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Kolumbien: Rasende Mechaniker

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Kolumbien: Rasende Mechaniker

Abwärts – knapp überm Asphalt in einem Seifenkisten-Wagen. Kein Vergnügen für Raul und Gilberto – sondern ihr Job: Balineros, fliegende Mechaniker auf der Passstraße "La Linea". Vor Arbeitsbeginn wird die Seifenkiste geputzt – und geprüft. Funktioniert die Lenkung? Sind die Kugellager blockiert? "Am Anfang haben wir ein Stück Reifen um jedes Kugellager getackert. Später kam die LKW-Verkleidung dazu – und die ganzen anderen Details. So wurde unsere Seifenkiste immer hübscher", sagt Balinero Raul Martinez. Dann kommt der erste Auftrag – 400 Höhenmeter weiter unten. Die Bremsen funktionieren mit eigener Körperkraft und alten Autoreifen. Ein LKW hat den Geist aufgegeben. Rauls Diagnose: der Turbo. Bevor das Ersatzteil kommt, können Raul und Gilberto nicht anpacken.

"La Linea" sichert vielen das Überleben

"So ist "La Linea", du musst Geduld haben. Mal hast du Glück, mal nicht…", sagt der LKW-Fahrer Alvaro Bautista und Raul Martinez ergänzt: "Wenn Du Pech hast, bleibst du auf der Strecke liegen. Da bilden sich unendliche Staus." "La Linea", die bis 3.200 Meter hohe Passstraße zwischen dem Osten und Westen ist so etwas wie Kolumbiens wirtschaftliche Schlagader. Sie sichert Raul und Gilberto das Überleben. Genauso wie Alfredo. Er zeigt mit einem roten oder grünen Schild an, wer an einer engen Kurve fahren kann und wer nicht. Alle nennen ihn liebevoll "menschliche Ampel". Dankbar hinterlassen die Trucker stets ein paar Cent. Ein Stück weiter oben steht ein LKW-Wrack, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon. Andere Unfälle enden im Wochenrhythmus tödlich. "Die Bremsen erhitzen sich und geben ihren Geist auf. Es gibt Überschläge und Abstürze. Viele Unfälle", sagt Raul Martinez. Zurück am LKW von Alvaro Bautista. Auch Stunden später fehlt der Ersatz-Turbo. Der Fahrer lässt sich in der Zwischenzeit ein Mittagessen kommen. Köchin Flor Velandia versorgt sie alle, die Fahrer und die Balineros. Raul und Gilberto haben heute keine Zeit fürs Mittagessen. Ein Anruf, ein Job. Sie hängen sich an einen langsam fahrenden LKW voller Backsteine, der sie zum Einsatzort zieht. Diese Art Mitfahrgelegenheit hat Tradition. Früher geduldet auch von der Polizei, doch die kontrolliert jetzt, klagen Raul und Gilberto.

Ein Tunnel wird gebaut

600 Höhenmeter weiter oben: ein liegengebliebenes Auto - ein Fall für die fliegenden Mechaniker! Die Touristin Nydia Briceno ist überrascht: "Die Jungs haben sogar Werkzeuge dabei. Ich dachte, wir müssen hier erst mal lange auf Hilfe warten." Für Raul und Gilberto eine einfache Aufgabe. Das Auto ist überhitzt. Schlauch wechseln, Kühlwasser nachfüllen. Davon leben sie. 400 Euro im Monat verdienen die Balineros. Noch. Denn ihre Arbeitskraft – und auch die der LKW-Wäscher am Pass – wird wohl bald nicht mehr gebraucht. "Die Regierung hat hier ein wirtschaftliches und soziales Massaker vor. Sie denkt nur an den eigenen Profit. Aber hier gibt es doch noch überall Läden, LKW-Wäschereien und Mechaniker. Die sterben jetzt nach und nach aus", sagt der LKW-Fahrer Julio Andres Useche. Denn weiter unten an der Straße wird gebohrt. Ein Tunnel. 16 Kilometer lang – quer durch den Berg. "Wir sind doch an diese Art der Arbeit gewöhnt und leben davon. Von einem Moment auf den nächsten soll all das weg fallen? Wir wissen nicht, was wir tun sollen", klagt Raul Martinez. In einem Jahr wird vor Rauls Haustür kein LKW mehr vorbei fahren. Dann muss er mit seiner Familie wohl umziehen. Das Ende der Mechaniker in Seifenkisten.

Eine Reportage von Matthias Ebert (ARD Studio Mexiko)

Stand: 14.08.2017 13:36 Uhr

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