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Irak: Vom Befreier zum Monster

PlaySoldaten einer Eliteeinheit in Mossul
Irak: Vom Befreier zum Monster | Bild: imago

Geplant war eine Foto-Reportage über die Helden von Mossul. Als Ali Arkady mit der Spezialeinheit "Emergency Response Division" des Innenministeriums loszog, um die Befreiung von Mossul zu dokumentieren, wurde schnell klar: Aus Helden waren Monster geworden. Vergewaltigung, Folter und standrechtliche Erschießungen, das ist die Realität, die Ali Arkady dokumentierte. Schwer auszuhalten.

Aber Realität in der von Rache gesteuerten Gesellschaft des Irak. Und auf die trifft die Bundeswehr. Bis zu 800 deutsche Soldaten sollen ab April "Maßnahmen des Fähigkeitsaufbaus für die regulären irakischen Streit- und Sicherheitskräfte mit Fokus auf die zentralirakischen Streitkräfte" durchführen. Ein Film von Alexander Bühler, Alexander Stenzel und Eric Beres.

Diese Bilder stammen aus dem November 2016. Nacht-Einsatz einer irakischen Elitetruppe. In einem Dorf, unmittelbar vor der Stadt Mossul suchen sie nach Unterstützern des IS. Ein junger Mann wird aufgegriffen, er ist völlig verängstigt. Ist er ein Anhänger des IS-Kalifen Al Baghdadi? Die Soldaten verhören ihn.  "Wo hast du den Treueid für Al-Baghdadi geschworen!"  "In der Moschee, mein Herr!"  – "Bitte Gott um Vergebung!" – "Ich bitte um Vergebung!" – "Wisch deinen Mund ab."  – "Lass den Satan hinter dir!"

Von der Verbrüderung zum Verdacht

Was mit ihm am Ende passiert?  Auch er weiß es bis heute nicht. Ali Arkady hat die Szene selbst gefilmt. Wir treffen den irakischen Kriegsreporter an einem geheimen Ort. Denn seit einem Jahr ist er auf der Flucht. Seit er publik gemacht hat, wie die irakische Armee mitunter gegen Zivilisten vorgeht.  "Ich habe oft gesehen, wie sie Leute folterten. Ich habe mich immer gefragt, warum sie mich das haben sehen lassen, wie sie Leute folterten. Ich hatte große Angst, aber gleichzeitig war ich neugierig zu wissen, was sie noch alles machen."   

Ali Arkady sitzt am Computer
Ali Arkady  | Bild: SWR

Rückblick: Im Herbst 2016 rücken irakische Armee- und Sicherheitskräfte mit aller Macht auf die Stadt Mossul vor. Ortschaft um Ortschaft drängen sie die Terrormiliz IS zurück. Menschen können endlich deren Terrorherrschaft entfliehen. Verbrüderungsszenen zwischen Bewohnern und ihren Befreiern. Doch jungen Männern haftet ein Verdacht an: Gehörten sie dem IS an? Haben Sie den IS unterstützt? Ali Arkady ist zu dieser Zeit mit einer hochtrainierten Antiterror-Einheit unterwegs, der ERB, der "Emergency Response Brigade". Über Monate begleitet Arkady sie, gewinnt ihr Vertrauen. Er will dokumentieren, wie der gemeinsame Kampf gegen den IS das irakische Volk eint. Doch was Ali Arkady dann mit seiner Kamera festhält, hätte er nicht für möglich gehalten.

Folter vor laufender Kamera

Dieser Mann heißt Mahdi Mahmood, angeblich ein IS-Unterstützer. Die Männer der Emergency Response Brigade gefallen sich darin, ihn zu foltern. Vor laufender Kamera. Ein Dokument des Grauens, und nur ein Ausschnitt. In seiner Brutalität in Gänze nicht zu ertragen. "Ich hatte an diese Leute geglaubt", sagt Ali Arkady, "ich habe gesehen, wie sie an der Front kämpfen. Letztlich sagte ich mir, nein, hier geht es nur ums Business, die scheinen ein psychologisches Problem zu haben. Wenn sie an der Front sind, haben sie die Macht, Leute zu foltern."

Mann mit verbundenen Augen und an den Händen gefesselt
Bisher wurde noch keiner der Folterer verurteilt.  | Bild: SWR

Sind aus Befreiern am Ende vielfach Peiniger geworden? Donatella Rovera ist eine der profiliertesten Kennerinnen der Region, war vor kurzem selbst in Mossul. Für Amnesty International untersucht sie seit Jahren Menschenrechtsverletzungen bei irakischen Streit- und Sicherheitskräften. "Diese Menschenrechtsverletzungen sind sehr weit verbreitet. Amnesty International hat verschiedene Formen bei allen Armee- und Sicherheitskräften dokumentiert. Es geht um Folter von Gefangenen, willkürliche Hinrichtungen. Hunderte Männer und Kinder unter 18 Jahren sind einfach verschwunden".    

Herausforderungen der Bundeswehr im Irak

Im US-Bundesstaat Colorado treffen wir einen Mann, der viele irakische Soldaten kennt. Mitch Utterback, pensionierter US-Oberstleutnant hat sie vor Jahren selbst ausgebildet. Seine Zöglinge von damals, sagt er stolz, haben an vorderster Front gegen den IS gekämpft. Vor einem Jahr war Utterback erneut im Irak. Dieses Mal als Journalist. An der Front in Mossul filmt er Soldaten und Zivilisten, geprägt vom jahrzehntelangen Krieg. Er trifft auch auf die "Emergency Response Brigade". Also auf jene Einheit, deren Menschenrechtsverletzungen Kriegsreporter Arkady Monate später publik macht. Die Videos schockieren den Pensionär. Er sucht nach Erklärungen. "Jeder, der etwas vom Nahen Osten versteht, der weiß, dass Rache ein Teil der Kultur ist. Wer das nicht versteht, ist ungebildet. Aber die Leute, die das hier gemacht haben könnten nach irakischem Gesetz verfolgt werden."  

Und im Fall der "Emergency Response Brigade? Die Enthüllungen von Kriegsreporter Arkady wurden zunächst als "inszeniert" abgetan. Später räumt der irakische Ministerpräsident Haidar Al-Abadi einzelne Verfehlungen ein, doch verurteilt wurde bis heute niemand. 

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen begrüßt den irakischen Verteidigungsminister mit Handschlag
Die Bundeswehr soll die irakische Armee unterstützen. | Bild: SWR

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die irakischen Armee- und Sicherheitskräfte mit Know-how und Beratern unterstützen. Die umstrittene "Emergency Response Brigade" soll davon ausdrücklich ausgenommen sein, teilt uns ihr Ministerium mit. Menschenrechtsverletzungen im Irak müssten aufgeklärt werden. Doch reicht das? "Es ist absolut notwendig, dass die deutschen Behörden einen sehr konkreten Mechanismus aufbauen, um das Verhalten dieser Militär- und Sicherheitskräfte, die sie trainieren, zu überwachen", meint Donatella Rovera von Amnesty International, "damit sie sich eben nicht an Menschenrechtsverletzungen beteiligen." Und Ali Arkady sagt: "Meiner Meinung nach wird es sehr schwer für die deutsche Regierung, irakische Sicherheitskräfte über Menschenrechte aufzuklären, denn ihre Mentalität, ihre Methoden sind weit davon entfernt. Ich glaube, dass ist unmöglich." 

Ali Arkady muss fürchten, dass sich die Soldaten, die er gefilmt hat, an ihm rächen wollen. Ein Risiko, das er bewusst auf sich genommen hat. Denn nur durch Aufklärung, findet er, hat der Irak irgendwann eine Zukunft – ohne Folter und Machtmissbrauch.

Stand: 12.03.2018 13:31 Uhr

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