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Iran: Sorgen vor einem Aus des Atomdeals

Iran: Sorgen vor einem Aus des Atomdeals

Ahmad verdient sein Geld seit ein paar Monaten mit Taxifahren. Die Handy-App "Tap30" hat es ihm ermöglicht, denn über die kann man ohne Taxiagentur flexibel Fahrgäste befördern. Auf diese Weise können sich inzwischen Zehntausende im Iran etwas dazuverdienen. Das ist wichtig, denn eines der größten Probleme hier ist die Arbeitslosigkeit.

"Schade um die Beziehungen"

Die Menschen im Iran hatten auf wirtschaftlichen Aufschwung gehofft.
Die Menschen im Iran hatten auf wirtschaftlichen Aufschwung gehofft.

Längst sollte es eigentlich allen Menschen im Land besser gehen – das hatte Präsident Rohani versprochen. Wirtschaftsaufschwung nach dem abgeschlossenen Atomdeal. Doch bevor ihre Hoffnungen wahr werden können droht nun schon das Aus des Abkommens, und damit vielleicht neue Sanktionen. Die Menschen sind von der Politik enttäuscht, das mögliche Aufkündigen des Atomabkommens durch Präsident Trump macht sie wütend und fassungslos zugleich. "Ich will wirklich nicht, dass dieser Deal platzt", sagt Taxifahrer Ahmad Monajemi. "Ich mag nicht wieder einen Schritt zurückgehen. Wir haben uns so sehr über die neuen Beziehungen zum Ausland gefreut. Denn Beziehungen, vor allem mit den USA, wirtschaftliche und kulturelle, sind doch gut für uns. Es gibt so viele clevere gute Iraner, die in Amerika arbeiten. In der NASA, bei Apple oder Microsoft arbeiten sie in Chefpositionen. Ist doch schade um die Beziehungen."

Aus dem Ausland zurück in den Iran

In der Zentrale der Taxi-App "Tap30" arbeiten inzwischen 250 Personen. Begonnen haben die Gründer vor eineinhalb Jahren mit neun Mitarbeitern. Alle hier sind unter 30. Die Gründer studierten in Europa und den USA – die Hoffnung auf ein friedvolles Leben ohne Sanktionen hatte sie zurück in den Iran gebracht. "Ich liebe den Iran sehr, es ist meine Heimat und ich wollte die Wirtschaft hier positiv beeinflussen", sagt Hooman Damirchi, Co-Founder Head. "Wenn es die Umstände erlauben, dann doch am liebsten in meinem eigenen Land."

Rückschlag für die Taxi-App

Die Hoffnung auf ein friedvolles Leben ohne Sanktionen hatte viele junge Menschen zurück in den Iran gebracht.
Die Hoffnung auf ein friedvolles Leben ohne Sanktionen hatte viele junge Menschen zurück in den Iran gebracht.

2015 herrschte fast schon Goldgräberstimmung, erzählen sie mir. "Als ich mein Studium in Kanada beendete, wollte ich eigentlich nur für sechs Monate in den Iran", sagt Marketing-Managerin Golnar Mozaffari. "Aber als ich hier ankam und diesen unberührten Markt sah mit den vielen Möglichkeiten für Neues, blieb ich. Auslöser war für mich das Atomabkommen." Ihre App ist ein riesen Erfolg. Doch nun der Rückschlag: Vor einigen Wochen entfernte das amerikanische Unternehmen Apple ihre Taxi-App aus seinem Angebot. Alle iranischen Apps, in den meisten Fällen entwickelt von jungen motivierten Iranern, wurden verbannt. "Ich habe fast vier Jahre bei Apple in den USA gearbeitet und habe so etwas nie erwartet", sagt Pouya Hakimifar. "Apple spricht doch immer von Gleichberechtigung. Für mich als ein Ex-Mitarbeier von Apple ist es besonders traurig, diese Sanktionen jetzt erleben zu müssen.

Hardliner bekommen wieder Aufwind

Propagandaposter gegen die USA mehren sich wieder.
Propagandaposter gegen die USA mehren sich wieder.

Apple begründet das mit den Sanktionsregularien der US-Regierung. So etwas ist Wasser auf die Mühlen der Hardliner. Sie bekommen wieder Aufwind. Das hört und sieht man überall in Teheran. Sprachrohr dieses Kurses ist die Hardliner-Zeitung "Keyhan". Und den Ton bestimmt er, Hossein Shariatmadari, Chefredakteur. Er berät den Revolutionsführer seit Jahrzehnten. Feindschaft mit den USA: Seit Beginn der Revolution vor fast 38 Jahren eine der Säulen der Islamischen Republik. Nur die Ausstattung des Büros orientiert sich an Amerika. Präsident Trump eignet sich hier offenbar perfekt für Hetzreden. "Das ist doch alles ein Spiel der Amerikaner", sagt der Chefredakteur. "Sie tun so, als sei Trump verrückt und unberechenbar , so dass man vor ihm einknicken soll. Das ist eine Taktik, mit der wir seit Jahren konfrontiert sind, fast 39 Jahre. Für mich sind Trump, Obama, Bush, Reagan und Carter alle gleich."

Politik der gegenseitigen Vorwürfe

Junge Menschen wie Ahmad sind die Verlierer der Politik der gegenseitigen Vorwürfe..
Junge Menschen wie Ahmad sind die Verlierer der Politik der gegenseitigen Vorwürfe.

Die jungen Menschen im Iran wie Ahmad sind die Verlierer dieser Politik der gegenseitigen Vorwürfe. "Kommunikation und Beziehung mit dem Ausland ist doch das Wichtigste", sagt er. "Wie wäre sonst überhaupt das Atomabkommen entstanden." "Vielleicht sind Beziehungen das Wichtigste, aber der Atomdeal ist ein anderes Thema", sagt sein Fahrgast. "Unser Land mag vielleicht gezwungen gewesen sein, mit den anderen zu reden. Ist ja vielleicht auch nicht schlecht. Aber wir haben kein Vertrauen. Denn die Amerikaner werden ihr Wort nicht halten, selbst den Europäern gegenüber nicht und anderen mächtigen Ländern. Sie machen was sie wollen. Und wir müssen unser eigenes Ding machen." Der Taxifahrer entgegnet: "Bei allem Respekt, aber glauben Sie, dass wir ausgeschlossen von der Welt alleine irgendetwas schaffen können?" - "Ich sage ja nicht, dass wir keine Beziehungen zum Rest der Welt haben sollen, aber wir dürfen keine Beziehungen mit den Amerikanern haben."

Angst vor einem Leben ohne Freiheit

Ahmad hat sich entschlossen, in Rom Theaterwissenschaften zu studieren. Er wird den Iran nächste Woche verlassen. Es ist die Angst, die ihn forttreibt, die Angst vor neuen Sanktionen und einem Leben ohne Freiheit.

Autorin: Natalie Amiri, ARD Studio Teheran

Stand: 09.10.2017 14:29 Uhr

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