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Mexiko: Die Heilige gegen Gentrifizierung

PlayHeiligenfigur Santa Marí la Juaricua
Mexiko: Die Heilige gegen Gentrifizierung | Bild[1]: SWR

Zwei Künstler, eine Puppe aus dem Müll und rasant steigende Wohnungspreise im Herzen von Mexiko-Stadt. Eigentlich sollte es ein Kunstprojet sein, doch dann wurde weit mehr daraus: Eine Heilige. Anfangs noch ironisch gebrochen, doch dann verselbstständigte sich das Projekt – zumindest ein bisschen.

Die Heilige Santa Marí la Juaricua wird angebetet. Eine Volksheilige, die helfen soll, was normale Menschen nicht mehr abwenden können: Die Verdrängung der angestammten Bewohner aus ihrem Stadtteil durch die Hipster. Joana Jäschke, ARD-Studio Mexiko.

"Santa Marí la Juaricua, Heilige und Tochter, Beschützerin vor der Gentrifizierung, Rette mich vor der Umsiedlung, Vor den Mietsteigerungen, Schütze mich vor der Gentrifizierung"

Heiligenfigur
Santa Marí ist keine gewöhnliche Heilige | Bild: SWR

Nein, Santa Marí ist keine gewöhnliche Heilige. Mit der Kirche hat sie nichts am Hut, sagen Jorge Baca und Sandra Valenzuela. Die Künstler müssen es wissen. Sie haben Santa Marí erschaffen, als Hipster-Heilige, mit einer ganz weltlichen Mission: "Die Dinge waren so schwierig", erzählt Jorge Baca, "in diesem ungleichen Kampf – Immobilienfirmen, Regierung gegen die Bürger – dass wir dachten: Nur eine Heilige, mit einem guten Draht zu Gott, kann uns Bürgern helfen."

Hipster in Mexiko-Stadt

Mit Hilfe einer Heiligen kämpfen sie gegen ein weltweites Problem, das längst auch Mexiko-Stadt erreicht hat: Mieterhöhungen, Luxussanierungen. Gestylte Lokale, statt der urigen Eckkneipe. Luxus-Apartments statt bezahlbarer Wohnungen. Ganze Stadtviertel durch-gentrifiziert. Wenn die internationalen Ketten kommen, dann, meint Sandra, sei der Höhepunkt erreicht. "Dann entsteht so eine Art Zombie-Stadt, häufig sieht dann jede Ecke gleich aus und könnte überall auf der Welt sein." Globales Hipstertum. Im angesagten Viertel Roma sind die Mietpreise in den vergangenen Jahren um 40% gestiegen. Die Politik, meint Sandra, schaue einfach weg, wenn die mit dem Geld kämen. "Es entwickeln sich Städte nur noch für Reiche. Zonen, in denen Leute, die hier ihr ganzes Leben verbracht haben, Traditionsgeschäfte, nicht mehr bestehen können.  Alle, die dem Viertel mal seinen Wert gegeben haben."

Werbung für Luxus-Apartments
Luxus-Apartments statt bezahlbarer Wohnungen – auch in Mexiko-Stadt | Bild: SWR

Was bei Sandra schon Realität ist, geht jetzt auch in Jorges Viertel "Santa Maria la Ribera" los. Viele alteingesessene Geschäfte. Aber auch hier warten Investoren und Immobilienfirmen. Gegen sie hatte Joel Flores keine Chance: Als sein alter Vermieter starb, flatterte ihm die Räumungsklage ins Haus: Ausländische Investoren wollten ein schickes Apartmenthaus bauen. Für ihn und seine Eltern war kein Platz mehr. Über ein Jahr lang zog sich das Gerichtsverfahren. "Die Immobilienfirmen kamen mit der vollen Macht ihrer Anwälte und sagten: Wir sind jetzt hier die neuen Besitzer. Sie warfen uns vor, unsere Miete nicht zu zahlen, aber das stimmte nicht. Aber am Ende haben sie uns rausgeschmissen." Jetzt wohnt er auf weniger Raum am Stadtrand, zahlt aber mehr Miete. Auch deshalb gehört er zu den Jüngern von Santa Marí, der Heiligen gegen die Gentrifizierung – der einige bereits übersinnliche Kräfte nachsagen. "Es gibt Gerüchte", sagt Jorge, "dass die Heilige Wunder vollbracht haben soll. Einige Leute im Viertel sagen, ihnen sei eine Frau erschienen, die genauso aussah, wie die Heilige. Und diese Frau soll ihnen geholfen haben, eine Zwangsräumung zu verhindern."

Heilige helfen in allen Lebenslagen

Frau trägt Figur der Santa Marí la Juaricua
Maskottchen einer Bürgerbewegung: Santa Marí la Juaricua | Bild: SWR

Die "Heiligen" haben im katholischen Mexiko eine lange Geschichte. Sie helfen in allen Lebenslagen. Neben den Kirchenheiligen – auch immer mehr Volksheilige: Jesus Malverde, Schutzpatron der Drogenbosse. Oder Santa Muerte, die Mutter des Todes, zu der viele Kleinkriminelle beten. Wie diese beiden, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden. "Sie passt auf uns auf, bewahrt uns vor dem Gefängnis, Sie hilft uns mit allem." Und gibt es für ein Problem mal keine Heiligen, dann werden welche geschaffen. So wie Santa Mari la Juaricua. Ein Kunstprojekt seit knapp zwei Jahren und mittlerweile Maskottchen einer Bürgerbewegung. Es ist Sonntag. Tanz-Nachmittag im Park von Santa Maria la Ribera. Sandra und Jorge nutzen die Öffentlichkeit, klären auf: "Sie ist eine Heilige, die sich für eine durchmischte Stadt einsetzt", sagt Sandra. "Die nicht will, dass die Originalbewohner gehen müssen, weil die Mieten so stark steigen." Den nächsten Tanz widmen wir Santa Marí la Juaricua!

Joel, der seine Wohnung räumen musste, tanzt für die Heilige. Sie hat dem Thema Mietsteigerung ein Gesicht gegeben. Und welche weiteren Wunder hat sie vollbracht? "Es ist ein Erfolg", meint Jorge, "dass die Leute hier auch über die Heilige hinaus miteinander ins Gespräch kommen. Viele engagieren sich jetzt, um etwas gegen die Gentrifizierung zu unternehmen." Aufhalten werden sie das Problem der steigenden Mieten eher nicht. Doch wenn es eine Chance gibt – da sind sich alle sicher – dann nur mit Hilfe von ganz oben.

Stand: 13.05.2018 21:09 Uhr

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