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Israel: Verlorene Kindheit unter Siedlern und Soldaten

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Israel: Verlorene Kindheit unter Siedlern und Soldaten

Das Zentrum von Hebron ist verwaist und verwahrlost. Hier hat die israelische Armee die Kontrolle. Palästinenser dürfen nicht rein – zum Schutz jüdischer Siedler. Nur Siedler können sich hier frei bewegen. Kameateams machen sie wütend: "Ich rede nicht mit dem Feind", schreit einer. Nur noch fünf palästinensische Familien leben hier – abgeschnitten, ausgegrenzt, alleingelassen.

Bedrängt und beschimpft von der Siedlerjugend

Jüdische Siedler bedrängen das ARD-Team.
Jüdische Siedler bedrängen das ARD-Team.

Wir wollen Yussuf und seine Familie besuchen. Sie leben neben einer jüdischen Siedlung. "Gibt es Probleme?" frage ich. "Ja. Er darf nicht mit!", antwortet der Soldat. Einer unserer Mitarbeiter hat den falschen Pass. Er ist Palästinenser. Sofort kommt die Siedlerjugend, bedrängt, beschimpft, filmt uns. Sie sieht ausländische Journalisten nicht gerne.

Flucht in Haus

Yussuf holt uns hinter der Sperre ab. Der Neunjährige wirkt verschreckt, hat Angst vor den Soldaten und vor allem vor den Siedlern. Zu Recht, denn schon fliegen Steine. Wir flüchten ins Haus. Dort überprüft Yussuf sofort, ob von draußen noch Gefahr droht. Doch die Lage entspannt sich. Ein Bus mit Siedlern verlässt die Straße.

Mit seiner Mutter Sahar lebt Yussuf in dem vierstöckigen Gebäude. Der Vater hat die Mutter verlassen. Seit seiner Geburt fehlt Yussuf ein Arm. Seine Mutter ist aber auf ihn angewiesen, denn sie ist taub. Yussuf hat die Gebärdensprache gelernt – viel Verantwortung für einen Neunjährigen. Er übersetzt auch uns die Antworten seiner Mutter. Wir fragen, warum sie nicht von hier wegziehen. "Uns fehlt das Geld dafür. Und draußen gibt es so viel Gewalt. Wir machen einfach die Tür zu und wollen Ruhe!“, sagen sie. Die Mutter schickt Yussuf zum Arbeiten, er soll die Tiere füttern.

"Lass uns nicht darüber reden"

Yussuf schaut in Hebron aus einem Fenster.
Nur noch fünf palästinensische Familien leben in Hebron im Sperrgebiet.

Gerade ist Fastenmonat Ramadan und keine Schule. Seine Freunde dürfen Yussuf hier im Sperrgebiet ohnehin nicht besuchen. So arbeitet er halt. Im Haus, im dritten Stock, halten Yusuf und seine Mutter in einer verlassenen Wohnung Ziegen, Schafe und Hühner. So können die beiden über die Runden kommen. Yussuf liebt seine Tiere und freut sich über jeden noch so kleinen Erfolg. Aber es ist harte Arbeit für einen Jungen mit nur einem Arm – vor allem das Füttern. Yussuf hat sich daran gewöhnt, alles allein zu machen. "Ich hätte gerne eine zweite Hand. Aber wir sind halt arm, haben kein Geld für eine Prothese. Lass uns weitermachen, lass uns nicht drüber reden", sagt der Junge. 

Vor allem Wasser ist hier ein Problem. Nur selten wird in dem Niemandsland zwischen jüdischen Siedlungen und militärischen Kontrollpunkten Wasser geliefert. Yussuf soll das Leck in den Tanks abdichten. Es gelingt nicht ganz. Der Junge zeigt vom Hausdach aus sein Viertel. Seit seiner Geburt kennt er nichts anderes außer Soldaten, Absperrungen und Schikanen. "Das ist meine Shuhada-Straße, mein Viertel. Keiner aus Hebron darf diese Gegend betreten. Wenn jemand erwischt wird, wird er geschlagen oder landet im Gefängnis", erzählt Yussuf. 

Hebron - eine Geisterstadt

Israelisches Militärfahrzeug fährt durch Hebron
Hebron gleicht seit über 20 Jahren einer Geisterstadt.

Hebron, die größte Stadt des Westjordanlands, ist eine Geisterstadt. Das Zentrum ist gesperrt für Palästinenser – und das seit über 20 Jahren. Seit einem Massaker, das ein jüdischer Siedler verübt hat und den anschließenden Ausschreitungen der Palästinenser. Vom Grab des Patriarchen, der Machpela, bis zur Siedlung Beit Hadassah ist die ganze Innenstadt abgeriegelt. Denn dort leben etwa 800 jüdische Siedler, beschützt von der israelischen Armee und unterstützt von der israelischen Regierung. Nur das Durchqueren des Zentrums ist den Palästinensern erlaubt.

Siedler: Wir sind die einzigen Herrscher hier!

An einem der Kontrollpunkte treffen wir Nurit, Leah und Michal. Sie arbeiten ehrenamtlich für die Menschenrechtsorganisation Machsom Watch , beobachten und protokollieren die Entwicklung. "Es gibt keinen Grund, warum ein Palästinenser, der hier lebt, kontrolliert werden soll. Das ist furchtbar. Als religiöse Jüdin kann ich das nicht verstehen und nicht akzeptieren, dass die Siedler hier alles im Namen Gottes machen“, sagt Leah Shakdiel. 

Doch die Frauen bleiben nicht lange unbeobachtet. Ein Siedler filmt und beschimpft sie als Nestbeschmutzer. Die Konfliktlinien verlaufen oft innerhalb der israelischen Gesellschaft. Viele stehen sich unversöhnlich gegenüber. "Die Lösung? Die gibt es schon: Die Palästinenser müssen einfach begreifen: Wir sind die einzigen Herrscher hier!", sagt Siedler Ofer Ohana.

Kindheit auf einem Hausdach

Yussuf Al Rajabi
Yussuf Al Rajabi kann in Hebron nicht frei leben.

Zurück zu Yussufs Haus in der Shuhada-Straße. Unter dem Schutz der Soldaten joggen Siedler – ihr tägliches Training. Yussuf darf das nicht. Sein einziger Spielplatz ist das Dach des Wohnhauses.  Hier lässt er einen selbstgebastelten Drachen fliegen. Einen anderen kann er sich nicht leisten. Doch Träume hat er: "Wenn ich groß bin, dann würde ich gerne Arzt werden."

Doch dann sieht Yussuf schönere Drachen über der Stadt. Die interessieren ihn mehr als unsere Fragen. Kurze, aber glückliche Momente im Leben des Neunjährigen. Eine Kindheit auf den Dächern von Hebron, in dieser unwirklich anmutenden Stadt.

Autor: Markus Rosch, ARD-Studio Tel Aviv

Stand: 29.09.2016 15:01 Uhr

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So, 28.06.15 | 19:20 Uhr
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