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Kuba: Amerika kehrt zurück

Kuba: Amerika kehrt zurück

Es scheint, als wolle Kubas sozialistische Regierung nicht zu viel Aufhebens um den Besuch des amerikanischen Präsidenten machen. Havanna bewegt sich im gleichen entspannten Takt wie immer, und alles hier macht den Eindruck, als solle der Klassenfeind nicht zu sehr hofiert werden. Schließlich hat der was gut zu machen, nach mehr als 50 Jahren Wirtschaftsembargo.

Vorbereitungen für den US-Präsidenten

Arbeiten am Rasen
Arbeiten am Rasen

Aber schlecht aussehen will man auch nicht. Also wird auf den letzten Drücker noch etwas Rasen gestutzt und es werden ein paar Schlaglöcher gefüllt vor allem aber das Baseballstadion von Havanna vorzeigbar gemacht. Barack Obama setzt bei seiner geschichtsträchtigen ersten Kubareise auf die verbindende Kraft des Sports. 88 Jahre nach dem letzten Besuch eines amerikanischen Präsidenten auf der Karibikinsel, bringt er eine Baseballmannschaft mit, die hier gegen eine kubanische Auswahl antreten wird.

Architekt Felix Travieso ist optimistisch: "Vielleicht bekommt dieses Spiel am Ende weltpolitische Bedeutung. Kuba kann jetzt seine Situation in Lateinamerika verbessern, nachdem unsere Außenbeziehungen lange nur von ideologischem Psychokrieg geprägt waren."

Kuba – ein Open Air-Museum?  

Ein Straßenkreuzer und Touristen
Ein Straßenkreuzer und Touristen

Kuba ist ein romantisches aber bankrottes 50er Jahre Museum, deshalb macht die Normalisierung der politischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten den Kubanern viel Hoffnung. Aber in 15 Monaten Tauwetter hat sich für die Menschen noch nicht viel verändert, außer dass die US-Interessensvertretung in Havanna, wo täglich hunderte Kubaner für Visa Schlange stehen, jetzt wieder eine offizielle Botschaft ist. Ansonsten geht es langsam voran mit der Annäherung.

Der US-Stützpunkt Guantanamo
Der US-Stützpunkt Guantanamo

Raul Castro stellt Bedingungen, die Obama nicht erfüllen kann. Der US-Kongress gibt bis jetzt weder grünes Licht für das Ende des Embargos noch für die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo in der Bucht ganz im Osten Kubas, die seit gut hundert Jahren US-amerikanisches Territorium ist.

Streitpunkt Guantanamo

George Derrick
George Derrick

George Derrick sagt: "Uns Kubanern, geht es nicht um die Frage 'Gefängnis oder nicht', sondern darum, die ganze Bucht von den Amerikanern zurück zu bekommen." Sein Großvater Nicholas Derrick hatte noch für harte Dollars auf der US-Basis gearbeitet. Der englischsprachige Einwanderer aus Jamaika bekam am Ende eine Rente, von der andere Kubaner träumen.

Enkel George ist heute Vorsitzender des British Welfare Center Guantanamo. Hier pflegen die Nachfahren der jamaikanischen Einwanderer ihr Englisch, obwohl es für sie schon lange keine Jobs mehr bei den Besatzern gibt. Heute würde den Amerikanern hier keiner mehr eine Träne nachweinen.

George Derrick macht klar: "Vergessen wir nicht, dass uns die Basis der Amerikaner viele Entfaltungsmöglichkeiten nimmt. Hier kann es keinen Fortschritt geben, so lange dieses Gefängnis in unserer Bucht ist. Erst wenn die Amerikaner verschwinden, sehe ich optimistisch in die Zukunft."

US-Freizeitpark Kuba?

Als Raul Castro und Barack Obama sich beim Amerikagipfel 2015 in Panama zum ersten Gespräch trafen, bezeichnete Kuba diese Grundsatzfragen als entscheidend für die Erfolgsaussichten der neuen Freundschaft: Die Rückgabe Guantanamos, das Ende des Wirtschaftsembargos und den Schutz des sozialistischen Systems vor dem kapitalistischen Einfluss.

Wirtschaftsprofessor Omar Eberleny berät die kubanische Regierung, ist einer der Vordenker im Reformprozess, den Kuba vor fünf Jahren angestoßen hat. Der Befürchtung, die USA könnten Kuba in einen ihrer Freizeitparks verwandeln, tritt er selbstbewusst entgegen: "Wir wollen nicht die Geschichte von vor der Revolution wiederholen, als sich unsere Geschäftsbeziehungen zu 80 bis 90 Prozent auf die Vereinigten Staaten konzentriert hatten. Jetzt ist unsere Strategie, ein Gleichgewicht aus Geschäften mit den USA, Europa und Asien aufzubauen."

Doch auch diese Strategie bringt bis jetzt noch kein Geld ins Land. Das Embargo blockiert immer noch alles. Nur der Tourismus boomt: jeder will noch schnell das alte Kuba sehen. Und immer Besucher mehr kommen aus den USA. Dieser Amerikaner erklärt seine Situation: "Wenn wir nach Kuba kommen wollen, muss die Reise dem kulturellen Austausch dienen. Amerika erlaubt uns noch nicht, als Touristen nach Kuba zu reisen. Deshalb können wir hier nicht einfach Urlaub machen, sondern müssen uns Vorträge anhören." Eine Amerikanerin macht sich Sorgen: "Ich befürchte, dass bald zu viele Amerikaner hierher kommen. Das könnte Kuba schaden. Wenn wir Kuba jetzt überlaufen, könnte das der Insel etwas von seiner Besonderheit nehmen."

Die Wirtschaft ist das Problem

Alejandro Reyes
Alejandro Reyes

Doch viele Kubaner haben gemerkt, dass es dauern wird, bis die die neue Beziehung zu den USA ihnen nutzen wird und verlieren langsam die Geduld. Alejandro Reyes wohnt jetzt mit seiner Mutter alleine. Bis vor kurzem hat er alles gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Gerardo gemacht, von dem ihm jetzt nur ein Foto aus Kindertagen geblieben ist. Denn Gerardo ist auf der Flucht über Ecuador durch Mittelamerika in die USA, die ihm als Kubaner immer noch problemlos Bleiberecht geben. Alejandro ist nüchtern: "Es fehlt so viel hier in Kuba, und es wird doch nicht besser, es wird schlechter. Deshalb sehe ich meine Zukunft bei meinem Bruder in Amerika."

Alejandros Oma hat zusammen mit Fidel Castro in der Revolution gekämpft. Bis heute genießt die Familie deshalb ein paar Vorteile. Trotzdem fehlt es an allen Ecken. Mirta Romero, Mutter von Alejandro und Gerardo: "Wir haben überhaupt kein Problem mit unserer Politik sondern mit unserer wirtschaftlichen Lage. Ich war Soldatin als ich jung war, meine Mutter Revolutionärin, mein Vater Chirurg. Mit der Politik unseres Landes bin ich einverstanden, mit der Wirtschaft nicht."

Den Gedanken, beide Söhne an Amerika zu verlieren, kann Maria Reyes kaum ertragen. "Obama", sagt sie, "soll lieber helfen, das Leben in Kuba einfacher zu machen. Dann muss niemand mehr fliehen."

In ein paar Stunden landet der US-Präsident in Havanna. Und trotz Baseballdiplomatie wird es ein schwerer Weg zu normalen Beziehungen. Ein Kapitel in den Geschichtsbüchern dürfte Obama sicher sein, weil er ganz ohne Revolution Kuba in eine neue Epoche hilft.

Autor: Peter Sonnenberg, ARD Mexiko-Stadt

Stand: 26.11.2016 13:42 Uhr

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