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Irak: Die Sprengstoff-Fabriken des IS

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Irak: Die Sprengstoff-Fabriken des IS

Abu Karrar kann es immer noch nicht fassen: sein Sohn Ahmed ist nicht mehr da. Fassungslos besucht er das Einkaufsviertel Karrada in Bagdad, wo am Ende des Ramadan ein Selbstmordattentäter hunderte Menschen in den Tod gesprengt hat, darunter den 17-jährigen Ahmed. Insgesamt hat die Familie in der Feuersglut sieben Angehörige verloren. Es war einer der brutalsten Anschläge, die die irakische Hauptstadt jemals gesehen hat.

Ein Bild des Sohnes
Ein Bild des Sohnes

Ihre Trauer ist unbeschreiblich: Die Familie al-Darraji hat sieben Angehörige verloren, in den Tod gerissen von einer Autobombe. "Dies sind meine beiden Brüder,", sagt Vater Amar, der seit Tagen nicht mehr schlafen kann, "das ist mein Neffe, und hier oben, das ist mein Sohn Ahmed. Links unten, das sind die vier Cousins von Ahmed. Und hier ist ein weiterer Neffe, sein Name war Mohaiman." Ahmed, das war der Stolz seines Vaters: der 17-Jährige hatte gerade ein Einserabitur gemacht. Sein großer Traum war es, Arzt zu werden. Er hätte das Zeug dazu gehabt.

Amar Ahmed: "Seine Freundin schreibt bis heute auf Ahmeds Facebook-Seite. Sie kennt sein Passwort, sie will Ahmed dadurch am Leben halten. Wenn ich auf meine Seite gehe, dann habe ich manchmal neue Post von meinem Sohn!"

Bagdad, 3. Juli, 1.10 Uhr Ortszeit: Zum Ende des Ramadan zünden die Terrormilizen des sogenannten Islamischen Staates eine gigantische Autobombe vor einem überfüllten Kaufhaus. Mehr als 200 Menschen sterben in dem Inferno, darunter die sieben Verwandten von Amar.

Die Bombenfabriken des IS

Wo stellt der IS seine todbringenden Bomben her? Wir fahren nach Falludscha, 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Ende Juni waren die Terrormilizen von der irakischen Armee vertrieben worden, zwei Jahre lang hatten sie Falludscha unter ihrer Kontrolle.

Hauptmann Jasem
Hauptmann Jasem

Hauptmann Jasem befehligt eine Sondereinheit der irakischen Armee, Schwerpunkt Sprengstoff. Alle Bombenbauwerkstätten befinden sich in Wohnhäusern; eine Sicherheitsmaßnahme der Terroristen, die dadurch den Luftschlägen der Amerikaner entgehen wollten. Die Fabrikation von Mörsern, Granaten, Autobomben und Raketen hatte in Falludscha fast den Charakter einer Industrie. Die Bombenbauer hatten sich spezialisiert: hier hatte sich eine Gruppe ausschließlich mit der Produktion von Zündern beschäftigt; hunderte standen parat für ihren Einsatz.

Einfachste Mittel, größte Effektivität

Der Hauptmann erläutert die Funktionsweise der Sprengfalle: Im Zünder steckt eine Batterie. Schon ein leichter Druck reicht aus, dann berührt der Metallstreifen die Schrauben. Es fließt Strom und die Bombe geht hoch.

Überall in Falludscha: Reste der waffenstarrenden Arsenale des sogenannten Islamischen Staates. Keine alten Kalaschnikows, sondern moderne Präzisionswaffen. Der IS hatte Spezialisten für die Öffentlichkeitsarbeit, für die Verwaltung, die Logistik, den Fuhrpark, das Ausspähen von Anschlagzielen.

General Abdel Wahhab al-Saidi
General Abdel Wahhab al-Saidi

General Abdel Wahhab al-Saidi von der Irakischen Armee erklärt: "Von hier aus haben sie den ganzen Irak mit Bomben versorgt. Alle Terroraktionen im Land wurden mit Sprengstoff aus Falludscha begangen. Auch die Fahrzeuge, die mit Sprengstoff beladen waren, stammten von hier."

Hunderte einsatzfähige Sprengsätze wurden pro Tag produziert, häufig auf Phosphatbasis. Um die Opferzahlen drastisch zu erhöhen, fügen die Bombenbauer kleine Metallkugeln hinzu, die Menschen in weitem Umkreis töten können. Die Antiterrorexperten der Armee können es selbst beinahe nicht glauben: sie haben im Stadtgebiet bis jetzt 50 Bombenbauwerkstätten entdeckt. Und sie glauben, dass es noch viel mehr gibt. Falludscha, so sagt einer unserer Begleiter, das war der Kopf der irakischen Terrorschlange.

Jasem Mohammed Matar von der Antiterroreinheit Irak beschreibt die Lage: "Der IS hat sich rasend schnell überall im Nahen Osten ausgebreitet. Er ist wie ein Krebsgeschwür, und er wird sich weiter ausbreiten in Richtung Europa, mit vielen Anschlägen. Ich glaube, sie werden versuchen, Europa von innen aufzubrechen."

Das zerstörte Kaufhaus als Gedenkstätte

Vor dem zerstörten Kaufhaus
Vor dem zerstörten Kaufhaus

Wir verlassen das ehemalige IS-Hauptquartier Falludscha und kehren zurück nach Bagdad. Der Anschlagsort in Karrada – eine Gedenkstätte für die vielen Opfer. Amar, der Vater von Ahmed, zeigt seinem Schwager, welch verheerende Kraft die Detonation hatte: das früher so beliebte al-Leif-Kaufhaus – vollkommen zerstört.

Immer wieder müssen die beiden Männer über den Augenblick nachdenken, als sich ihr Leben in einen Albtraum verwandelte. Kurz nach ein Uhr Ortszeit am 3. Juli: Deutschland und Italien stehen im EM-Viertelfinale. Der 17-jährige Ahmed verfolgt mit Freunden das Spiel in einem Straßencafé direkt vor diesem Kaufhaus und ruft seinen Vater an. Amar Ahmed über das Telefonat: "Papa, es gibt ein Elfmeterschießen, hat er am Telefon gesagt, ein Tor nach dem anderen! Ein Wahnsinn, gerade ist wieder ein Tor gefallen." "Leg auf, mein Sohn", habe ich gesagt, "wenn das Spiel zu Ende ist, rufst du mich an." Das war unser letztes Gespräch. 15 Sekunden später rief ein Freund an und schrie: "Wo bist du? Es gab eine Riesen-Explosion!"

Der Sprengstoff, der für den Tod von Ahmed verantwortlich war und für den von 200 anderen Irakern, er wurde höchstwahrscheinlich 60 Kilometer von Bagdad entfernt produziert, in Falludscha.

Autor: Amir Musawy / Thomas Aders, ARD Kairo

Stand: 30.08.2017 13:45 Uhr

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