemie, für die die Minustah-Mission verantwortlich war. "Der UN-Generalsekretär hat gesagt: 'Wir stoppen die Cholera in Haiti.' Und jetzt ist das schon wieder ein Jahr her! Nichts ist geschehen, rein gar nichts! Das ist das Problem, und das ist so frustrierend. Nicht nur für die Opfer, sondern für das Land."

Mann wäscht sich im Fluß
Über verunreinigtes Wasser kam die Cholera nach Haiti.

„Minustah – Cholera“.  Überall Schilder von erbosten Anwohnern. Wir suchen jenen Ort in Zentralhaiti, an dem die Cholera einst ausgebrochen war. Hellblau und Weiß – schon von weitem erkennt man die Farben der UN. In diesem Lager, das hauptsächlich von UN-Soldaten aus Nepal bewohnt wurde, ist im Oktober 2010, neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben, die Epidemie ausgebrochen. Ein Anwohner zeigt uns, wie es dazu kommen konnte, dass der Erreger sich in Haiti ausbreiten konnte, wo es vorher noch niemals Cholerafälle gegeben hatte. Er führt uns zu einem Platz direkt neben dem ehemaligen UN-Camp. "Die Minustah hat einen Abwasserkanal benutzt", berichtet ein Anwohner, "durch den alles Mögliche aus der Toilette direkt in diesen Fluss hier gelangt ist, darunter auch Fäkalien. So haben sich die Leute angesteckt."

Die Bilanz der UN-Soldaten ist niederschmetternd

Ausgerechnet der Artibonite, der wichtigste Fluss Haitis, die Lebensquelle des Landes! Alle trinken bis heute das Wasser, kochen mit ihm, waschen ihre Kleidung, baden. 900.000 Infizierte, 10.000 Tote. Kaum jemand, der nicht einen engen Verwandten verloren hat. Die UN haben sich offiziell entschuldigt, weigern sich aber, Schmerzensgeld für die fatale Schlamperei zu zahlen. "Ich habe immer noch schweren Durchfall, alle 14 Tage", klagt ein Cholera-Opfer." Ich bin zu schwach, nur um zu stehen."

Brennende Autoreifen
Die großen Probleme des Landes bleiben ungelöst.

Aktivisten wie der Parlamentskandidat Clermont Berthony wissen oft gar nicht, wo sie anfangen sollen: fast die Hälfte der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben, das Gesundheitswesen liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit bei 50 Prozent. Berthony setzt sich für eine bessere Zukunft ein, doch vorerst will er mit dem UN-Kapitel abschließen. "Die Minustah hat die Cholera nach Haiti gebracht und danach lange behauptet, sie sei nicht verantwortlich. Jetzt kämpfen die Opfer darum, dass die UN auch finanziell zu ihrer Verantwortung steht."

Auch wenn die UN-Soldaten beim Erdbeben 2010 tatkräftig angepackt haben; ihre Bilanz nach 13 Jahren ist niederschmetternd – vor allem für die Ärmsten der Armen in der Cité Soleil, der Sonnenstadt.


Stand: 30.10.2017 09:07 Uhr

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