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Jordanien: Vergebliches Warten auf die Gäste

PlayGrabtempel in Petra, Jordanien
Jordanien: Vergebliches Warten auf die Gäste | Bild: SWR

Wenn Kriege, Anschläge und Angst einer ganzen Industrie den Garaus machen.

Die Nähe des Syrienkrieges, die Unsicherheit und die Flüchtlinge: Touristen reagieren sehr empfindlich auf jede Störung und Jordanien bekommt das derzeit besonders heftig zu spüren.

Während in der Türkei, in Ägypten und in Tunesien nach jahrelanger Flaute die Touristen langsam wieder kommen, bleiben sie in Jordanien weg.

Mann fährt auf Quad durch die Wüste
Kaum noch gebucht: mit dem Quad durch die Wüste | Bild: SWR

Mahmoud Fuad hat hier seinen Traum verwirklicht.  Er liebt die Wüste, er liebt Quads und er liebt es, Touristen die  Schönheiten der Wüste Wadi Rum zu zeigen. Wenn Mahmoud Ruhe sucht, geht er gerne allein zu seinem Lieblingsplatz in der von rotem Sand gefärbten Landschaft im Süden Jordaniens. "Wenn du in der Stadt arbeitest, dann ermüdet das deine Augen, du wirst krank, weil du nicht in die Weite schauen kannst, weil alles verbaut ist. Du hast deshalb eine negative Energie von den Menschen der Arbeit. Hier hast du eine positive Energie".

Kaum noch Touristen

Früher zog die Magie dieser Landschaft auch viele Touristen aus Deutschland an, doch jetzt kommen nur noch wenige. Das Camp Ali, in dem Mahmoud arbeitet, ist kaum gebucht. Das war mal anders und seine Quads liefen in der Wüste heiß. "Freitags und auch manchmal donnerstags haben wir noch viel zu tun. Früher war jeder Tag ein Freitag", erinnert er sich.

Touristenführer Awad Al Nawafleh
Touristenführer Awad Al Nawafleh wartet meist vergeblich auf Kundschaft | Bild: SWR

Ähnlich ergeht es Awad Al Nawafleh, der als Fremdenführer in der legendären Felsenstadt Petra arbeitet. Jeden Morgen kommt er hierher um seine Dienste Touristen anzubieten, meist vergeblich. "Früher sind die Touristen von Ägypten über Jordanien nach Syrien gereist. Nachdem es zu dem Konflikt in Syrien kam, ist der Tourismus eingebrochen, in der ganzen Region im Nahen Osten. Und deswegen haben die Touristen Angst hierher zu reisen", berichtet er. Die engste Stelle der Schlucht ist gerade mal 2 Meter 19 breit. Am Ende weitet sich der Blick auf den Tempel von Petra. Kaum jemand bestaunt dieses UNESCO-Weltkulturerbe, das wahrscheinlich im ersten Jahrhundert vor Christus von den Nabatäern  in den Fels gehauen wurde. "Petra sollte mindestens zwei bis drei Millionen Touristen  pro Jahr anziehen, aber es kommen nicht einmal eine halbe Million Besucher", sagt Awad Al Nawafleh.

Amphitheater bei  Ruinenstätte Petra
Kaum Touristen am Amphitheater von Petra | Bild: SWR

Die Nabatäer waren ein Händlervolk, das in Wohlstand lebte. Ein Zeugnis davon ist ihr Sinn für Unterhaltung. Sie bauten in Petra sogar ein Theater. Awad kann von Wohlstand nur träumen. Denn neben der Tourismuskrise kommt noch eine Wirtschaftskrise mit einer dramatischen Inflation hinzu. Der Benzinpreis ist zum Beispiel ist seit Beginn des Jahres um 20 Prozent auf umgerechnet 1 Euro 20 gestiegen."Die hohen Benzinpreise spüren wir überall. Wenn der Benzinpreis steigt, wird alles andere auch teurer: das Brot, das Wasser, der Strom, alles wird teurer." Die Inflation, so Awad, bekämen nicht nur die Jordanier zu spüren. Jordanien ist längst kein günstiges Reiseland mehr. Auch das hilft nicht gerade,  neue Besucher anzuziehen.

Awad lebt mit seinen jüngeren Brüdern zu Hause. Sein Einkommen ist zu gering um auszuziehen und ein eigenes Leben zu beginnen. Er beschreibt seine Situation: "Die Zukunft kann man natürlich nicht vorhersehen. Aber wenn ich die Mittel hätte, wäre ich schon längst verheiratet und hätte Kinder. Normalerweise heiratet man in Jordanien mit 25 Jahren und ich bin schon über 31."

Die Preise steigen zwar – das Land ist aber sicher

Mahmoud sieht seine Zukunft nicht ganz so pessimistisch. Immerhin hat er eine Kundin. Er fährt mit Charlene aus Frankreich in die Wüste Wadi Rum um den Sonnenuntergang zu genießen. Beide finden, dass Jordanien durch die Krisenberichterstattung in den Medien in einem schiefen Licht erscheint.

"Ich habe mich hier keine Sekunde unsicher gefühlt. Ich habe zuletzt in Paris gelebt und dort fühlte ich mich zeitweise unsicherer als in Jordanien als Touristin", erklärt Charlene. "Ich denke, die Leute sollten einfach kommen. Sie sollten nicht auf die Nachrichten hören und nur darauf schauen, was in Syrien, im Nahen Osten passiert, denn Jordanien ist stabil", bestätigt Mahmoud. Statistisch ist Jordanien eins der sichersten Länder der Region. Die meisten Touristen bekommen das aber gar nicht mit. Für sie ist der Nahe Osten ein Krisengebiet. Ohne Ausnahme.

Autor: Alexander Stenzel, ARD-Studio Kairo

Stand: 23.07.2018 16:31 Uhr

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